Gesundheit : Ich sage bitte und danke

Auch Rücksichtnehmen will geübt sein: Erste Erfahrungen mit dem Benimm-Training in der Schule

Gudrun Weitzenbürger

Es geht laut zu in der fünften Klasse der Steinwaldschule, ein Gymnasium im saarländischen Neunkirchen. Die kurze Pause zwischen zwei Unterrichtsstunden nutzen viele Schüler dazu, durchs Klassenzimmer zu toben, die Tafel zu bemalen und ein neues Ballspiel auszuprobieren. Die elfjährige Katja beobachtet, wie ein Junge ihrer Freundin etwas ins Heft kritzelt. „Das darfst du nicht“, sagt Katja. Sie verlangt, dass der Mitschüler sich bei dem Mädchen entschuldigt. Das tut er. Aber nicht nur das. Er bringt Katjas Freundin am nächsten Tag sogar ein neues Heft mit.

Gutes Benehmen und faires Verhalten sind keine Eigenschaften, mit denen Kinder auf die Welt kommen. Wie vieles andere auch müssen sie lernen, Toleranz und Rücksichtnahme zu üben. „Das geht nicht von allein“, sagt Karin Weiskircher-Hemmer, Direktorin der Steinwaldschule. Seit einem Jahr nimmt sie zu Beginn des Schuljahres jeden Fünftklässler einzeln zur Seite und geht mit ihm die so genannte Steinwaldvereinbarung durch. Darin hat sie in sieben Punkten festgehalten, wie sich die Lehrer den Umgang der Schüler untereinander wünschen. Nämlich „ein fairer Lernpartner“ zu sein, „Gewalt zu vermeiden“, „dass ich grüße und ,bitte’ und ,danke’ sage“, „dass ich mich ernst gemeint entschuldige“, „fremdes Eigentum pfleglich behandle“, „pünktlich und verlässlich bin“ und außerdem „leistungsbereit und teamfähig bin“.

Was in der Steinwaldschule bereits praktiziert wird, soll nun flächendeckend im Saarland eingeführt werden. Das Bundesland ist das erste, das einen Benimm-Training eingeführt hat – nach den Osterferien 2004. Im August vergangenen Jahres war es allerdings der Bremer Schulleiter Karl Witte, der gleich nach den Sommerferien das Fach UBV (Umgang, Benehmen, Verhalten) einführte, nachdem er vorher vergeblich versucht hatte, seine Schüler auf einen Grundregelkatalog zu verpflichten. Bremens Schulsenator Willi Lemke sekundierte dem strengen Pädagogen. Schüler „müssen sich wieder höflicher und respektvoller verhalten“, sagte Lemke und löste damit eine bundesweite Diskussion aus. Die GEW und die Grünen protestierten. „Uns ist eine freche, kritische und aufmüpfige Jugend lieber“, sagte ein saarländischer Nachwuchs-Grüner. Aber nach einer Umfrage von Infratest dimap sind 77 Prozent der Bundesbürger dafür, dass Schulen gutes Benehmen, Höflichkeit und Ordnung vermitteln.

„Respekt + Co“ heißt das saarländische Werk, das eine Arbeitsgruppe aus Lehrern, Erziehern, Künstlern, Handwerkern ausgearbeitet hat. „Wir müssen uns in unserer Gesellschaft wieder bewusst werden, wie wir miteinander umgehen“, sagt Annette Reichmann vom Kultusministerium. Die „Materialsammlung“ wurde im Februar zu Beginn des zweiten Halbjahres an alle Schulen verteilt. Regulären Benimm-Unterricht wird es im Saarland nicht geben. Die Lehrer sollen vielmehr mit ihren Schülern „quasi zwischendurch gutes Verhalten üben“, sagt Reichmann. Das heißt in der Praxis: Die neuen Regeln werden nach Bedarf herausgeholt und mit den Kindern geübt. Auf rund 100 Seiten ist in fünf Kapiteln beschrieben, wie die Kinder miteinander reden und wie sie miteinander umgehen sollen. Außerdem wird zwischen Mein und Dein getrennt, das Verhalten in der Öffentlichkeit trainiert und der Übergang ins Berufsleben erklärt.

Schulprogramme, in denen Betragen, Fleiß, Mitarbeit und Ordnung geübt werden, gibt es mittlerweile in sechs Bundesländern: im Saarland, in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Rheinland- Pfalz, Niedersachsen und Hessen. Auch Thüringen und Sachsen-Anhalt wollen Benimm-Unterricht einführen. In Bayern will man im Zeugnis lediglich Bemerkungen über das Verhalten einführen. Und man werde Störenfriede härter sanktionieren, heißt es – bis hin zu Schulverweisen.

Und wie reagieren die Schüler auf Respekt+Co? Die 11-jährige Lilli, seit einem halben Jahr auf der Steinwaldschule, findet die Regeln gut: „So wird man nicht nurvon den Eltern, sondern auch in der Schule daran erinnert“, sagt Lilly. Auf ihrer alten Schule, wo es keine Benimm-Appelle gab, wurde viel mehr gestritten. Experten sind allerdings skeptisch, ob es so leicht ist, Kinder zu Respekt und Anstand anzuhalten. Regeln aufstellen ist die eine Seite. Doch was passiert, wenn sie gebrochen werden? „Lehrer müssen spontan in jedem Einzelfall entscheiden, wie sie handeln“, sagt Direktorin Weiskircher-Hemmer. „Verschmiert ein Schüler die Bänke, muss er sie wieder sauber machen“, berichtet sie aus ihrem Schulalltag. „Wir lassen die Schüler auch schon einmal Aufsätze schreiben, wie es hätte anders laufen können.“ Wichtig sei vor allem, dass der Lehrer konsequent eingreife.

Das ist nicht überall so. Brigitte Latzko, Psychologin an der Universität Leipzig, hat in den letzten zehn Jahren untersucht, wie Schüler soziale Regeln und den Umgang der Lehrer mit Regelbrüchen beurteilen. Ein Ergebnis ihrer Studie: Schüler fühlen sich von ihren Lehrern oft ungerecht behandelt, wenn Regelverstöße geahndet werden. „Sie reagieren mit Nachsitzen oder Motzen“, klagen die Schüler. Die Psychologin kommt zu dem Schluss, dass Lehrer „wenig konsequent sind und zum anderen nicht differenziert eingreifen“. Sie wirft ihnen vor, dass „sie den Unterrichtsablauf im Kopf haben und mal schnell eingreifen, ohne die Konsequenzen zu bedenken“. Das führe aber dazu, dass Schüler sich nicht ernst genommen fühlten. „Hinter jedem Regelbruch steckt ein kleines oder großes Problem, über das geredet werden muss“, sagt Latzko.

Die Lehrer für das Thema Respekt zu sensibilisieren, ist auch nicht leicht. „Es ist ein sensibles Thema“, sagt Latzko. Lehrer fühlten sich generell angegriffen, wenn eine an sich selbstverständliche pädagogische Tugend eingefordert wird. Pädagogen von heute seien oft verunsichert. Die von den Schülern beklagten Ungerechtigkeiten erklärt sie so: „Bricht ein Schüler eine Regel, so wird dies nicht moralisch gewertet, sondern an der Leistung gemessen.“ Hat der Schüler gute Noten, übergeht der Lehrer sein schlechtes Verhalten und umgekehrt. Latzko ist der Ansicht, dass Lehrer nicht nur unterrichten, sondern auch erziehen sollten. Doch oft verträten sie die Ansicht: „Wenn die von zu Hause nichts mitbringen, was sollen wir dann machen.“ Grundschullehrer seien noch eher bereit zu erziehen, Gymnasiallehrer aber in der Regel nicht mehr.

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