Gesundheit : Im Grunde bin ich ein Künstler

TOM HEITHOFF

Serie Studiengänge: Viele, die sich für Theaterwissenschaft einschreiben, wären lieber SchauspielerVON TOM HEITHOFF"Ich studiere zwar Theaterwissenschaft, aber im Grunde bin ich Künstler." Bekenntnisse dieser Art, die man zwar nicht oft laut, aber sehr oft leise im Institut für Theaterwissenschaft vernehmen kann, geben dem Studierenden ohne Schauspielambitionen ein ungutes Gefühl.Irgendwer ist falsch hier ...All die unerkannten Bühnenkünstler wollen sagen: Ich gehöre eigentlich nicht in die profane Wissenschaft, ich gehöre in die Schauspielklasse einer Kunsthochschule.Da ihnen aber weder "Ernst-Busch" noch die Hochschule der Künste die Türen öffnen wollten, sitzen sie im Seminar über Brechts Verfremdungseffekt, sind mit ihren Gedanken schon bei der nächsten Aufnahmeprüfung und üben sich im Posenmachen.Der Studierende, den es nicht auf die Bühne zieht, hat zwei Möglichkeiten, dem zu begegnen.Entweder er wirft sofort das Handbuch und erzählt seinen Freunden, daß bei den Theaterwissenschaftlern nur eingebildete Künstlerseelen umherschweben (dann erfährt er allerdings nicht mehr, daß dies nur die halbe Wahrheit ist).Oder er bemüht sich um eine ästhetische Sichtweise und betrachtet jene Gestalten als Figuren in einem ganz eigenen Schauspiel.Es dauert nicht übermäßig lang, denn spätestens im Hauptstudium sind sie alle davongeflogen.Die einen frustriert vom Analysieren und Interpretieren, die anderen überglücklich, weil sie doch noch den Sprung in die Praxis geschafft haben.Es sind übrigens nicht wenige, die nach einem Jahr der künstlerischen Seelenentblößung auf irgendeiner obskuren privaten Schauspielakademie völlig entnervt wieder bei den Theaterwissenschaftlern anklopfen.Eine Theateraufführung ist eine flüchtige Sache.Nichts kann sie fixieren und wiederholen - auch kein Videoband.Nichts von ihr läßt sich zitieren.Deshalb wird im Grundstudium, neben Theatertheorie und -geschichte, schwerpunktmäßig die Aufführungsanalyse geübt.In dieser "Schule des Sehens" geht es darum, ein Gefühl für den Bühnen-Raum zu bekommen und die Wahrnehmung zu schärfen: In welchem Verhältnis stehen Hören und Sehen, Körper und Raum zueinander?Theater ist aber nicht nur flüchtig, es ist auch ein Kind vieler Eltern."Der Gegenstand unsere Faches ist von einer einzigen Disziplin eigentlich gar nicht zu fassen; beteiligt sind Schauspieler, Musik, Literatur, bildende Künste", sagt Erika Fischer-Lichte, Direktorin des theaterwissenschaftlichen Instituts der FU.In der Abteilung Theater und die anderen Künste studiert man diese interdisziplinären Beziehungen - unterstützt von Dozenten aus den literatur-, musik- und kunstwissenschaftlichen Flächern.Noch beherbergt das Institut auch die Film- und Fernsehwissenschaftler, in Zukunft jedoch wird das Fach rein "theatralisch" fortgeführt, während die Filmwissenschaft einen eigenständigen Studiengang bildet.Dann müssen sich die Filminteressierten endlich nicht mehr in den - bislang auch für sie obligatorischen - Theaterseminaren langweilen.Das theaterwissenschaftliche Institut ist keine Akademie.Es will keine künstlerische Ausbildung anbieten, sondern der Kunst ins Herz gucken.Man untersucht Stanislawskis Schauspielmethode der "produktiven Einfühlung", aber übt keine Rollen ein.Man diskutiert das Regiekonzept eines Christoph Marthaler, aber inszeniert nicht.Ohne theoretisches Interesse wird man sich sehr wahrscheinlich quälen.Nachzudenken gibt es genug - angefangen bei der Frage, was Theater überhaupt ist (Reicht es, sich selbst etwas vorzuspielen oder gehört ein Mitspieler, ein Zuschauer dazu? Entsteht Theater auf der Bühne oder im Kopf des Betrachters?) bis zur Frage, welchen Einfluß es auf den einzelnen oder die Gesellschaft hatte, hat und haben kann.Ein Pfad allerdings führt auch aufs theaterpraktische Terrain.Für die Dramaturgie, ein klassisches Berufsziel vieler Theaterwissenschaftler, ist ein neu eingerichteter Wahlpflichtbereich im Grundstudium zuständig.In Zusammenarbeit mit Berliner Theatermachern führt man "theoriegeleitet" in die dramaturgische Arbeit ein.Der Dramentext wird hierbei weniger literaturwissenschaftlich als vielmehr im Hinblick auf eine mögliche Inszenierung gelesen."Seminare, die das Drama wie ein Stück Literatur behandeln, sollen in der Literaturwissenschaft gemacht werden.Hier muß es als Material für Aufführungen betrachtet werden", sagt Fischer-Lichte.Wie könnte man einen Text zusammenstreichen? Unter welchen Gesichtspunkten? Mit welchem Ziel? Dies sind die zentralen Fragen.Und nach dem Studium? Was macht der "Thewi", wenn er kein Drama zurechtstutzt? Er schreibt vielleicht in einer Kritik, wie schlecht ein Drama zurechtgestutzt wurde.Ansonsten fährt er Taxi wie Kollege Germanist, Philosoph und Kunstgeschichtler.Und für einige ist das Studium ein idealer Begleiter auf dem Weg in die Regie.Nicola Schulz hat sich ganz bewußt für das wissenschaftliche Studium entschieden: "Ich möchte ein Stück, eine Aufführung analysieren, ästhetisch beurteilen und einordnen können, bevor ich mich selbst ans Werk mache.Denn wenn ich inszeniere, will ich zugleich ein möglichst kompetenter Kritiker meiner Arbeit sein."In ihrer Magisterarbeit vergleicht sie zwei Aufführungen von "Warten auf Godot" und geht der Frage nach, mit welchen Mitteln die Regisseure denselben Dramentext einmal als pessimistisches Menschheitsdrama und einmal als Komödie erscheinen lassen - ein "typisches" Thema in diesem Fach.Sie könnte aber genausogut über die Selbstinszenierung der Schauspieler schreiben, die sich in das Haus der Theaterwissenschaftler verirrt haben.Theater findet eben nicht nur auf der Bühne statt. Bisher erschienen: Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation (26.5.97), Skandinavistik (9.6.97), Politologie (1.7.97), Kulturwissenschaft (17.7.97) Maschinenbau (14.8.97), Germanistik (11.9.97), Instrumentalstudium (2.10.97), Biologie (4.10.97).Medizin (3.1.98)

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