Gesundheit : Im Krieg sind die Geschlechter fein säuberlich getrennt

Andrea Roedig

Im zweiten Weltkrieg haben britische Frauen an der Front Kanonen nachgeladen. Abschießen aber durften sie sie nicht. Amerikanischen Pilotinnen war es bis vor einigen Jahren zwar erlaubt, Kampfjets in der Luft zu betanken, aber selber Einsätze zu fliegen, das war ihnen verboten. Die Armee hat eigentümliche Regeln.

Geschlecht spielt eine wesentliche Rolle im Militär, doch bisher wurde wenig getan, um sie zu untersuchen. Die Universitäten haben die Militärhistorie lange dem Militärgeschichtlichen Forschungsamt als Teil der Bundeswehr überlassen. Und den feministischen Wissenschaftlerinnen, zuständig fürs Geschlecht, war das Untersuchungsfeld "Armee" politisch suspekt.

1942 gab es 500 Wehrmachtsbordelle



Einen neuen Trend zeigte das internationale Colloquium "Geschlechter-Kriege. Militär, Krieg und Geschlechterverhältnisse 1914-1949" am Wochenende in Berlin. Veranstaltet wurde die Tagung vom Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der TU und dem 1995 gegründeten Arbeitskreis Militärgeschichte, der immerhin 30 Prozent weibliche Mitglieder zählt. Hier fand sich eine Allianz, die vor ein paar Jahren noch nicht denkbar gewesen wäre: vom grauen Fischgrät-Anzug der älteren Historiker zu den Workers-Jeans des niederländischen Professors für "gay and lesbian studies", vom feinen Lederdress und blonden Zopf des Männerforschers bis hin zum Arbeitskluft-Kostüm der Kulturwissenschaftlerinnen.

Dass man Frauen nicht im Krieg vermutet, liegt vor allem an der Vorstellung, Krieg sei Kampf und Kampf sei männlich. Doch zum Krieg gehört mehr und da haben Frauen schon früh viele Aufgaben übernommen. Im 18. Jahrhundert, so Barton C. Hacker (Washington), folgten Unterschichtsfrauen als "camp followers" den Truppen: sie wuschen, kochten, nähten, versorgten die Verwundeten. Im frühen 20. Jahrhundert waren es vor allem Frauen der Mittelschicht, die sich als Freiwillige zum Militärdienst meldeten. Und das nicht zuletzt deshalb, weil zu dieser Zeit die Uniform zum Symbol des Bürgerrechts wurde. Frauen dienten als "Frauenhilfscorps", als "Wehrmachtshelferinnen", Krankenschwestern. Nur wirklich kämpfen sollten sie nicht.

Traditionell begründet man die unterschiedlichen Funktionen von Frauen und Männern beim Militär mit der Biologie der Geschlechter und dem "Schutz der Frauen". Man will sie, so heißt es, vor dem Gefecht bewahren. Dieses Argument, meinte Ruth Seifert (FH Regensburg), sei eine "Folklore des Militärs". Frauen waren an allen Kriegen beteiligt, und sie sind - im zwanzigsten Jahrhundert gerade als Zivilistinnen - vor dem Krieg nicht mehr zu schützen. Es geht also um etwas anderes, vorzugsweise um ein männliches Gewaltmonopol. "Es geht hier nicht um reale Gefahrenvermeidung, sondern darum, zu verhindern, dass Frauen andere Körper beschädigen", sagte Seifert.

Doch ihre Körper wurden durch kriegführende Männer beschädigt. So gehört zu den meisten Kriegen auch sexuelle Gewalt gegen Frauen. Birgit Beck (Bern) hat "Vergewaltigungen durch deutsche Soldaten im zweiten Weltkrieg" untersucht und dazu Militärgerichtsakten ausgewertet. Aus ihnen wird deutlich, dass Vergewaltigungen an der Ostfront wesentlich weniger hart geahndet waren als im Westen. Bestraft wurden die Soldaten überdies nicht wegen des Vergehens selbst, sondern weil sexuelle Übergriffe "das Ansehen der Wehrmacht im Feindesland" schädigten und die Disziplin schwächten. Die Militärführung wollte die Sexualität ihrer Soldaten unter Kontrolle haben. Die Einrichtung von 500 Wehrmachtsbordellen bis 1942 war ein Mittel hierzu.

Sexismus und Rassismus - die Kriegspropaganda schreckt auch davor nicht zurück. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür gab Christian Koller (Zürich) anhand deutscher und französischer Propaganda aus dem ersten Weltkrieg und der Zeit der französischen Besatzung des Rheinlandes. Hier waren in großer Zahl nichtweiße Soldaten aus den Kolonien eingesetzt. Während die deutsche Seite sie als "schwarze Teufel" mit tierischen Instinkten schilderte, "die von Vergewaltigung zu Vergewaltigung taumeln", beschrieb die französische Seite die Schwarzen als infantile Kinder, später als edle Wilde. In der deutschen Propaganda erschienen die Französinnen als Huren der "Neger", die deutschen Frauen als deren Opfer.

Durch nichts wird militärische Männlichkeit stärker in Frage gestellt, als durch die versehrten Körper der Kriegsheimkehrer. "Zeige deine Wunden nicht", sei die Grundmaxime der Weimarer Republik gewesen, erklärte Sabine Kienitz (Tübingen). Sehr rasch habe man versucht, mit der massenhaften Produktion von Prothesen den "Mann", seine Arbeitskraft und seine Funktion als Ernährer der Familie wieder herzustellen. Dabei strebte man nicht die genaue Imitation der Gliedmaßen an, sondern Funktionalität. Nicht die körperähnliche "Sonntagshand", sondern die sogenannte "Kellerhand", eine rein funktionale Klaue, wurde zum Standard. "Der Invalide taugte nicht zum Helden", sagte Kienitz, "die Technisierung des Körpers war ein, freilich zum Scheitern verurteilter, Versuch, den versehrten Körper wieder zu vermännlichen".

Invaliden taugen nicht zum Helden



Auch die zwei Millionen Soldaten, die zwischen 1945 und 1955 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrten, stellten die tradierte Geschlechterordnung in Frage. Wie sollte man mit den als "defizitäre Männer" wahrgenommenen Heimkehrern und ihren Erinnerungen umgehen? Frank Biess (Rutgers University) zeigte, welche unterschiedlichen Bewältigungsstrategien die beiden deutschen Staaten für die Integration zur Verfügung stellten. Der Westen orientierte sich vorwiegend an christlichen Werten und zielte darauf, das Bild des Mannes als Familienvater zu restaurieren. Anders in Ostdeutschland: Hier galt das politisierte Ideal des Antifaschismus, man sah den männlichen Staatsbürger in erster Linie als Arbeiter und Parteiaktivisten. Das westdeutsche Männlichkeitsideal war am Privatleben ausgerichtet, während das ostdeutsche, so Biess, mehr Kontinuität zur preussisch-deutschen Tradition und den militärischen Tugenden wahrte.

Der Mythos der Kameradschaft, die Bedeutung von Uniformen und Bevölkerungspolitik, der Umgang mit Geschlechtskrankheiten in der Armee oder die Emanzipation - "Militär und Geschlecht", das zeigte die Tagung klar, ist ein Fragekomplex, der noch ein interessantes Forschungspotenzial zu bieten hat.

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