Gesundheit : Immer blauer Himmel ist langweilig

Was ist eigentlich schönes Wetter? Jeder Meteorologe versteht etwas anderes darunter

Walter Schmidt

Gutes Wetter mögen alle. „Hoffentlich wird es morgen schön“, beten jene, die für den Folgetag einen Ausflug ins Grüne planen. Fragt sich nur, was gutes Wetter eigentlich ist.

Die mitteleuropäische Freizeitgesellschaft – anders als ein Bauer in Afrikas dürrer Sahel-Zone – versteht darunter Wärme und möglichst viel Sonnenschein, am besten das ganze Jahr über. Gleichzeitig hätten die Menschen aber gerne grüne Wälder zum Wandern, gluckernde Bäche und niedrige Obstpreise – alles undenkbar ohne Regen.

Unter gutem Wetter verstehe jeder etwas anderes, meint ZDF-Wetterfrosch Uwe Wesp. „Für mich beispielsweise ist gutes Wetter, wenn meine Vorhersage eingetroffen ist“, sagt der Mann mit der Fliege. Es könne aber sein, das so ein Prognose-Treffer einem Landwirt „überhaupt nicht in den Kram“ passe – etwa wenn es bei der Heuernte aus Kübeln gießt.

„Für einen Meteorologen, der das Wetter mit einer hohen Treffsicherheit vorhersagen will, sind sonnige Hochdrucklagen ohne Wolken gutes Wetter“, sagt Ulrike Lohmann, Professorin an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich. Für sie als Wolkenphysikerin seien „Wolken aller Art, inklusive der regnenden, interessant“.

Auch die Autoindustrie dürfte sich Lohmann zufolge derzeit eher über Regenwolken freuen. Die Belastung der Luft mit den derzeit heftig diskutierten, gesundheitsschädlichen Feinstäuben „würde arg entspannt, wenn es häufiger regnen würde“.

Die Ansicht Jörg Kachelmanns, der im Ersten die Temperaturen für den nächsten Tag ansagt, klingt zunächst typisch für den saloppen Propheten von Sonne und Regen: „Gutes Wetter ist dann, wenn es Spaß macht.“ Doch was heißt das? „Spaß machen Stürme, insbesondere Schneestürme, Hagelgewitter und Anverwandtes“, klärt der Geschäftsführer des privaten Wetterdienstes Meteomedia auf. Immerhin wünscht sich der Rebsaft-Freund den Hagel „nicht dort, wo der badische Wein wächst“.

Wettermuffel unter den Bundesbürgern dürfte die Antwort des renommierten Klimaforschers Professor Mojib Latif überraschen, der am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel arbeitet. „Für mich ist das Wetter in Deutschland generell als gut zu bezeichnen“, sagt der Sohn pakistanischer Eltern. Er kenne viele Gegenden, wo man sich die in Norddeutschland üblichen 750-770 Liter Niederschlag je Quadratmeter sehr wünschen würde. „Wir haben sehr abwechslungsreiches, verträgliches Wetter, was der Natur und auch uns Menschen sehr zugute kommt“, sagt Latif.

Regen sei schließlich keineswegs „des Teufels, sondern unbedingt notwendig, um beispielsweise eine erfolgreiche Landwirtschaft zu betreiben“. Außerdem gebe es in Mitteleuropa „kaum Wetterextreme“ – für Latif auch das ein Merkmal eines guten Klimas.

Bei Stefan Rahmstorf rennt er mit dieser Ansicht offene Türen ein – auch er mag das deutsche Klima. „Immer blauer Himmel ist langweilig!“, urteilt der Professor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Seine schönsten Erinnerungen: „Die Sommertage meiner Jugend am Bodensee, wenn der Nachmittag träge in der Hitze dahinfließt, während sich langsam über den Alpen Gewitterwolken zusammenbrauen – gegen Abend dann die Entladung mit Blitz und Donner, Sturmböen und Regen."

Weniger poetisch erklärt der Meteorologe Gerhard Lux vom Deutschen Wetterdienst seine „ganz konkrete“ Vorstellung von einem schönen Tag: „Sonnig mit drei Achtel Bewölkung (und zwar Schönwetterwolken vom Typ Cumulus humilis), Lufttemperatur 22,5 Grad Celsius, relative Luftfeuchte bei 40 Prozent, Windstärke 2, also eine leichte Brise, aus Nordwest“ – angenehmes Wetter also, bei dem man erst durch Körperarbeit richtig ins Schwitzen gerät.

Die Frage des Wetters sei keine von Gut und Böse, meint der Wiener Meteorologe Professor Reinhold Steinacker. Da etwa Regen für einen Radfahrer schlecht, für einen Bauer jedoch gut sein könne, schlägt der Direktor des Instituts für Meteorologie und Geophysik an der Universität Wien vor, man könne doch einmal „eine volkswirtschaftliche Rechnung anstellen und gutes Wetter so definieren, dass die positiven Effekte insgesamt überwiegen“.

Persönlich findet Steinacker es am besten, wenn es schneit: „Nicht nur dass dabei die Luft quasi rein gewaschen und so gut zum Atmen wird; auch der Schall wird so wunderbar gedämpft und jeder Schneekristall ist ein Kunstwerk für sich.“ Zudem schaffe der Wind aus Schnee eigenwillige Verwehungen, so genannte Wächten, „die an Ästhetik nicht zu überbieten“ seien. „Aber mit dieser Einschätzung werde ich in einer Sommerreifen-Autofahrergesellschaft wohl nicht mehrheitsfähig sein“, vermutet Steinacker. Damit könnte er fast richtig liegen.

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