Gesundheit : Impfung gegen Nierenkrebs

Erste Erfolge einer neuen Tumorbehandlung: Jeder achte Patient profitiert von der Methode

Adelheid Müller-Lissner

Eine Impfung mit zuvor abgetöteten Tumorzellen kann das Leben von Nierenkrebspatienten verlängern. Das ist das Ergebnis einer Studie, die seit 1997 in 55 deutschen Kliniken läuft und die nun im Fachblatt „Lancet“ (Band 363, Seite 594) vorgestellt wird. „Die Studie zeigt erstmals einen Vorteil für so behandelte Patienten“, sagt Dieter Jocham von der Uni Lübeck, der die Untersuchung geleitet hat, dem Tagesspiegel.

Jährlich erkranken in Deutschland etwa 14 000 Menschen neu an Nierenkrebs, meist im Alter zwischen 60 und 70 Jahren. Die häufigste Form ist das Nierenzell-Karzinom. Die Behandlung besteht dann in teilweiser oder völliger Entfernung der befallenen Niere.

Hat der Tumor schon an anderen Körperstellen Absiedlungen gebildet, wird heute meist eine Therapie zur Stärkung des Immunsystems angeschlossen – etwa mit bestimmten Eiweißstoffen, dem Interferon oder Interleukinen. Anders ist es, wenn noch keine Metastasen sichtbar sind: Während etwa bei Brustkrebs – abhängig vom Stadium – Chemotherapien oder Bestrahlungen nach der Operation zum Programm gehören, konnte der Nutzen verschiedener Nachbehandlungsformen beim Nierenzellkarzinom bisher nicht nachgewiesen werden.

Therapie händeringend gesucht

Mediziner haben in den letzten Jahren jedoch weiter händeringend danach gesucht. Denn fünf Jahre nach der operativen Entfernung des Tumors leben von den Patienten, bei denen der auf die Niere begrenzte Tumor mehr als 2,5 Zentimeter Durchmesser hatte, nur noch 64 Prozent. „Die Zeit nach der operativen Entfernung eines Nierenzelltumors ist schwierig. Es gibt bisher keine anerkannte unterstützende Therapie“, schreiben denn auch die amerikanischen Krebsspezialisten Mayer Fishman und Scott Antonia in ihrem Kommentar zu der Studie im „Lancet“. Dabei könne man vermuten, dass direkt nach der Operation Behandlungen, die auf eine Stärkung des Immunsystems abzielen, besonders viel Erfolg versprechen: „Die verbliebene Tumormenge ist dann besonders gering, das Immunsystem ist vom Druck, der mit der Bürde des Tumors einhergeht, befreit.“

Tatsächlich haben Wissenschaftler in den letzten Jahren verschiedene Versuche mit solchen biologischen Wirkprinzipien unternommen. Meist kam es allerdings gar nicht erst zur Erprobung am Kranken. Eine italienische Studie an Patienten mit einem Impfstoff, für den die Krebszellen zuvor bestrahlt wurden, hatte keinen Erfolg.

Die neue deutsche Studie schloss 379 in den Jahren 1997 und 1998 operierte Patienten ein, die nach dem Zufallsprinzip der Behandlungs- oder der Kontrollgruppe zugeteilt wurden. Die Ärzte untersuchten alle Patienten mehr als fünf Jahre lang jeweils halbjährlich.

„Wir brauchten sechseinhalb Jahre Zeit, bis die Ergebnisse reif waren“, sagt Jocham. Die Behandlungsgruppe bekam nach der Operation im monatlichen Abstand sechsmal den Impfstoff in die Haut des Oberarms gespritzt. Für den von der in Hannover ansässigen Firma Liponova hergestellten Impfstoff wurde aus Tumorgewebe des Patienten durch Zerkleinern eine Lösung hergestellt. Dann wurden die im Labor vermehrten Krebszellen bei minus 82 Grad Celsius schockgefroren und abgetötet.

Fünf Jahre nach Beginn der Behandlung lebten noch 77,4 Prozent der behandelten und 67,8 Prozent der nicht geimpften Patienten ohne erkennbares Fortschreiten der Erkrankung. Weitere zehn Monate später lag die Rate bei 72 und 59,3 Prozent. Patienten mit größeren Tumoren und anderen risikoerhöhenden Faktoren hatten dabei sogar einen größeren Nutzen von der Impfung.

Gut verträglich

Die Patienten vertrugen die Tumorzell-Impfung gut. Die Autoren berechneten auch die im „wirklichen Leben“ wichtige Anzahl der Patienten, die behandelt werden müssen, um einem von ihnen das Überleben ohne Fortschreiten der Erkrankung zu ermöglichen. Acht Patienten muss man behandeln, so die Wissenschaftler, damit einer einen Nutzen von der Impfung hat.

Die Wissenschaftler hoffen nun, den Weg für eine mögliche Routine-Therapie für Patienten mit Nierenzelltumoren zu ebnen, die nach der Operation bisher fehlte. „Wir werden unsere Forschung auf andere urologische Tumoren ausdehnen“, verspricht Jocham. Er denkt dabei an Nierentumoren, die schon Absiedelungen gebildet haben, aber auch an Protatakrebs. Auch Krebsforscher aus anderen Fachgebieten könnten sich nun durch die Ergebnisse der Impfstudie beflügelt fühlen.

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