Gesundheit : „In den Kitas bewegt sich schon erstaunlich viel“ Donata Elschenbroich über erweckte und lahme Kindergärten

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Seit dem Erscheinen Ihres Buches „Das Weltwissen der Siebenjährigen“ vor drei Jahren wird viel mehr über das Thema vorschulische Bildung gesprochen als vorher. Können wir optimistisch sein, dass sich die Kindergärten in Deutschland zu anregenden Lernorten für Kinder entwickeln?

Es ist erstaunlich viel in Bewegung geraten in den letzten drei Jahren – obwohl sich materiell überhaupt nichts verändert hat an der schlechten Ausstattung der deutschen Kindergärten. Aber die Erzieherinnen haben den Bildungsanspruch des Kindergartens überraschend gut aufgenommen. Neue Themen – zum Beispiel Kinder und Naturwissenschaften – sprechen sich wie ein Lauffeuer herum. Hinzu kommt, dass viele Eltern mit einem neuen Anspruch auftreten, Anregungen in die Kitas tragen, zum Teil selbst Kurse anbieten und motiviert sind, Themen mit ihren Kindern neu aufzurollen.

Das gilt aber nicht für alle Kitas …

Natürlich nicht. In der Tat scheint sich die Kluft zwischen den „erweckten“ und den „lahmen“ Kindergärten zu vergrößern. Man kann aber nicht sagen, dass grundsätzlich die staatlichen eher lahm wären und die kirchlichen aufgeschlossen, oder umgekehrt – querbeet! Nach meiner Einschätzung ist rund ein Drittel der Erzieherinnen von sich aus aktiv auf der Suche.

Wie sieht denn ein „erweckter“ Kindergarten aus?

Da hat man den Eindruck, die Erzieher wundern sich, was alles in ihren Kindern steckt. Und sind ihnen dankbar dafür. Und sie wirken gespannt darauf, was allen zusammen als nächstes einfallen wird.

Damit das Niveau in allen Kindergärten steigt, entwickeln die meisten Bundesländer jetzt Bildungsprogramme. Was halten Sie davon?

Ich habe nichts gegen einzelne Sätze oder Ziele in diesen Programmen, das ist alles in Ordnung, was dort über das „eigenaktive Kind“ steht oder über die Notwendigkeit, Kinder mit Migrationshintergrund zu integrieren. Aber der Geist des Ganzen ist der alte: Da werden Bildungsziele aufgestellt wie Reiterstandbilder, die Erzieherinnen werden zu ausführenden Organen. Zwar lesen sie in den neuen Bildungsplänen: „Kinder können nicht belehrt werden, sie können nur selber lernen“. Richtig. Aber sie selbst? Sie werden mit solchen korrekten Sätzen zugedeckt. Ein Ministerium muss stattdessen offene Fragen entwickeln, die Berufsgruppe als Forschende ansprechen: Wir brauchen Eure Ideen in einem großen Projekt! Wenn alles vorformuliert wird, wie soll da Energie entstehen?

Sind solche Vorgaben nicht ein notwendiges Übel, wenn man will, dass bestimmte Standards tatsächlich von allen umgesetzt werden?

Was kann ein Bildungsplan steuern? Sind das nicht die alten pädagogischen Kontrollfantasien? Zu wenig Nachdenken spricht aus der ganzen Form dieser Pläne. „Vielsinnlich“, „ganzheitlich ästhetisch“ sei das Lernen der Kinder liest man da. Aber die Bildungspläne selbst zählen auf vielen Seiten mit vielen Spiegelstrichen die richtigen Konzepte auf, bildlos, lückenlos. Gepackte Kisten, die man nur noch auspacken darf – da entstehen keine neuen Ideen.

Immerhin sind die neuen Kindergarten-Programme offener, ganzheitlicher als die meisten Lehrpläne der Schulen, und viele wurden in Zusammenarbeit mit Erzieherinnen entwickelt. Können die Schulen von Kindergärten lernen?

Sie können auf jeden Fall im Vergleich sehen, wie begrenzt ihre eigenen Lehrpraktiken sind, diese Aufspaltung in Fächer und der Stundentakt. Das Lernmilieu der Kita ist dem schulischen weit überlegen.

In Ihrem Buch erzählen Sie von zwei „weltwissenden“ Kindern, die später in der Schule wenig Erfolg haben. Kann man sich von besseren Kindergärten überhaupt mehr Schulerfolg versprechen? Das ist ja die Hoffnung, die die Öffentlichkeit seit Pisa mit der Verbesserung der vorschulischen Bildung verbindet.

Wir brauchen bessere Kindergärten nicht, um Schulfähigkeit zu trainieren. Nehmen Sie die Mathematik: Wenn sich kleine Kinder mit Mathematik beschäftigen, dann geht es ihnen um Gerechtigkeit, darum, ihren Anteil an der Welt zu bemessen. Das ist ein anderer Ansatz als der in der Schule. Und in ihren frühen Schreibversuchen geht es um Selbstausdruck, sie schreiben sich frei, indem sie mit Buchstaben experimentieren. Das frühe Denken ist keine Schwundstufe des späteren, sondern anders. Oft reichhaltiger!

Was können sich Eltern dann von besseren Kindergärten erhoffen – wenn schon keinen größeren Schulerfolg?

Meine Hoffnung ist, dass Eltern komplexere Bilder vom Lernen und vom Wissen bekommen, die attraktiver sind als die eng geführten schulischen Lernformen. Und wer weiß – vielleicht werden die Kinder aus solchen Kindergärten die Schulen verändern?

Das Gespräch führte Dorothee Nolte.

In ihrem Bestseller „Das Weltwissen der Siebenjährigen – Wie Kinder die Welt entdecken können" stellte Donata Elschenbroich eine Wunschliste für „Weltwissen“ vor, die im Gespräch mit Menschen aller Schichten entworfen wurde. Darin finden sich lebenspraktische, soziale und motorische Fähigkeiten ebenso wie kognitive und ästhetische. Das Buch erschien 2001 im Kunstmann Verlag, eine Taschenbuchausgabe folgte 2002 bei Goldmann. Vor kurzem brachte der Kunstmann Verlag eine Hörbuch-Ausgabe heraus (24,90 Euro).

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