Gesundheit : Informatik: Verzweifelter Ruf nach Geld und Stellen

Hermann Horstkotte

"Das staatliche Sonderprogramm zur Weiterentwicklung des Informatikstudiums mit 100 Millionen Mark ab 2001, verteilt auf 16 Bundesländer und fünf Jahre, bietet nicht einmal Krümel". Dieses kritische Resümee zieht die Gesellschaft für Informatik (GI) über das von Bundeskanzler Gerhard Schröder verkündete und inzwischen von Bund und Ländern getragene Vorhaben. Mit 22 000 Mitgliedern aus den Hochschulen und der Wirtschaft ist sie eine bedeutende Fachgesellschaft. "Für ein reines Notprogramm, um die Ausbildungssituation nicht zu verschlechtern, brauchten wir mehr als 130 Millionen jedes Jahr." Um im internationalen Forschungswettbewerb mithalten zu können, wäre ein Ausbau der Professuren in Informatik- und Wirtschaftsinformatik nötig.

Die Gesellschaft für Informatik spricht von einem längerfristigen Bedarf in Höhe von 20 Milliarden Mark, das wären zwanzig Prozent von den 100 Milliarden, die Finanzminister Eichel aus dem Lizenzverkauf in der Telekommunikation erzielen werde, schätzt Hans Ulrich Buhl, Vizepräsident der Gesellschaft. "In der Verzweiflung denkt man schließlich an alles", ergänzt sein Kollege Matthias Jarke von der Technischen Hochschule Aachen.

Kein gutes Haar lassen die GI-Sprecher an ihren Professorenkollegen, schon gar nicht an den nächsten Verwandten in der Physik. "Dort liegen die Reserven", erklärt Jarke. Freiwerdende Physiklehrstühle sollten entsprechend für die Informatik umgewidmet werden. Es gebe genug hochqualifizierte Nachwuchsinformatiker mit unzweifelhafter Lehrstuhlreife. "Ich habe 300 Leute in spezialisierten Veranstaltungen des Hauptstudiums, amerikanische Hochschullehrer haben nur 30", erläutert Buhl. "Dementsprechend ist auch die dortige Ausbildungsqualität um vieles höher."

Um die Verhältnisse hierzulande zu ändern, ruft Buhl nach der Politik. "Die Gremienuniversitäten sind zur Reform nicht in der Lage, weil die meisten Fachvertreter von der Physik über die Mathematik bis zur Katholischen Theologie zu den Verlierern der fälligen Neuerungen gehören." Auch die Besoldung der Hochschulinformatiker muss nach Ansicht der GI flexibilisiert werden. Ein 25-jähriger Abgänger bekommt heute in der Industrie schon mehr als ein Professor (C 4). Um ihn an der Uni zu halten, seien auch zeitlich großzügige Forschungsmöglichkeiten erforderlich. Die Realität sieht aber nach Buhl so aus, dass die Assistenten bislang viel Zeit in der Lehre verschwenden müssen.

Ziemlich distanziert verfolgte GI-Vizepräsidentin Andrea Grimm, bei IBM Hauptabteilungsleiterin in der Kundenberatung, die professoralen Verzweiflungsschreie. Die Industrie forscht immer weniger in Deutschland und rekrutiert ihre Experten in aller Welt. Die Sorgen der deutschen Hochschullehrer sind nicht unbedingt die der IT-Branche und schon gar nicht ihrer Global Player.

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