Gesundheit : „Ingenieurinnen ins Vorabendprogramm“

Mädchen brauchen Vorbilder: Barbara Schaeffer-Hegel fördert Technikstudentinnen

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Wo sind Mädchen und Frauen in Wissenschaft und Technologie?

Sie sind nicht da, beziehungsweise sie sind kaum sichtbar: Weil es in Führungspositionen zu wenige Frauen gibt. Deswegen müssen wir etwas unternehmen. Es gibt zwar einzelne Frauen, die in Hochschulen und Unternehmen sehr weit gekommen sind. Aber wenn man genau hinsieht, haben auch sie oft große Schwierigkeiten, auf Dauer in den männerdominierten Leitungsgremien zu bestehen.

Gibt es einen spürbaren Frauenmangel in diesen Bereichen?

Auch bei den Ingenieuren männlichen Geschlechts gibt es Fachkräftemangel, und mit einer sich verschärfenden demografischen Entwicklung wird er noch zunehmen. Die Begabungsreserven bei beiden Geschlechtern müssen genutzt werden. Die Gesellschaft muss die Rahmenbedingungen so gestalten, dass Frauen in technische Studiengänge gehen und auch in diesen Berufen bleiben. Junge Frauen müssten für Unternehmen besonders attraktiv sein: Für sie zählen nicht das Gehalt und die Position an erster Stelle, sondern dass sie interessante Arbeitsbedingungen haben. Gleichzeitig ist es ihnen aber wichtig, dass ihr Beruf ihnen ein Leben außerhalb der Arbeit ermöglicht.

Sind Technologie-Unternehmen bereit, sich darauf einzustellen?

Die von mir gegründete „Europäische Akademie für Frauen in Politik und Gesellschaft“ (EAF) hat mit mehreren großen Unternehmen Programme aufgelegt, die es gerade dem weiblichen Geschlecht ermöglichen soll, auch Familienzeit zu haben, ohne dass es dem Unternehmen schadet. Da gibt es im Zeitalter der elektronischen Kommunikation viele Möglichkeiten: flexible Arbeitszeiten und Orte, Teamarbeit, die es Frauen und Männern erlaubt, bei der Arbeit etwas kürzer zu treten, solange die Kinder klein sind. IBM, Lufthansa, Commerzbank und McKinsey haben entsprechende Programme. Der Erfolg ist allerdings schwer messbar. Wir wollen die entsprechenden Programme jetzt evaluieren.

Reagieren Hochschulen und Forschungsinstitute angemessen auf ihr Defizit an Frauen in Spitzenpositionen?

Ja, es gibt eine Reihe von positiven Beispielen: So hat die EAF mit dem Forschungszentrum Jülich vor fünf Jahren ein Förderprogramm gestartet, das Auswirkungen auf die gesamte Helmholtzgemeinschaft hat. Sie bietet ihren jungen Wissenschaftlerinnen vielfache Hilfestellungen, auch durch die Einrichtung von Kindergärten. Frauen besetzen dort inzwischen gute Aufstiegspositionen. Die Hochschulen rangieren jedoch nach wie vor weit hinten bei der Frauenförderung. Noch immer gibt es Unipräsidentinnen nur als Ausnahme und nur etwa sechs Prozent Frauen sind C4-Professorinnen. Ob die vergleichsweise hohe Anzahl von Juniorprofessorinnen daran etwas ändert, ist nicht absehbar.

Warum haben alle Förderprogramme bislang nicht zu einem deutlich höheren Frauenanteil in akademischen Führungspositionen geführt?

Sonderprogramme sind wichtige Hilfen und Unterstützungen, aber eben doch nur künstliche Krücken, die das Übel nicht an der Wurzel heilen können. Die Geschlechterordnung, die seit tausenden von Jahren den Frauen die Verantwortung für das private Leben und den Männern die für das öffentliche zuweist, bestimmt fast sämtliche Strukturen unseres Zusammenlebens, das Bildungssystem, die Zeitstrukturen und auch die Mentalität von Männern und Frauen. Sie haben bei allem Ehrgeiz ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihre Kinder nicht selber rund um die Uhr versorgen. Der Anspruch auf einen Halbtages-Kindergartenplatz kann daran wenig ändern.

Gibt es Länder, denen es besser gelingt als Deutschland, Frauen für ein Technikstudium zu begeistern und fairere Karrierechancen bieten?

Ja, viele. Ein Beispiel: In England gibt es einen ganz besonders interessanten Weg, um Mädchen für technische Studiengänge zu gewinnen: die Auslobung eines Preises für Vorabendprogramme, in denen Ingenieurinnen eine Rolle spielen. Weibliche Rollenvorbilder in den Medien spielen für Mädchen bei der Berufswahl eine weitaus größere Rolle als gute Ratschläge von Eltern oder Lehrern.

Was bewundern Sie an jungen Wissenschaftlerinnen, was vermissen Sie?

Die Studentinnen, die die Femtec betreut und denen wir unter anderem den Kontakt zu großen Technologieunternehmen vermitteln, sind eine tolle Truppe von klugen und engagierten jungen Frauen. Ich gehe davon aus, dass sie ihren Weg auch im Berufsleben weiter konsequent gehen und dass sie immer bessere Voraussetzungen in Hochschulen und Unternehmen finden. Gleichzeitig gestehe ich jeder Frau zu, ihr Leben lebbar und menschlich zu gestalten. Wenn sich eine junge Mutter – oder auch ein Vater – dafür entscheidet, sich eine gewisse Zeit um sein Kind zu kümmern, und erst dann das Studium oder die Karriere fortzusetzen, mache ich niemandem einen Vorwurf.

Die Fragen stellte Amory Burchard.

Barbara Schaeffer-Hegel (68) ist Gründerin und Aufsichtsratsvorsitzende des Hochschulkarrierezentrums für Frauen Berlin, Femtec. Zuvor war sie Professorin an der Technischen Uni Berlin.

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