Gesundheit : Istanbul frisst seine Umwelt: Schutzgebiete um die Zehnmillionenstadt herum gefordert

Volker Krampe

Welche Assoziation weckt Istanbul? Der schnarrende Muezzinruf aus Mikros der Hagia Sophia im Morgengrauen, quirlige Basare und stolze Marktschreier. Pulsierende Häfen und ein buntes Völkergemisch. Aber auch: eine hektisch wuchernde Megapolis, mit ewigen Staus, schwindelerregenden Baustellen, stinkiger Stadtluft, Armenvierteln, Müllbergen und verdorbenem Trinkwasser.

Und wirklich: So schnell frisst sich die Zehnmillionenstadt, deren Bevölkerung nach offiziellen Angaben jährlich um 400 000 Menschen wächst, an der Scheide zwischen Europa und Asien in umliegende Wälder, dass Ökologen beinahe nicht nachkommen, wenigstens die dabei unvermeidlichen Umweltschäden zu erfassen.

Dies umso mehr, als in der spätestens seit Turgut Özals Zeiten wachstumsgläubigen Türkei Ökologie vielerorts nach wie vor als eine Art seltener Krankheit gilt und die Umweltpolitik noch in den Kinderschuhen steckt. Auch ein Aspekt, wenn es um eine Annäherung an die EU gehen wird.

"Dogal Hayati Koruma Dernegi" (DHKD) - Gesellschaft zum Schutz des natürlichen Lebens" heißt die 1975 gegründete Istanbuler Umweltgruppe, die genau das ändern will. Sie hat mitten im zentralen Viertel Eminönü Unterschlupf bei einer Großbank, die ihr großzügig eine ganze Büroetage ausbaute - Mäzenatentum auf türkisch. Das Umland der Metropole ist klimatisch sehr unterschiedlich geprägt - von der feucht-kühlen Schwarzmeerküste bis zu den Istanbul vorgelagerten Prinzeninseln, die mediterrane Witterung haben. Die Provinz Istanbul ist außerordentlich artenreich, obwohl nur 511 000 Hektar groß: mit mehr als zweitausend Pflanzenarten - darunter endemische - hat sie mehr Vielfalt auszuweisen als die acht Mal größeren Niederlande.

Baustopp an den Küsten gefordert

Um die Zerstörung aufzuhalten, hat die DHKD zehn Schutzgebiete ausgewiesen - Seen, Wälder, unberührtes Grasland, Dünen und Heideland, die insgesamt 35 Prozent der Gesamtfläche der Provinz ausmachen und Naturschutzgebiet werden sollen. DHKD fordert einen Baustopp entlang der Küsten. Im Süden am Marmarameer bestehen schon seit Jahrzehnten Straßen und Industriebetriebe, im Norden fehlen sie noch fast völlig.

Zudem sollen nach dem Willen von DHKD die Seen, die Istanbul mit Trinkwasser speisen, endlich Wasserschutzgebiet werden. Außerdem drängen die Ökologen auf Einhaltung der Berner Konvention zum Schutz und Erhalt europäischer Artenvielfalt und natürlicher Lebensräume von 1984, in deren Schutzliste sich 17 Pflanzenarten aus dem Istanbuler Gebiet finden. Vom Aussterben bedroht sind etwa die kernblumige Zeitlose, das Sumpfried, der Schwimmfarn, das Leimkraut und kleinblumige Königskerze.

So fordert DHKD, Umweltfolgenabschätzung gesetzlich im Istanbuler Generalentwicklungsplan zu verankern, wo bislang ökologische Belange praktisch keine Rolle spielen. Historisch gab es 15 große Dünengebiete am Schwarzen Meer. Seit 1960 sind 80 Prozent der Fläche verbaut, künstlich bewaldet oder für den Rohstoffbedarf der Bau- und Glasindustrie ausgebaggert worden.

Von den Agil Dere, Agach und Gümüsdere Dünen sind sogar nur noch Bruchstücke erhalten. Zusammen mit den Küsten des oberen Bosporus (kurz vor der Schwarzmeermündung, wo jeden Herbst und Frühling Tausende von Zugvögeln rasten) und einem fast hundert Kilometer langen Küstenstück im Nordwesten sind sie nun als Schutzgebiet ausgewiesen worden.

Druck auf Beamte ausüben

Schnelle Änderung zum besseren ist nicht in Sicht. "Wir können nur immer wieder über die Medien Druck ausüben auf die Beamten. Die Korruption ist ein großes Problem, die Landspekulation zu lukrativ und gutes Bauland zu knapp, als dass wir kurzfristig Erfolg haben könnten", erklärt die DHKD-Mitarbeiterin Bureu Yesiladali in solidem Englisch.

Die beiden Seen Büyükcekmece und Kücükcekmece, 1989 künstlich gestaute ehemalige Zuflussmündungen des Marmarameeres, versorgen neben dem Ömerli-Reservoir Istanbul mit Trinkwasser. Sie sind umgeben von Feuchtgebieten, besiedelt mit Kormoran- Graet Crested Grebe and Yellow- leggend Gull. Insgesamt 13 Arten, die zu schützen sich Ankara in der Ramsar-Konvention von 1971 verpflichtet hat, sind der Zerstörung ausgesetzt. Am Büyükcekmece ist gar ein Industriegebiet geplant.

In Istanbul bleibt noch viel zu tun in Sachen Umwelt. Und manchmal bleibt nur Galgenhumor. Besonders für die Bewohner der Metropole selbst. Burcu Yesildalali empfiehlt Besuchern denn auch, Fisch aus dem Goldenen Horn lieber nicht zu essen - auch wenn es an den Promenaden von Beyoglu und Kadikoy noch so appetitlich dufte. Die Belastung durch Abwasser aus den teils maroden Kläranlagen und Schwermetalle der Hunderte von Fähren und Frachtschiffen sei zu groß. "Doch nach einem Jahr in Istanbul können Sie ruhig auch ein Sandwich kaufen", räumt sie lächelnd ein. "Dann hat Ihr Immunsystem schon Schlimmeres hinter sich."

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