Gesundheit : Jährlich 100 000 Krebsfälle durch richtige Ernährung vermeidbar

Adelheid Müller-Lissner

Rund ein Drittel aller Neuerkrankungen an Krebs wären bei vernünftiger Ernährung vermeidbar. Das sind allein in Deutschland pro Jahr etwa 100 000 Fälle von bösartigen Erkrankungen. Diese Zahlen wurden gestern bei der Vorstellung der Broschüre "Krebsprävention durch Ernährung: Forschung, Daten, Begründungen" genannt. Mit der Broschüre will das in Potsdam-Rehbrücke ansässige Deutsche Institut für Ernährungsforschung das vorhandene Wissen in kompakter Form verfügbar machen.

Die Wissenschaftler Anja Kroke und Heiner Boeing haben dafür die Ergebnisse eines 1997 vom World Cancer Research Fund (WCRF) herausgegebenen umfangreichen Reports auf der Grundlage der neuesten Daten aus Deutschland überarbeitet. Die Daten stammen vor allem aus epidemiologischen Studien, in denen Zusammenhänge zwischen Lebensgewohnheiten und dem Auftreten von Krankheiten aufgespürt werden. Ergänzend waren aber auch Laboruntersuchungen wichtig, in denen der Krebsentstehung in der Zelle nachgegangen wird. Dass Krebs durch die Ernährung beeinflusst werden kann, ist keine Neuigkeit. "Neu ist, dass wir uns festgelegt haben" sagte Boeing. 34 122 von 51 700 bösartigen Wucherungen am Dickdarm, die 1997 in Deutschland neu diagnostiziert wurden, wären nach Einschätzung der Epidemiologen durch die empfohlene Ernährungsweise vermeidbar gewesen. Bei Brustkrebs ist es vorsichtigen Schätzungen zufolge immerhin ein Drittel der Fälle. Geoffrey Cannon, Wissenschaftlicher Direktor des WCRF, verglich die jahrelange Datensammlung mit einem Prozess: "Hiermit liegt das Urteil vor."

Festgelegt hat man sich auch bei den Empfehlungen: Täglich 400 bis 800 Gramm Gemüse und Obst und 600 bis 700 Gramm Getreideprodukte, Hülsenfrüchte, Kartoffeln und andere pflanzliche Nahrungsmittel sollte jeder übers Jahr zu sich nehmen. "Es ist nicht so, dass Rückstände in der Nahrung uns krank machen, sondern falsches und zu viel Essen" betonte Christian Barth, wissenschaftlicher Direktor des Instituts. "Diese Empfehlungen gelten gleichzeitig für andere chronische Krankheiten", ergänzte Boeing. Die Empfehlungen für einen gesundheitsförderlichen Lebensstil, zu dem auch Bewegung und Nikotinabstinenz gehören, wurden in den letzten Jahren wissenschaftlich immer mehr untermauert.

Allerdings liegt die Aufklärung über Ernährungsfragen nach Ansicht der Experten noch im Argen. "Es ist nicht einzusehen, warum Lehrpläne nicht mehr Akzent darauf legen" sagte Barth. Einen Wermutstropfen mussten die Experten ihrem Plädoyer für die Vorbeugung mit Messer und Gabel beimischen: Vernünftiges Essen mindert zwar das Risiko, an Krebs zu erkranken. Eine Aussage über den Einzelfall jedoch können Epidemiologen nicht machen.

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