Gesundheit : Junge Männer werden zum Problem: Mobbing, Gewalt, Sucht und Krankheit

Peter Struck

20 bis 30 Prozent aller Vergewaltigungen und 30 bis 40 Prozent aller Fälle sexuellen Mißbrauchs werden von Kindern und Jugendlichen begangen. Der Gerichtsgutachter Wilfried Rasch meint, dass im Alter von etwa 16 bis 21 Jahren bei Jugendlichen "die größte kriminelle Energie" vorhanden sei. Bisher gelten Hamburg und Sachsen-Anhalt bundesweit als führend in der Kinder- und Jugendkriminalität. 80 Prozent aller jungen Menschen werden irgendwann zumindest einmal erpreßt; dieses "Abpressen" oder "Abziehen" betrifft Jacken, Schuhe, Geld, Handys, Zigaretten oder Telefonkarten.

Es ist keine Beruhigung für die Deutschen, dass die Jugendkriminalität ein internationales Phänomen ist. 16-jährige Jungen haben gewaltige Identitätsprobleme auf der Suche nach ihrer Männlichkeit. Unlängst brachte "The Sunday Times" einen ganzseitigen Artikel mit der Überschrift "The Trouble with the Boys", der die Klage des britischen Premiers Tony Blair aufgreift, immer mehr junge Männer drifteten von der Arbeitswelt und Familie weg. Besonders die männliche Jugend sei von Entwurzelung, von Erziehungsdefiziten, von strukturellen Veränderungen in Gesellschaft und Wirtschaft betroffen sei, während Mädchen mit ihrer hohen Flexibilität immer bessere Berufschancen bekämen.

"Die Jungen verlieren ihren Kompaß" wird resümiert. Das heißt, sie haben zunehmend Orientierungsprobleme in Bezug auf ihre Rolle und ihre Zukunft, während sich zugleich für die Mädchen immer bessere Perspektiven eröffnen. Mädchen haben dank der Demokratisierungs- und Emanzipationsbewegung die Fesseln ihrer herkömmlichen Rolle sprengen können und reagieren zugleich flexibler auf den Wandel.

Den Wandel erzieherisch begleiten

Was in den USA schon länger zu beobachten ist, was in Großbritannien problematisiert wird und was sich auch in Deutschland andeutet, ist dieses: In der bisherigen Industriegesellschaft war der Einzelne so etwas wie ein "funktionierendes Rädchen im Getriebe". Jetzt vollzieht sich der Übergang zu einer Dienstleistungs-, Informations-, Freizeit- und Produktionsgesellschaft. Wenn dieser Wandel nicht erzieherisch begleitet wird, muss ein hoher Preis bezahlt werden.

Blicken wird noch einmal nach Großbritannien: Während in den Industriegebieten Englands früher insbesondere die Männer zur Arbeit gingen und die Frauen "Haus und Kinder" hüteten, wird es heute immer häufiger, dass die Frauen zur Arbeit gehen, während die Männer tagsüber irgendwelche Rennen auf dem Bildschirm verfolgen, sich keineswegs um Haus und Kinder kümmern und in dem Moment in den Pub flüchten, wenn die Frau von ihrem Job nach Hause kommt. Fabrik- und Hafenarbeitsplätze haben stark abgenommen. Gleichzeitig hat die Zahl der Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich zugenommen - dort werden vor allem Frauen beschäftigt.

Schulabgänger mit geringen Qualifikationen sind vor allem Jungen; Mädchen sind schon in der Schule durchweg fleißiger und erfolgreicher, und zwar selbst dann, wenn sie aus gestörten Familienverhältnissen kommen. Jungen aus Ein-Eltern-Familien, die ohne eine positive Vaterfigur und zudem in Armut aufwachsen, leben mit einem erhöhten Risiko: Sie leiden unter emotionalen Störungen, sie erreichen oft nur einen geringerwertigen Schulabschluss. Später sind dann niedriger Wochenlohn und Arbeitslosigkeit die Folgen.

Erst in einer anderen Schule, die auch das Emotionale, Musische, Kommunikative, Soziale und Kreative stärker zu entwickeln trachtet, könnten die Jungen wieder mit den Mädchen gleichziehen; sie müßten dann nicht mehr so oft entwurzelt, aggressiv und resignativ reagieren wie heute.

Vor 30 Jahren gab es noch eine ziemlich einheitliche Jugend in der westlichen Welt: Sie war relativ uniformiert in ihren Lebensäußerungen, gekleidet mit blauem Jeans-Anzug. Sie liebte Rock- und Pop-Musik und stand den Flower-Power-Hippies nahe; und auch politisch war sie recht international, pazifistisch und eher links - jedenfalls in den Städten. Auf dem Lande gestalteten Sportvereine, Spielmannszüge, Schützenvereine und Jugendfeuerwehren ihre Freizeit. Heute ist das ganz anders. Zwar gibt es in Deutschland noch 140 000 Jungen und Mädchen bei den Jugendfeuerwehren, aber Löschen und Bergen, Retten und Kameradschaft bieten für immer mehr junge Leute nicht mehr den notwendigen "Kick". Die Dosis an Abenteuerreizen ist ihnen zu gering; Die Sport- und Schützenvereine klagen bereits über Nachwuchsmangel.

Fast 200 verschiedenartige Jugendkultnischen werden zur Zeit für Deutschland beschrieben. Sie sind höchst unterschiedlich, einige sind langlebig, andere sind nur ganz kurz "in". Da gibt es Hooligans, Skinheads, Neonazis, die Friedhofskultur betreibenden Grufties, die sich schwarz kleiden, ihre Gesichter weißen und ihre Zimmer mit Grabsteinen dekorieren. Da gibt es okkultistische und Satanskultgruppen, zahlreiche Jugendsekten. Die HipHopper pflegen eine Graffiti-, Rap- und Breakdance-Nische. S-Bahn-Surfer, Crash-Kids, Fahrstuhlsurfer, Cruiser, Skater, Auto- und Bus-Surfer sorgen für die Aufmerksamkeit der Medien. Straßen- und Stadtteilbanden sind nicht länger nur Phänomene in den Städten der USA oder Großbritanniens.

Darüber hinaus gibt es auch noch diejenigen, die Extremsportarten wie das Canyoning, das Mountainbiking, das Freeclimbing, das Wildwasser-Rafting, das Extrembergsteigen, Motocrossing, das Fallschirmspringen, das Bungee-Springen oder das Gleitschirm- und Drachenfliegen bevorzugen. Diesen Sportarten ist gemeinsam, dass sie den Reiz des Prickelnden und die Lust am Risiko vermitteln. Die Sucht nach der Gefahr ist dabei durchaus etwas Autoaggressives; der eigene Körper und die Willenskraft sollen bis an ihre Grenzen geführt werden, damit der Erfolg zur Ersatzbefriedigung wird und das schwache Ich gestärkt aus einer spektakuläre Außenwirkung hervorgeht.

Gewalt wird in der Szene gebilligt

Die Bereitschaft zu häufigen und brutalen Gewalttaten verheißt in manchen Nischen wie bei den Skinheads ein hohes Maß an Anerkennung. In Duisburg gibt es eine Jugendgruppe, die nur durch das Ziel "Leute verhauen" verbunden ist. Das gilt als Freizeit-Kick. Aggressionsbereitschaft wird zu einer akzeptierten Binnennorm. Zu der Gruppe gehören zu dürfen, ist ein höherer Wert als die private Abneigung gegen Gewalt, so dass man "mit den Wölfen" anders "heult" als allein. Der Gruppenzwang macht daher aus so manchen zu Hause pflegeleichten und in Polizeiverhören liebenswert erscheinenden Individuen gewalttätige Bestien.

Der Jugendkult ersetzt auch einen Teil der Familie. Man kann direkt einen Zusammenhang zwischen dem Zerfall der Familie und dem Abdriften in missliche Jugendgruppen feststellen; je kaputter die eigene Familie ist, desto größer wird der Sog in die Gruppe. Eltern formulieren gern zu ihrer Rechtfertigung, wenn etwas schief gelaufen ist, den Satz: "Wir haben es doch immer nur gut gemeint" Was bestimmt aber diesen Sog? Die Einschätzung seiner Familie durch den jungen Menschen und nicht etwa die Frage der materiellen und sonstigen Fürsorge durch die Eltern.Der Autor, Professor Peter Struck, ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg. In der kommenden Woche veröffentlichen wir in einem zweiten Beitrag Vorschläge für den erzieherischen Umgang mit Jugendproblemen

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