Gesundheit : Kapseln der Hoffnung

In großen Kesseln entsteht ein Mittel, auf das Millionen setzen: Die Grippearznei Tamiflu. Besuch in Basel

Paul Janositz

Der Blick schweift nach unten, drei Etagen tief. Ein Stahlkessel, zwölf Meter hoch, fünf Meter breit, ein Guckloch im Deckel. Innen schwappt eine graue Brühe. Die weißen Einsprengsel darin sind die Objekte der Begierde. Es handelt sich um Shikimisäure, eine Substanz, die am Anfang des Syntheseweges zu Tamiflu steht, dem Medikament, nach dem sich die Welt sehnt, seit die Vogelgrippe Angst und Schrecken verbreitet. Rechtzeitig eingenommen kann das Grippemittel Tamiflu die Krankheitsdauer verkürzen und die Symptome mildern.

Der Schweizer Pharmakonzern Roche kann den weltweiten Bedarf nicht befriedigen. Und so laufen die Pumpen in Grenzach-Wyhlen, dem deutschen Roche-Standort nahe Basel, auf Hochtouren, um Nährstoffe in den riesigen Kessel zu transportieren. Damit werden gentechnisch veränderte Darmbakterien der Sorte E.coli aufgepäppelt, damit sie genügend Shikimisäure produzieren können.

Wie viel von der chemisch als „3, 4, 5-Trihydroxy-1-cyclohexencarbonsäu- re“ bezeichneten Substanz täglich gewonnen wird, will John Buckingham nicht verraten. Er ist der Leiter der vom niederländischen Chemie- und Nahrungsmittelhersteller DSM im Auftrag von Roche betriebenen Biotech-Anlage. „Das ist geheim“, sagt der englische Chemieingenieur. Diesen Satz hören die Journalisten, denen Roche Einblicke in die Tamiflu-Produktion versprochen hat, während der Werkstour noch oft.

Offene Worte findet dagegen William Burns, Chef der Roche-Pharmasparte, über die in den nächsten Jahren geplante Produktion. Innerhalb der letzten 14 Tage sei die ursprünglich für 2006 geplante Marge von 115 auf 150 Millionen Packungen à zehn Tabletten aufgestockt worden. Das sei nahezu eine Verdreifachung der diesjährigen Produktion mit 55 Millionen Einheiten. Und der 58-jährige Schotte setzt noch einen drauf. 2007 soll der Ausstoß noch einmal verdoppelt werden, auf 300 Millionen Packungen. Weit mehr als bisher von Regierungen oder Gesundheitsorganisationen verbindlich geordert worden sei.

Das Pensum kann das Schweizer Unternehmen nicht aus eigener Kraft schaffen. Bereits jetzt wird rund um die Uhr produziert. „Wir suchen weltweite Unterstützung und verhandeln auch mit großen pharmazeutischen Firmen“, sagt Burns. Wer auch immer sich berufen fühle, könne im Internet einen Fragebogen herunterladen und zurücksenden. Dann werde geprüft, ob der Bewerber ausreichend Know- how habe.

Etwa 150 Unternehmen hätten sich gemeldet, auch einzelne Länder seien interessiert. Bis Ende November soll entschieden werden, wer in die engere Wahl kommt. Denkbar sei, dass auch nur das Pressen der Wirksubstanz in Kapseln oder die Verpackung übernommen würden, sagt Burns. Das käme für Entwicklungsländer wie Vietnam in Frage.

„Den schwierigsten Verfahrensschritt mit teilweise giftigen und explosiven Substanzen hat Roche an drei europäische Firmen ausgelagert“, sagt Jan van Koeveringe, technischer Leiter der Pharmaproduktion. Ist das der Grund, dass die Herstellung zehn Monate dauert? „Nein, der Transport zwischen den verschiedenen Firmen geht schnell“, sagt van Koeveringe. Aber es gebe bestimmte Schritte, die nicht zu verkürzen seien.

Wo liegt denn der Engpass, Herr van Koeveringe? „Wir haben nicht genug Kapazität“, sagt der niederländische Experte. Wenn es Roche gelingen würde, mehr Firmen in die Versorgungskette zu integrieren, dann könne die Produktionsdauer auf sieben bis acht Monate verkürzt werden. Und was wäre die denkbar kürzeste Zeit? „Etwa fünf Monate.“

Im Moment liegen bei Roche Bestellungen aus rund 50 Ländern vor. Die Vogelgrippe hat die Angst vor einer weltweiten Epidemie wachsen lassen. Tamiflu gilt als das einzige Medikament, das einer solchen Pandemie Paroli bieten kann. Zwar kann das vom Roche-Konkurrenten GlaxoSmithKline hergestellte Relenza ebenfalls die Vermehrung der Grippeviren stoppen. Doch Relenza kann nur umständlich als Pulver inhaliert werden, so dass nicht sicher ist, ob die richtige Menge in den Körper gelangt.

Da haben die Tamiflu-Tabletten Vorteile, so dass sie zum Renner wurden. Hamsterkäufe haben zu Engpässen geführt. „Dennoch können wir zurzeit genügend liefern“, sagt Pharma-Chef Burns. Um jedoch im Falle einer Pandemie nicht ausverkauft zu sein, hält Roche das Präparat nun gezielt zurück. Regierungen und Gesundheitsorganisationen haben Vorrang, Großhändler werden nicht beliefert. Und die Produktion wird angekurbelt, wo immer es geht.

„Wir wissen nicht, wo und wann die Pandemie ausbrechen wird“, sagt John Oxford, Virologe von der Londoner Queen Mary’s Universität. „Wir wissen nur, dass sie kommen wird.“ Um bei einer Epidemie wirksamen Schutz vor weiterer Ausbreitung der Krankheit zu erreichen, müssten mindestens 25 Prozent der betroffenen Bevölkerung mit antiviralen Mitteln geschützt werden.

Doch werden sich auch die Entwicklungsländer das Medikament leisten können? „Statt 15 Euro müssen die Entwicklungsländer nur zwölf Euro pro Packung bezahlen“, sagt Burns. Und er bietet ihnen an, den Wirkstoff in Pulverform zu erwerben und mit Wasser zu mischen. Auch eine solche Suspension sei wirksam. Die einer Packung Tamiflu entsprechende Menge Suspension koste nur sieben Euro. Billiger könnten auch Nachahmer-Präparate nicht hergestellt werden.

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