Gesundheit : Keine ruhige Minute

Das Zentrum des Streiks an der Humboldt-Uni ist ein Tisch in einem Treppenhaus. Ein Besuch beim „Aktionsrat“

Juliane von Mittelstaedt

SPAREN UND STREIKEN AN BERLINS UNIS

Mit einem Streik ist es wie mit dem Verliebtsein. Man kann ihn nicht sehen und nicht berühren, er ist ein flüchtiger Zustand. Ein Zustand, der jederzeit wieder geräuschlos vorbei sein kann. Jeder Streik braucht daher ein Zentrum, um nicht auseinander zu fallen. Wo also werden die Pläne geschmiedet, Mitmacher aktiviert und die Aktionen koordiniert, die diesen Studentenstreik tragen? Wie funktioniert so ein Streik, wo laufen die Nervenbahnen dieses Aufbegehrens zusammen, die Linke wie Rechte, Juristen wie Afrikanisten, Erstsemester und Langzeitstudenten verbinden?

Das Zentrum des Streiks an der Humboldt-Universität, der jetzt noch nicht einmal eine Woche alt ist, ist ein Tisch. Ein Tisch in einem zugigen Treppenhaus vor dem Audimax, umrahmt von Stellwänden, sozialistischem Buntglas. Rundherum sitzen oder stehen Menschen, Studenten, nie weniger als 20 oder 30. Ein improvisierter Ort, deshalb passt er zu dem Streik. Rebecca Brückmann ist eine hinter dem Tisch, den sie hier „Info-Pool“ nennen. Roter Wollpulli, dunkle Locken, fröhliches Lachen. Auf dem Pulli ein Aufkleber: „Ich bin stolzer Besitzer eines Studienplatzes im Fach . . .“. Romanistik hat sie darunter gekritzelt. Im ersten Semester, Rebecca Brückmann hat gerade angefangen zu studieren, besser: Sie hatte das vor, „aber das hier ist jetzt wichtiger“.

„Hier gibt keiner den Ton an“

Seit morgens um sechs Uhr ist sie da, Kaffeekochen, ab sieben Uhr morgens vier Stunden Streikposten vor dem Eingang zur Uni, dann eine Schicht Info-Pool, danach Mitmachen bei einigen AGs, um 18 Uhr ist Plenum, danach Diskussion, vielleicht irgendwo eine Streikparty und Sleep-In in der Uni. Am Wochenende das gleiche Programm. Rebecca ist nur eine von vielen in diesem Streik, das sagt sie immer wieder. „Hier gibt keiner den Ton an.“ Auch der ReferentInnenrat der HU nicht, der unterstützt den Protest zwar nach Kräften, mit Büromaterial, Homepage und Technik, aber er hat ihn nicht organisiert, nicht einmal initiiert.

Im Gegensatz zu früheren Streiks sei der aktuelle Ausstand jung, diszipliniert, kreativ und überwiegend „von unten“ organisiert, sagen die Studenten. Einen Streikführer gibt es nicht, nur einen lockeren Verbund, der sich Aktionsrat nennt und aus 50 bis 60 Leuten besteht, vielleicht mehr, vielleicht weniger. Alle aktiven Mitstreiker treffen sich daher irgendwann hier vor dem Audimax, im inoffiziellen Nervenzentrum dieses Streiks. Und nicht nur sie, auch die anderen, die von den Streikposten am Haupteingang hierher geschickt wurden. „Warum streikt ihr?“, fragen sie. Ihr, nicht wir. Rebecca versucht ihnen klarzumachen, warum es wichtig ist, dass alle mitmachen. „Solidarisch sein“, sagt sie. Dabei ist sie nicht links. Und auch nicht rechts. „Ich bin weder ideologisch noch radikal und ich will auch nicht die Weltrevolution.“ Nur Studieren. Sie streikt, „weil es an den Unis einfach nichts mehr zu sparen gibt.“

Die meisten, die kommen, denken wie sie. „Wir haben erst aus der Presse erfahren, dass unsere Fakultät wegfallen soll.“ Christiane Wegener ist nicht die Einzige, der es so geht. Agrarwissenschaft, drittes Semester, „noch“, sagt sie. Deshalb ist auch sie den ganzen Tag in der Uni, zwischen AGs, Streikposten und Info-Pool. Ernsthaft diskutiert sie mit denen, die vorbeikommen. Die sagen, 75 Millionen Euro Einsparungen an den Unis sind doch Peanuts, oder besorgt fragen: Kann ich hier überhaupt weiterstudieren? Die meistgehörte Frage ist jedoch: Wo kann ich mitmachen? Fast alle, die hierher kommen, stellen sie. Tragen sich in große Listen für die Streikposten ein, jede Schicht zwei Stunden in der Kälte. Die Listen sind voll.

Käse oder Nutella?

Auf dem Boden knien zwei Mädchen, die mit blauer Farbe und dicken Pinseln Transparente bemalen, kleine Gruppen sitzen in den Ecken und beratschlagen. Jemand bringt einen Korb Brötchen vorbei: Käse oder Nutella? Laufend kommt jemand, der eine Aktion anmelden will, Plakate aufhängt oder Flugblätter ablädt. „Wir haben keine ruhige Minute.“ Niemand scheint darüber traurig zu sein. Im selben Moment hievt ein atemloses Mädchen einen Stapel Papier auf den Tisch, „Aktionsblätter“ aus der TU. „Bitte verteilen“, und weg ist sie. Rebecca malt inzwischen mit dicken roten Filzstiften Plakate und hängt sie an den Stellwänden auf, die schon übersät sind mit Ankündigungen wie der einer Versteigerung von Studenten auf dem Alexanderplatz und einem Swahili-Kurs in der S-Bahn („afrikanisch bekleidet“), Tipps zur Kreideherstellung für großflächige Straßenbemalungen, dem Vorschlag, die Bibliotheken leer zu leihen. Eine kaum überschaubare Vielfalt an Aktionen und Ideen. Immer wieder stellt sich einer in die Mitte und ruft: „AG Bankenskandal, alle zu mir.“ Oder AG Theater. Oder AG Musik. Wenn irgendwo ein Streikposten fehlt, dann ruft Rebecca mit kräftiger Stimme in die Menge und sofort findet sich ein Nachrücker. Jeder engagiert sich, soviel er kann. Ich bin nur eine von vielen, sagt Rebecca immer wieder. Und: „Unser Streik hat keine Idole.“ Aber ein Ziel.

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