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Forscher formulieren: Schreibkurse helfen Wissenschaftlern – und ihren Lesern

Tom Heithoff

Wissenschaft kann brutal sein: Für den Leser, der sich seitenweise mit leblosem Wissenschaftsjargon und Nominalstil („Imaginäres wird folglich durch Fiktives zur Gegenwendigkeit von Dekomposition und Hervorbringung entfaltet“) quälen lassen muss. Aber auch für den Wissenschaftler selbst. Sein Leidensdruck ist oft enorm, auch wenn es mitunter so scheint, als wollte er dem Leser Leiden zufügen. Besonders junge Wissenschaftler verspüren nicht selten eine regelrechte Schreibqual. „Man hat noch nicht die Souveränität der Alten, fühlt sich noch halb als Student, aber baut sich zugleich riesige Ansprüche auf“, sagt Literaturwissenschaftlerin Nadja (Name von der Redaktion geändert), wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien Universität (FU). Sie will wissenschaftlich ernst genommen werden, fühlt sich aber „noch nicht ganz reif“.

Kein Wunder, dass man da verkrampft. Und dass dadurch auch die Sprache verkrampft. „Früher hatte ich einen sehr lebendigen Stil“, glaubt Nadja, doch der werde zunehmend steif und floskelhaft, mit einem Wort: „verdorben“. Vielleicht ist es die Angst vor der Einfachheit, die Wissenschaftler zu komplizierten, gespreizten, pseudowissenschaftlichen Formulierungen drängt. Natürlich völlig unbegründet, diese Angst. Das weiß Nadja – theoretisch. Der große Germanist Richard Alewyn hat seinen Büchern stets eine einfache Form zu geben versucht: „Ich halte es für eine Höflichkeitspflicht eines Schreibenden gegenüber dem Lesenden, sich so verständlich auszudrücken, wie es in seinem Vermögen steht“, war seine Devise. Doch das Einfache ist oft das Schwerste.

Wird schon der Schreibprozess selber als quälend erfahren, ist man mit den Ergebnissen erst recht nicht zufrieden. Doch wie können wissenschaftliche Autoren aus diesem Teufelskreis ausbrechen? Sie müssten versuchen, „ihre eigene Sprache wiederzufinden“, sagt Diplompsychologin und Schreibtrainerin Edith Püschel auf der gerade zu Ende gegangenen Sommeruniversität für Wissenschaftler an der FU. Nicht versuchen, besonders schön zu schreiben, nicht besonders wissenschaftlich, sondern natürlich! In der eigenen Sprache schreibe man viel weniger geschwätzig oder floskelhaft. Erst im nächsten Schritt solle man die notwendigen Fachtermini einarbeiten.

Nützlich sind auch die Techniken des kreativen Schreibens. Hierbei wird das Schreiben nicht benutzt, um fertige Gedanken zu formulieren, sondern um auf Gedanken zu kommen. Das freie schriftliche Assoziieren öffnet bislang vom strengen Bewusstsein versperrte Lösungswege. Als „befreiend und bereichernd“ empfinden das die Kursteilnehmer. Eine weitere gute Übung, um die kreativen Hirnareale wieder zu aktivieren: Einer stellt ein Thema. Ein zweiter assoziiert Zusammenhänge. Der dritte macht die Gliederung. Der vierte formuliert. Indem gesplittet wird, was normalerweise ein Kopf allein tut, lernt man, verschiedene Blicke von außen auf ein Thema zuzulassen, und übt Distanz zum eigenen Tun. „Dieses Variieren gibt Sicherheit“, sagt Püschel.

Dass es am Ausdrucksvermögen vieler Wissenschaftler hapert, kommt der Wissenschaft langsam ins Bewusstsein. Wieso eigentlich? Schreiben Wissenschaftler doch in der Regel für Eingeweihte, die den Jargon beherrschen, die sich auf eine gewisse elitäre Dunkelheit vielleicht sogar etwas einbilden. Solche Jargon-Inseln dienen stets der Absonderung, und wer in seinem hermetischen Zirkel bleiben will, sieht keine Notwendigkeit zu Veränderungen. Zum Glück aber gibt es immer mehr Köpfe, die den Blick nach außen wenden. Nicht nur, wenn es um die Einwerbung von Drittmitteln geht, ist sprachliche Darstellung nach außen gefordert.

Formulierungskunst ist aber auch gefragt, weil Medien und Wissenschaft näher zusammenrücken. Die Öffentlichkeit will wissen, was die Hochschulen hinter ihren Mauern so alles ausbrüten. Und die Forscher drängen selbst in die Zeitungen – mittels Presseerklärungen. Winfried Göpfert, langjähriger Fernsehjournalist („Bilder aus der Wissenschaft“) und heute Professor für Wissenschaftsjournalismus an der FU, bietet ihnen ein Medientraining an. „Wissenschaftler müssen mit Journalisten umgehen, daher sollten sie journalistische Gepflogenheiten kennen und berücksichtigen“, sagt er.

Auf der Suche nach der von Journalisten geschätzten Klarheit werden echte Pressemitteilungen analysiert und später auch selber verfasst. Die beste Methode aber, sich über die Verständlichkeit der eigenen Gedanken klar zu werden, ist, sich in den anderen hineinzuversetzen. Göpfert bietet dazu folgende Übung an. A erklärt B in fünf Minuten sein Forschungsprojekt. Anschließend berichtet B (als Journalist) der Gruppe, was A tut. Die entscheidenden Fragen: Kann B der unwissenden Gruppe (also den Lesern, der Öffentlichkeit) sprachlich vermitteln, worüber A forscht? Und vor allem: Hat B die Erklärungen von A überhaupt inhaltlich richtig verstanden?

Diese scheinbar so simple Übung führt dann allerdings zu überraschenden Erkenntnissen. Was der Berichtende als klar gegliedert empfindet, kommt bei anderen als unstrukturiert an. Umgekehrt wird der Bericht einer Psychologin über ein physikalisches Problem von der Physikerin selbst ob der Klarheit hoch gelobt – obwohl die Berichtende von der Unverständlichkeit ihres Berichts überzeugt ist. Auf diese Kluft zwischen Selbst- und Fremdeindruck macht Göpfert immer wieder aufmerksam.

Immer wieder sind die sechs Teilnehmer erstaunt, dass bei den Zuhörern meist nur eine einzige Information hängen bleibt. „Lassen Sie also lieber gleich die überflüssigen Wiederholungen, aber auch zu spezielle Detailangaben weg und arbeiten Sie mit Beispielen“, rät Göpfert. Während für die Wissenschaft Begriffe wie Genauigkeit und Korrektheit gelten, steht für den Journalismus die Anschaulichkeit ganz oben.

Schreibkurse wie die Sommeruni werden vor allem vom wissenschaftlichen Mittelbau besucht. Die zweite große Gruppe bilden Wissenschaftler aus freien Forschungsinstituten. Professoren sieht man äußerst selten in solchen Seminaren. „Je höher man auf der Karriereleiter steht, desto schwerer ist es, sich einzugestehen, dass man Unterstützung nötig haben könnte“, sagt Georg Schumacher vom Referat Weiterbildung der FU. Anstatt Weiterbildungsangebote zu nutzen, wehre man sie ab. Eine typisch deutsche Denkweise sei das, so Schumacher. Die Furcht, durch ein Training die eigenen Schwächen demonstriert zu bekommen, sei in den angelsächsischen Ländern viel weniger verbreitet. Dort sehe man die Chance, etwas gegen die eigenen Defizite zu tun.

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