Gesundheit : "Kidult": Erwachsene werden Kinder beim weltweiten Konsum

Rico Czerwinski

Hätten auch Sie gern einen dieser dunkelverglasten Geländewagen, die neuerdings immer öfter durch die Stadt fahren? Liebäugeln Sie heimlich mit bunten Plastikarmbändern und Gehsteigrollern aus Aluminium? Wieviel Paar Turnschuhe haben Sie in den letzten Jahren gekauft, ohne dass aus den geplanten Morgenläufen jemals was geworden wäre?

Es sieht so aus, als ob es jeden Tag leichter fällt, viel Geld für Zeug auszugeben, das man eigentlich gar nicht braucht. Und das, obwohl man längst aus dem Alter raus ist, in dem man bei Bedarf seine Eltern nach mehr Taschengeld fragen kann. Für die Masse hart arbeitender und offiziell erwachsener, in Shopping-Centern, Boutiquen und Parfümerien jedoch fast gänzlich reflex-gesteuerter Konsumenten hat die Werbewirtschaft längst ein Wort gefunden: Kidults. Erwachsene, die immer weiter kaufen, bis sie all das haben, was auch nur irgendwie ihr Gefallen erregt.

Solcherart Maßlosigkeit ist heute in. Das meint zumindest Benjamin Barber, Politologe, Soziologe, Kulturkritiker, der im Rahmen der Vortragsreihe "Erbschaft unserer Zeit" in der Staatsbibliothek vor etwa 200 Zuhörern über Konsumkapitalismus und Infantilisierung sprach. Ein ganzes System neuer Werte rechtfertige den hemmungslosen Konsum. Alte, einem protestantischen Ethos entspringende Tugenden wie Arbeitseifer, Sparsamkeit und geplantes, verlässliches Handeln hätten an Bedeutung verloren: "Heute gefragt sind Eigenschaften wie Mut zur Spekulation, Spontaneität, die Fähigkeit zu kurzfristiger "short-term"-Befriedigung, Narzissmus und Egoismus", so Barber.

So wie der sich ab dem 17. Jahrhundert entwickelnde Industriekapitalismus protestantische Werte und Normen brauchte, um zur Blüte zu gelangen, so nährt sich Barber zufolge der Konsumkapitalismus von diesem neuen, von kindlicher Bedenken- und Verantwortungslosigkeit geprägten Ethos.

Große Unternehmen wie Microsoft, Walt Disney und AOL seien heute darauf angewiesen, ihre Produkte global zu verkaufen. Dafür benötigten sie eine globale Sprache - die Sprache der Kinder. Kinder ähnelten sich über Kulturgrenzen hinweg viel mehr als Erwachsene. Das Erfolgsrezept globaler Ökonomie liege also in einer weltweiten Infantilisierung, einer Verkindlichung der Erwachsenen-Kultur. Durch die vor allem über die Medien realisierte Konstruktion von permanenter Kindheit liessen sich auf der ganzen Welt die Konsumbedürfnisse von Teenagern mit der Kaufkraft Erwachsener verschmelzen. Die Industrie wecke im Erwachsenen kindliche Illusionen, die er in Wirklichkeit schon längst verloren habe.

Welche Gefahren erwachsen aus einer solchen Entwicklung? Barber warf die Frage auf, ob nicht ein neuer Totalitarismus entstehen könne, wenn die Wirtschaft allmählich auch in allerprivateste Bereiche vordringe. Dies sei durchaus vergleichbar mit den Zielen totalitärer Staaten oder kirchlicher Herrschaftssysteme. Barbers These: Die Wirtschaft möchte den Bürger durch den Verbraucher ersetzen. Sie versuche glaubhaft zu machen, dass ein Verbraucher all das tun könne, was ein Bürger tun kann - nur besser. Die Freiheit gerate somit in Gefahr durch den Missbrauch von Freiheit. Dabei spürten die Menschen diesen Vorgang überhaupt nicht. Sie fühlten sich nicht unfrei, sondern "frei wie Kinder".

Diese Entwicklung von staatlicher Seite zu begrenzen, sei zwar theoretisch möglich. Durch die Globalisierung werde jedoch ein Hyperraum geschaffen, in dem der Kapitalismus wild wuchern könne. Es entstehe eine Asymmetrie zwischen globalisierter Wirtschaft und nationaler Gesetzgebung. Staatliche Souveränität werde dadurch ausgehöhlt.

Barber zufolge sollten wir nicht auf staatliche Lösungen warten, sondern selbst anfangen, unser Verhalten zu ändern. Der Mensch sei momentan Opfer seiner eigenen Gier, so wie der Affe, der in eine simple Falle läuft: In einer verschlossenen Kiste liegen Nüsse. Durch ein Loch in der Kiste greift er ins Dunkel und packt die Nüsse. Dann will er die Faust zusammen mit der Beute herausziehen, und stellt fest, dass das nicht geht. Auf die Idee, sie einfach los zu lassen, kommt er nicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben