Gesundheit : Killerwale mit Kultur

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Von Monika Rössiger

Während beim Treffen der Internationalen Walfang-Kommission IWC um das Töten von Walen gerungen wurde, diskutieren Wissenschaftler darüber, ob Wale „Kultur“ haben. Allen voran der Schwertwal, aber auch Buckel- und Pottwal sowie der Große Tümmler. Für deren Aufnahme im Club der Kultur-Wesen plädieren beispielsweise die kanadischen Biologen Luke Rendell und Hal Whitehead von der Dalhouse Universität in Halifax, Neuschottland. Natürlich malen Wale keine Ölgemälde. Aber sie lernen durch Beobachtung und Imitation von ihren Artgenossen. Und das, sagen die Kanadier, sei der Anfang von Kultur.

Kultur – das war lange exklusiv dem Menschen vorbehalten. Affenforscher gestehen es seitdem auch Menschenaffen wie Schimpansen und Bonobos zu, was schon den Zorn von Theologen und so manchem Sozialwissenschaftler hervorgerufen hat. Und nun auch noch die Meeressäuger? Besonders Schwertwale – auch Orcas oder Killerwale genannt – überraschen mit einer Verhaltensvielfalt, die nach Ansicht von Rendell und Whitehead einzigartig ist. Vom Menschen einmal abgesehen. Was ein Orca am liebsten frisst, und wie er seine Beute fängt, ist genauso unterschiedlich wie die Dialekte und Gruppenstruktur der Walherden. Sogar im selben Lebensraum, wie vor der Pazifikküste Nordamerikas, pflegen Schwertwale dermaßen verschiedene „Sitten und Gebräuche“, dass man kaum noch von einem artspezifischen Verhalten sprechen kann.

Dort leben rund 600 Schwertwale, die sich in drei Populationen spalten: „Sesshafte“, „Nomaden“ und „Hochsee-Orcas“. Sesshafte und Nomaden durchstreifen von Juni bis Oktober die Küstengewässer, wobei sie sich auch begegnen. Aber sie pflegen keinerlei Kontakt: Sie spielen nicht miteinander, verpaaren sich nicht, sie „grüßen“ sich nicht einmal. Offenbar ignorieren sie sich komplett. Zu unterschiedlich ist ihr Lebensstil.

Die Nomaden fressen vor allem Robben. Sie ziehen entweder als Singles umher oder bilden Gruppen von weniger als zehn Tieren. Deren Zusammensetzung wechselt häufig, und nur selten sind die Orcas miteinander verwandt. Sie sind eher „wortkarg“, kommunizieren mit nur wenigen Lauten, die bei allen Nomaden vor der nordamerikanischen Küste gleich klingen. Ganz anders die Sesshaften. Sie bilden Rudel von zehn bis 25 Tieren, die miteinander verwandt sind und meist das ganze Leben zusammenbleiben. Selbst die Männchen bleiben ein Leben lang im mütterlichen Clan. Die Sesshaften ernähren sich von Fisch und besitzen ein reichhaltiges Repertoire an Tönen, über das sie sich lebhaft austauschen. Was ihr ozeanisches Geplauder bedeutet, darüber zerbrechen sich die an Hydrophonen lauschenden Wissenschaftler noch immer den Kopf. Sie unterscheiden „diskrete“ Rufe, die immer gleich klingen, variable Rufe und Pfiffe.

Durch diskrete Rufe bleibt die Walfamilie in Kontakt, wenn sich ihre Mitglieder während der Lachssuche kilometerweit verstreuen. Zum geselligen Beisammensein kommunizieren die Tiere eher über Pfiffe und variable Rufe. Manche hören sich an wie Brummen, Grunzen oder eine quietschende Tür. „Über diese Laute teilen Schwertwale wahrscheinlich ihre Motivation mit“, erklärt Frank Thomsen von der Hamburger Universität, der über Orca-Akustik promoviert hat. „Während Pfiffe eher auf eine freundliche Stimmung hindeuten, ist bei Brummen oder Knurren Ärger angesagt.“ Und, was noch erstaunlicher ist, alle 19 Rudel der Sesshaften pflegen ihren eigenen Dialekt. Sie klingen so verschieden wie spanisch und chinesisch.

Der Dialekt wird erlernt, nicht vererbt. Vaterschaftstests zeigen, dass die Weibchen sich mit Männchen aus anderen Familiengruppen – mit anderem Dialekt – paaren. Wenn der Dialekt erblich wäre, müsste der Nachwuchs die Lautfolgen beider Eltern haben. „Das Kalb verwendet aber exakt den mütterlichen Dialekt“, sagt Wal-Experte Lance Barrett-Lennard von der University of British Columbia. „Da ist kein Input vom Vater.“

Die Orcas unterscheiden sich auch in ihren Jagdmethoden. Die Sesshaften spüren ihre Beute – Fisch – mittels Echo-Ortung auf. Die Nomaden dagegen, die sich von Robben oder Seelöwen ernähren, verzichten auf Echo-Ortung. Die Laute („Klicks“) würden sie beim Heranpirschen an die Beute nämlich verraten. Diese Schwertwale haben also gelernt, eine Technik zu unterdrücken, die eigentlich ein evolutionärer Fortschritt ist. Und sie haben gelernt, unter Wasser länger die Luft anzuhalten: Mit sechs bis acht Minuten mindestens doppelt so lang wie ihre fischfressenden Artgenossen.

Wie man inzwischen von Beobachtungen an Orcas in anderen Regionen weiß, lernen Jungtiere das Jagdhandwerk von ihren Müttern. Vor der argentinischen Küste oder im Indischen Ozean werden sie darin unterrichtet, Robbenbabies vom Strand weg zu fangen. Dazu werfen sich die Wale mit einem kühnen Sprung ans Ufer, „stranden“ also absichtlich. Dann müssen sie sich – mit der Beute im Rachen – ins tiefe Wasser zurückmanövrieren. Jahrelanges Training ist notwendig, bis diese Technik sitzt. Vor der argentinischen Halbinsel Punta Valdez scheint die Ausbildung besonders professionell organisiert – mit Gruppenübungen an einem strömungsgeschützten Meerwasserkanal. Dort beobachteten Forscher, wie sich mehrere Walmütter gleichzeitig ans Ufer werfen, jeweils mit ihrem Kalb an der Seite.

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