Gesundheit : Klinikum Benjamin Franklin: Herzarbeit

Roland Hetzer

Ein Rettungshubschrauber landet im Virchow-Klinikum. Er bringt ein zweijähriges Kind aus Holland mit schwerem Herzversagen ins Herzzentrum - akute Herzmuskelentzündung, die medikamentöse Behandlung ist am Ende. Nach kurzer Zeit auf der Intensivstation entscheidet man sich zur Notoperation. Das Kind wird an ein so genanntes "Kunstherz" angeschlossen, genauer Herzunterstützungspumpen, die die gesamte Arbeit übernehmen und das kranke Herz entlasten. Nach zwölf Tagen hat sich das vorher fast funktionslose Organ des Kindes vollständig erholt - das Kunstherz wird wieder ausgebaut. Zwei Wochen später reisen die Eltern mit dem wieder genesenen Kind zurück.

Ähnlich verliefen schon sechs Fälle, bei denen Kinder an dieser Erkrankung litten. Das "Kunstherz" der Firma Berlin Heart AG war das erste weltweit, das 1990 in Berlin einem Kind zur Überbrückung bis zu einer Transplantation implantiert wurde. Die miniaturisierten Systeme von Berlin Heart, ursprünglich aus einem Nebenprodukt der Kunstherzforschung von Emil Sebastian Bücherl am Klinikum Charlottenburg entstanden, waren lange Zeit weltweit die einzigen, speziell für Kinder konstruierten. Zahlreiche Verbesserungen des Systems, im Herzzentrum angeregt und erprobt, machen das heute fast schon altmodisch wirkende Konzept zu einem zuverlässigen Lebensretter bei vielen Patienten - im Herzzentrum allein fast 600.

Alternative zur Transplantation

Berlin Heart, untergebracht im Focus Mediport gegenüber dem Klinikum Benjamin Franklin, konstruiert zurzeit neuartige Systeme: voll implantierbar ist das Ziel, dann auf Dauer, das heißt als Alternative zur Herztransplantation. Diese heißen Incor I und Incor II. Das erste, eine Turbine, in einem Magnetfeld schwebend, klein und handlich, mit geringem Energieverbrauch, wird wohl Anfang dieses Jahres erstmals bei Patienten implantiert werden.

Im Deutschen Herzzentrum Berlin hat man auch damit schon Erfahrung. Die erste verfügbare Turbinenpumpe, von DeBakey in Houston zusammen mit der Nasa gebaut, wurde 1998 hier erstmals überhaupt bei einem Menschen angewandt. Und auch die Beobachtung, dass schwerst kranke Herzen bei "Kardiomyopathie", bei denen bislang nur eine Transplantation helfen konnte, sich nach Monaten der Herzentlastung mit einer solchen Pumpe wieder voll erholen können, wurde hier erstmals demonstriert. Die ersten Patienten, bei denen dann die Pumpe wieder entfernt werden konnte, sind jetzt, fast sieben Jahre später, immer noch "herzgesund".

Wie wichtig es ist, Alternativen zur Transplantation zu finden, weiß man nirgends besser als hier. Am Herzzentrum wurden zwar mit über 1200 Transplantationen seit 1986 die meisten in Deutschland vorgenommen, aber zahlreiche Schwerstkranke starben auf der Warteliste. Die Überbrückung bis zur Transplantation mit künstlichen Herzpumpen kann das Problem der knappen Spenderorgane nicht lösen. In nächster Zukunft wird man wohl vermehrt kleine Kunstpumpen wie Incor I und Incor II dauerhaft anstatt eines Spenderherzens implantieren. Diese sind dann die einzigen derartigen "Kunstherzen" aus Europa.

Es ist ganz natürlich, dass die Herzmedizin besonders mit Technik zu tun hat: Herzlungenmaschine, Intensivüberwachung, Herzkatheteranlagen, Herzkernspintomographen usw. Vor Jahren, als ich eine ökologisch orientierte Politikerin durch unsere Intensivstation geführt hatte, hörte ich, dass sie später klagte, so etwas Schreckliches an Apparatemedizin hätte sie noch nie gesehen. Einer jener überraschenden Widersprüche unter unseren Mitbürgern, die, wenn gesund, technische Medizin natürlich verdammen und, wenn es Not tut, dieselbe genauso vehement einfordern. Dabei ist unbestritten, dass es vor allem dem Fortschritt der Medizintechnik und der Pharmazie zu verdanken ist, dass immer mehr Menschen bislang tödliche Erkrankungen überleben können. Ein Kompetenzzentrum Medizintechnik müsste sich auch mit diesen Meinungsparadoxien der Menschen befassen und Aufklärung verbreiten.

Aber es ist nicht nur die Herzmedizin und deren Technik, in der Berlin eine Spitzenrolle spielt. Da sind vor allem die Universitätsklinika Benjamin Franklin, Charité Mitte und Virchow, wo in vielen Bereichen Spitzenleistungen erzielt und die wichtigsten Impulse für die medizintechnische Industrie abgegeben werden. Das ist umso überraschender, als diese Klinika von einer kalten Dusche der Schließungsbedrohung zur nächsten taumeln. Dabei liegen die Uni-Klinika in der Drittmitteleinwerbung in Deutschland an der Spitze, es gibt sieben Sonderforschungsbereiche, neun Graduiertenkollegs und sechs Kompetenzzentren. Wenn die Politik jetzt das Klinikum Franklin bedroht, ist dies für Berlin als Verbindungsort zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ein tödliches Signal. Das Klinikum der Freien Universität ist eine weltbekannte Institution. Seine Abwicklung wird sich in der ganzen Welt herumsprechen und in die Geschichte der Stadt als Schildbürgerstreich eingehen.

Wo geschieht was?

Stellvertretend sei die Robotik in der Chirurgie angeführt. Sie steht für präzises und schonendes Operieren, am Virchow-Klinikum vor allem in der Kopfchirurgie weiterentwickelt, aber mit enormen Möglichkeiten auch in anderen Disziplinen. Dieses Konzept ist sehr spektakulär in der Herzchirurgie, dort aber noch lange vor der Routinebehandlung. Der "minimalinvasiven Chirurgie" insgesamt gehört sicher eine große Zukunft, in Berlin gibt es denn auch die erste deutsche Spezialklinik für dieses Fach MIC am Hubertus-Krankenhaus. Da ist die Laser- und Medizin GmbH, ein An-Institut der Freien Universität und damit eng verbunden, die Abteilung Lasermedizin am Krankenhaus Neukölln - alles Pioniereinrichtungen mit weltweitem Renommé. Da sind die anderen außeruniversitären Forschungseinrichtungen als Stätten der medizintechnischen Entwicklung oder zumindest als Technikpartner der Kliniken - die Fraunhofer-Institute, die Max-Planck-Institute, das Max-Delbrück-Zentrum, das Robert-Koch-Institut, die Physikalisch-Technische Bundesanstalt, das Konrad-Zuse-Zentrum für Informationstechnik, die Bundesanstalt für Materialforschung, Institute der Technischen Universität Berlin und der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus, letztere entscheidender Partner von "Berlin Heart" für die Entwicklung von Kunstherzen.

Die eigentliche Medizintechnik hat jetzt fließende Übergänge zur Gentechnologie und dem faszinierenden neuen Gebiet des "Tissue Engineerings", das heißt der Züchtung von lebendem Gewebe aus Zellen, bevorzugt vom Patienten selbst. Übergänge gibt es zur Konstruktion von Herzklappen, Bypassgefäßen, Gelenkknorpel, Haut und, will man futuristisch denken, auch von Organteilen und ganzen Organen. Berlin-Brandenburg beherbergt mittlerweile eine ganze Reihe von Firmengründungen, in der Regel aus den wissenschaftlichen Einrichtungen entsprungen, die sich mit verschiedenen Aspekten des "Tissue Engineerings" befassen. Ich möchte hier die Firma Codon AG in Teltow aufführen, die für uns hier am Herzzentrum ein zukunftsträchtiger Partner geworden ist und über beste akkreditierte Laborbedingungen und das Zulassungs-know-how, auch für die USA, verfügt. Das sind Bedingungen, wie sie von den wissenschaftlichen Institutionen selbst heute zumeist nicht erbracht werden können.

Nicht zu vergessen ist die Lehre an den sechs Universitäten in Berlin und Brandenburg, die direkt oder indirekt zur Medizintechnik beiträgt. Das gibt es spezialisierte Studiengänge der "Medizinischen Physik" gemeinsam an FU und HU und den Studiengang "Medizinische Informatik" an der Fachhochschule Berlin. Schließlich ist da noch die Akademie für Kardiotechnik des Deutschen Herzzentrums Berlin, 1988 als damals erste Ausbildungsstätte auf dem europäischen Kontinent nach amerikanischem Vorbild gegründet und seither in zahlreichen Staaten kopiert. Rund die Hälfte aller Kardiotechniker in Deutschland wurden hier ausgebildet.

Die Ideen und Anforderungen für Neuerungen entstehen in aller Regel aus der klinischen Arbeit der Ärzte und in den medizinischen Labors. Der Transfer zum Industriepartner war lange Zeit behindert durch traditionelle Berührungsscheu, dies hat sich in den jüngsten Jahren sehr verbessert. Heute ermutigen auch die Universitäten ihre Forscher dazu, Erkenntnisse in Vermarktbares umzusetzen, Kooperationen mit Firmen zu suchen oder selbst solche zu gründen. Mittlerweile gibt es in Berlin und Brandenburg mehr als 350 medizintechnische Firmen mit einem Jahresumsatz von zwei Milliarden Mark. Die neu geschaffenen "Wissenschaftparks" in Adlershof, Buch, Luckenwalde, Potsdam und Hennigsdorf warten auf weitere Firmenansiedelungen. Abgesehen von so Großen wie Siemens und Biotronic steht den start-ups mitunter eine lange Zitterpartie bevor, über Jahre mit Wagnis Kapital die Entwicklungsphase der Produkte zu überleben, bis vielleicht am Horizont sich der große wirtschaftliche Erfolg zeigt.

Die gegenwärtige Rezession dürfte manche Hoffnung trüben. Bei leeren Berliner Staatskassen bleiben zugesagte Fördergelder aus und die Krankenkassen mit ihrer anhaltenden Misere scheuen oft genug die Kostenübernahme für neue Produkte, auch wenn diese zum unzweifelhaften Wohl des Patienten beitragen. Das hier entwickelte, elegante telemetrische Überwachungssystem der von uns transplantierten Herzen (genannt Imeg bzw. Muse), welches die Erkennung jeder Abstoßungsreaktion erlaubt und damit lebenserhaltend ist, wird beileibe nicht von jeder Krankenkasse in Deutschland übernommen, obschon es kostengünstiger als die älteren Alternativ-Verfahren ist. Und dass die neu entwickelten Kunstherzen so finanzierbar bleiben wie bisher, können wir gegenwärtig nur hoffen.

Ein strukturiertes Kompetenzzentrum Medizintechnik Berlin-Brandenburg gibt es nicht und ein solches dürfte auch von der Vielfalt der Projekte und Zielansätze überfordert sein. Die enorme Ballung von Wissenschaft, praktischer Medizin und Industrie in der Region ist Kompetenz an sich.

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