Gesundheit : Klon der Angst (Glosse)

Henryk M. Broder

Ich kann verstehen, wenn die Menschen Angst vor schwarzen Katzen, dem Welfen-Prinzen Ernst-August und Reisen im ICE haben. Für solche Ängste gibt es gute Gründe. Aber warum fürchten sich so viele vor der Gentechnologie, vor der Entschlüsselung des Erbguts, vor dem Klonen von Menschen? Weil damit in das Schöpfungswerk Gottes eingegriffen wird? Weil die menschliche Würde verletzt wird? Weil die Natur herausgefordert wird? Alles Unsinn. Die Menschen haben Angst, weil Angsthaben Lust bereitet und weil die meisten zum Bungee-Jumping und S-Bahn-Surfen zu dick, zu faul und zu feige sind. Und nachdem die Welt nicht, wie von Nostradamus vorausgesagt, bei der totalen Sonnenfinsternis untergegangen ist und zur Jahrtausendwende nur die Computer der Berliner Feuerwehr abgestürzt sind, bleiben wenige Schreckensvisionen übrig, die als Quellen der Angstlust taugen. Auf der untersten Erkenntnisebene geht das so: Eine Frau wacht morgens auf, macht das Radio an und hört, dass es bald möglich sein wird, Menschen zu klonen. Sie sieht ihren Mann, der noch schlafend und schnarchend neben ihr liegt, bekommt einen Schrecken und sagt sich: Nein, lieber Gott, bitte lass es nicht zu.

Eine solche Reaktion ist vollkommen verständlich und nachvollziehbar. Aber ein paar Reflexionsstufen weiter kommen Moralisten, Theologen und Ethiker zu Wort, die genauso denken, es nur anders begründen, eben mit Gotteswillen, Menschenwürde und Naturrecht. Das ist ebenso albern wie verlogen. Und deswegen möchte ich heute daran erinnern, dass nicht nur Stalin, Hitler, Idi Amin, Pol Pot und Alfred Nobel, der Erfinder des Dynamits, das Ergebnis natürlicher Zeugung waren, bei der niemand Gott in sein Handwerk pfuschte, sondern auch die Jungs in Guben, die einen Afrikaner Spaßes halber zu Tode hetzten, wie die Mutter in Frankfurt/Oder, die ihre zwei Kinder verhungern und verdursten ließ, weil sie ein längeres Date mit ihrem Lover hatte, und auch die vier Lichtenberger Skins, die einen Obdachlosen abstachen, um ihm elf Mark und ein wenig Tabak abzunehmen. Alles Menschen, die Gott nach seinem Ebenbild erschuf und die von keinem Biotechniker manipuliert wurden.

Kann es noch schlimmer kommen? Eigentlich nicht. Das größte Risiko beim Klonen liegt darin, dass Zlatko, Naddel und Jürgen Drews nicht mehr die Unikate sein werden, die sie heute noch sind. Auch Arabella, Nicole, Bärbel Schäfer, Andreas Türck und Günter Jauch werden ihre hart erarbeitete Exklusivität verlieren. Das wird das Leben nicht schöner machen, aber eine Gesellschaft, die Iris Berben und Inge Meysel verkraftet hat, wird an solchen Kollateralschäden des Fortschritts nicht zu Grunde gehen.

Im Übrigen wird täglich die Natur manipuliert und Gottes Wille korrigiert. Jede Krebsvorsorgeuntersuchung, jede Hasenschartenkorrektur und jede Brille, die bei Fielmann verkauft wird, bedeutet einen Eingriff in den "natürlichen" Gang der Welt. Und ob ein Arzt Anti-Depressiva verschreibt oder ein Genbiologe gleich einen depressionsfreien Menschen kontruiert, läuft auf das Gleiche hinaus. Nur dass der Genbiologe bei den Ursachen ansetzt und nicht bei den Symptomen.

Kein Grund also, sich aufzuregen. Lassen wir die Kirche im Dorf, Gott im Himmel, die Natur im Engadin und die Forscher in Ruhe arbeiten.

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