Gesundheit : Knusprige Heuschrecken, im offenen Feuer gegrillt

In Korea mit Oma, Tante 1, Tante 2, Tante 3 in einem Bett – und dann in Deutschland: Ok-Hee Jeong über das Leben zwischen zwei Kulturen

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Guten Tag! Mein Name ist Hana Kim! Ich wurde in Korea geboren. Im Alter von sechs Jahren kam ich nach Deutschland und lebe seit 28 Jahren in diesem Land. Ich habe hier die Grundschule besucht, das Abitur gemacht und studiert. Ganz ehrlich, was denken Sie? Bin ich eine Deutsche? Oder bin ich eine Koreanerin?

Wenn ich unter Koreanern bin, sind meine Verhaltensweise, meine Körperhaltung und meine Stimme seltsamerweise ganz anders, als unter Deutschen. Ich krümme meinen Rücken, versuche, mich noch kleiner zu machen, als ich sowieso schon bin, bemühe mich also, möglichst bescheiden auszusehen. Ich lache und spreche leiser und höher als sonst, und halte natürlich die Hand vor den Mund beim Lachen. Hohohoho, anyounghaseyo!

Bin ich mit Deutschen zusammen, scheine ich zu einem anderen Wesen zu mutieren! Brust raus, selbstbewusstes Auftreten, die Stimme laut – nie verlegen, meine Meinung lautstark kundzutun. Hast du die Wäsche immer noch nicht gewaschen? In der Beziehung mit meinem deutschen Freund heißt die Devise im Haushalt: 50:50! Schließlich bin ich eine emanzipierte Frau!

Und doch verwandele ich mich in einer Runde von Koreanern wieder zu einer Spülmaschine und Köchin! Herr Lee, möchten Sie noch eine Tasse Kaffee? Tante Lee, bleiben Sie bitte sitzen. Gama-ni an-jer-iss-saeyo! Und? Fühle ich mich dabei unemanzipiert? Natürlich nicht! Ich will schließlich nur hilfsbereit und liebenswert sein! Was ist dagegen einzuwenden?

Nun, wie Sie wissen, bin ich in Korea geboren, und zwar zu einer Zeit, in der Korea noch ein Entwicklungsland war. Ich hatte keine festen Schuhe an den Füßen, sondern welche aus Gummi. Ich glaube, sie waren aus alten Autoreifen gefertigt. Blau für Jungen, rot für Mädchen. Meine Puppen waren Stöcke mit schwarz gemalten Punkten, einem lachenden Mund und kräuseligen Maishärchen oben drauf. Ich erinnere mich an die knusprigen Heuschrecken, die im offenen Feuer gegrillt wurden, an bberndegi – salzig geröstete Seidenraupenkokons, an den Geschmack der bittersüßen Ginkgofrüchte, an den unendlich süßen Geschmack von ggogam (getrocknete Sharonfrucht). Noch heute spüre ich den warmen, seidenweichen Monsunregen auf meiner Haut, der mir als Kind fast bis zur Hüfte ging. Ich sehe noch Tausende wild tanzender Regentröpfchen, dazwischen lauter kleine weiße Papierschiffe, die wir mit unseren zarten Kinderhänden gefaltet hatten. Meine Familie wohnte in einem Haus mit zwei Räumen. Plumpsklo und Küche waren außerhalb. In dem kleinen Raum schliefen meine Eltern, der große war zugleich Wohn- und Schlafzimmer.

Abends wurden ibul, das sind dünne Futon-Matratzen, auseinander gefaltet. Auf ihnen lagen Oma, Tante 1, Tante 2, Tante 3, meine beiden Brüder, ich und meine Cousinen – und über uns die Decken. Ich erinnere mich, wie wir uns in den Schlaf giggelten und uns unheimliche koreanische Gruselmärchen erzählten, gwuishin iyagi! Und schließlich die strenge Stimme unserer Oma in der Dunkelheit: shiggurer! RUHE!

Halmerni, so heißt meine Oma für mich. Meine Eltern sind nicht Mama und Papa, für mich heißen sie immer nur omma und abba. Meiner kleinen Tochter bringe ich jedoch alle Worte bei: Sara ya … sag mal Mama, omma, Papa, abba … ung, malhaebaba, omma, Mama!

Für mich als »multiple Persönlichkeit« gibt es natürlich auch viele verschiedene Bezeichnungen: Ausländerin, Bildungs- Inländerin, Migrantin in 2. Generation, deutsche Mitbürgerin mit Migrationshintergrund, Koreadeutsche, Deutschkoreanerin, kyopo, nicht 2sae, sondern 1,5 sae, das heißt auf Koreanisch nicht 2. Generation, sondern 1,5. Generation, weil ich ja in Korea geboren bin. Nicht richtig 1. Generation, nicht richtig 2. Generation – na super! Dann sagen die Koreaner, du bist unleugbar eine Koreanerin, die Deutschen dagegen sagen, du bist unleugbar eine Deutsche! Ja was denn nun?

Wissen Sie was, ich gebe Ihnen einfach mal die richtige Antwort auf diese schwierige Frage! Ich, Hana Kim, bin ein Hybrid! Ah, Entschuldigung, eine Hybridin! Das ist die neueste Bezeichnung, die ich kennen gelernt habe. Aber ganz ehrlich, eine Hybridin stelle ich mir als eine unförmige, wabbelige, grünliche, glibberige Masse vor, die mit Tausenden von feinen Härchen überzogen und neunundneunzig Prozent ihres Lebens asexuell ist. Aber Halt! Seltsamerweise stelle ich mir diese Hybridin lächelnd vor. Oberhalb der Glibbermasse spaltet sich quer ein riesengroßer Schlitz! Die Hybridin lächelt das Mona-Lisa-Lächeln, tief und unergründlich, aber zufrieden …

Ganz im Ernst! Ich, Hana Kim, bin eine Reisende! Für meine Reisen brauche ich allerdings weder Koffer, noch Reiseführer, Züge, Busse, Flugzeuge … Ich brauche nur meine Augen zu schließen, um Tausende von Kilometern zu überbrücken. Wie Captain Kirk schaffe ich es, mich in einer Sekunde in eine andere Welt zu beamen. Meine Reisen sind Reisen zu meinen HEIMAT-TEN, meinen ZU-HAUSES. Anders als Kirk sage ich jedoch nicht: Beam me up, Scotty, sondern Fighting Hana Kim!

Stop! Nicht FIGHTING – sondern HIGHTING, wie es die Koreaner in ihrem koreanisch-amerikanisch überall und in allen Situationen sagen! HIGHTING HANA KIM! HIGHTING! Auf in den Kampf! Auf ins Leben!

(gekürzte Fassung)

OK–HEE JEONG (37) wurde in Korea geboren und lebt seit 1977 in Deutschland. Sie arbeitet als freischaffende bildende Künstlerin, Autorin und Schauspielerin in Osnabrück.

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