Gesundheit : Körperverletzung vor der Geburt

Wie rauchende Schwangere ihr Kind schädigen

Rosemarie Stein

Die junge Frau war erst im siebten Monat, trotzdem wies ihr Frauenarzt die Erstgebärende in die Universitätsklinik ein. Denn das Kind war unterentwickelt, die rechte Niere auffällig, und in der Gebärmutter befand sich nur wenig Fruchtwasser. In der Frauenklinik bestätigte sich der Verdacht des einweisenden Arztes: Die Plazenta hatte sich vorzeitig gelöst. Ein hohes Risiko für Mutter und Kind. Deshalb entschlossen sich die Klinikärzte zum sofortigen Kaiserschnitt, um das Kind zu retten.

Aus der Narkose erwacht, fragte die junge Mutter als Erstes – nein, nicht nach ihrem Kind (das lange auf der Frühchen-Station gepäppelt wurde), sondern nach einer Zigarette. Sie war abhängig und hatte auch die ganze Schwangerschaft hindurch täglich zehn bis 15 Zigaretten geraucht. Jetzt wurde klar, warum dies ein „Mangelkind“ war und warum es vorzeitig durch eine Notoperation entbunden werden musste.

Den Fall schilderte Regina Rasenack (Universitätsfrauenklinik Freiburg) vor kurzem auf dem Gynäkologenkongress in Berlin. Das Thema der Vortragsreihe hieß „Schwangerschaft und Rauchen“. Ja, ist das denn noch ein Thema? Ist so ein Fall nicht die Ausnahme? Wissen denn nicht alle Frauen längst Bescheid? Rauchen ist neben Alkohol das stärkste vermeidbare Risiko für das Ungeborene, bekräftigte Joachim Dudenhausen, Direktor der Charité-Klinik für Geburtsmedizin.

Dennoch rauchen noch immer erschreckend viele Schwangere. Es gibt dazu unterschiedliche Schätzzahlen. Renate und Karl Bergmann von der Charité kamen in einer gründlichen Analyse zu folgendem Schluss: In Deutschland raucht ein Fünftel bis ein Viertel der werdenden Mütter während der ganzen Schwangerschaft. Das heißt, es werden jährlich ungefähr 150 000 Neugeborene nachhaltig – vielleicht lebenslang – geschädigt.

Die im Mutterleib berauchten Kinder sind kleiner und bis zu 400 Gramm leichter. Das ist dosisabhängig: Je stärker die Schwangere raucht, desto kleiner das Kind. „Dann habe ich eine leichtere Geburt“, sagen sich manche Mütter. Irrtum, stellte Regina Rasenack von der Freiburger Uniklinik klar: Raucherinnen müssen häufiger per Kaiserschnitt entbunden werden, und das Risiko einer Frühgeburt ist um 30 Prozent höher. Es sind oft Mangelkinder, die ihr Leben lang anfällig bleiben, falls sie nicht schon um die Geburt herum sterben. Auch dem plötzlichen Kindstod erliegen sie häufiger.

Feten, aber auch Säuglinge und Kleinkinder mit ihrem noch nicht voll entwickelten Immunsystem reagieren empfindlicher auf Passivrauch als Erwachsene. Die kleinen Mitraucher haben oft Atemwegsinfekte, Asthma und Mittelohrentzündung, aber auch Verhaltensstörungen. Studien zeigen ein höheres Risiko für Lippen-Kiefer-Gaumenspalten.

All dies verursacht nicht das Nikotin allein, weshalb ein Nikotinersatz im Rahmen einer Entwöhnungstherapie für Schwangere als vertretbar gilt. Andere Substanzen aus dem giftigen Stoffgemisch im Passivrauch können noch mehr schaden, etwa Kohlenmonoxid, das den Sauerstoffgehalt des Blutes herabsetzt, freie Radikale, die den Gefäßwänden zusetzen, und die vielen krebserregenden Stoffe. Studien ergaben bei pränatal berauchten Kindern mehr Hirntumoren und Lymphknotenkrebs.

Das Zustandekommen der wichtigsten Schäden erläuterte Jan-Peter Siedentopf (Charité): Auch wenn der erste Schrei noch kräftig ist, beginnen solche Kinder oft nach etwa einem Monat, an Atemnot zu leiden, weil ihre Lungen durch die Mangeldurchblutung von Geburt an geschädigt sind – eine Hypothek fürs Leben. Jeder Zug an der Zigarette verschlechtert die Durchblutung der Plazenta, des kindlichen „Versorgungszentrums“.

Auch der Fetus leidet unter der Mangeldurchblutung der Plazenta und damit unter einer schlechteren Versorgung mit Sauerstoff und essenziellen Nährstoffen. Die verstärkte Gefäßalterung bei Rauchern lässt sich im Zeitraffer an der Plazenta studieren. In der Frühschwangerschaft kann die Plazenta die Schäden noch ausgleichen. Spätestens von der 30. Woche an wird’s kritisch: Die Kinder wachsen langsamer und weil der Blutfluss bei Feten die obere Körperhälfte bevorzugt, werden vor allem die Beinchen schmächtig. Wenn sich die geschädigte Plazenta vorzeitig ablöst, ist das lebensgefährlich für Mutter und Kind.

Wie bringt man tabaksüchtige Schwangere dazu, mit dem Rauchen aufzuhören? Der erhobene Zeigefinger tut’s nicht, hieß es auf dem Kongress, einfühlsame Aufklärung und Motivation sind gefragt. Dabei sollte den Müttern klar werden, dass sie nicht nur für ihre Kinder, sondern auch für sich selbst etwas tun. Eine Schwangerschaft gilt sogar als beste Gelegenheit zur Entwöhnung.

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