Gesundheit : Kommentar: Ambivalenzen

Bärbel Schubert

Sind die Kinder in Deutschland dümmer als in anderen Industriestaaten? Hier zu Lande kommen nur 16 Prozent eines Altersjahrgangs zu einem Hochschulabschluss. In Japan, Großbritannien, Finnland und etlichen anderen Industrieländern sind dies nach den Zahlen der OECD mehr als 33 Prozent. Und von den deutschen Studenten ist nach Meinung der Professoren auch noch jeder Dritte an der Hochschule fehl am Platze.

Den Bildungspolitikern ist längst klar, dass Deutschland auf eine Fachkräftelücke zusteuert. Die Qualifikationsanforderungen auf dem Arbeitsmarkt wachsen in vielen Bereichen. Auch das Handwerk, lange größter Ausbilder für Hauptschüler, ruft inzwischen nach Abiturienten. In wenigen Jahren werden außerdem demografisch bedingt die Kinder knapp.

Wenn die Schülerzahl sinkt, müssen diese wenigen "besonders gut ausgebildet werden." Darauf haben sich die Kultusminister jetzt immerhin verständigt. Doch wie sollen mehr Jugendliche bis zum Abitur geführt werden - möglichst mit besserem Ausbildungsniveau? Wie sollen die Jugendlichen in jeder Schulform zu besseren Ausbildungsergebnissen kommen? Denn auch die betrieblichen Ausbildungen setzen heute mehr Können voraus als vor zwanzig Jahren.

An diese Zukunftsfragen mag derzeit niemand rühren. Denn das würde nicht nur Geld kosten, sondern auch weitgehende Reformen im ganzen Bildungssystem nach sich ziehen. Mehr fördern und zwar auf jeder Bildungsstufe, statt an der "Zuliefer-Institution" rumzumäkeln - die Hochschulen an den Gymnasien, die an den Grundschulen und so weiter - das wäre ein Ziel.

Wenn man nicht im Ernst davon ausgeht, dass Kinder in Deutschland dümmer sind, stellt sich die Frage nach den Unterschieden zu anderen Bildungssystemen. Dort ist die pädagogische Förderung in der Vorschulzeit meist ausgeprägter. Die meisten Nachbarstaaten, die uns im vergangenen Jahrzehnt vorgemacht haben, wie man zu einer Bildungsexpansion kommt, haben zudem Ganztagsschulen. Und wer Eindrücke von Schulen im Ausland mitbringt, berichtet oft, dass die individuelle Förderung der Kinder besser klappt.

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