Gesundheit : Krank an Herz und Verstand

Wie Depression und Infarkt zusammenhängen

Adelheid Müller-Lissner

Während der eine von unerklärlicher Traurigkeit befallen ist, bekommt der andere aus heiterem Himmel einen Herzinfarkt. Den einen führt der Weg zum Psychiater, den anderen zum Kardiologen. „Lange Zeit war die Welt so einfach strukturiert: Man hat in körperliche und psychische Krankheiten eingeteilt“, sagt Fritz Hohagen, Psychiater am Uniklinikum Schleswig-Holstein. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) lässt keinen Zweifel daran, dass das Zeitalter der einfachen Einteilungen, bei denen vielen Experten schon lang nicht wohl war, nun zu Ende ist. Denn es gibt neue Fakten, die am vergangenen Wochenende beim Psychiatriekongress in Berlin vorgestellt wurden.

Je früher ein Mensch an einer Depression oder einer Schizophrenie erkrankt, desto niedriger ist seine Lebenserwartung – und das liegt nicht allein daran, dass das Selbstmordrisiko höher ist oder dass die Betroffenen häufiger rauchen und deshalb stärker von Lungenkrebs bedroht sind.

Ein Schwerpunktthema des Kongresses war der Zusammenhang zwischen Herzinfarkten und Depressionen. Die Zahlen sind deutlich: Wer an einer Depression leidet, hat ein doppelt so hohes Herzinfarktrisiko wie andere Menschen, sagte Matthias Rothermund von der Uni Münster. Und bei Patienten, die schon einen Infarkt hatten, ist das Risiko, weitere Infarkte zu erleiden, um ein Vielfaches erhöht, wenn bei ihnen zugleich auch eine Depression diagnostiziert wird, berichtete der niederländische Internist und Psychiater Peter de Jonge von der Universität Groningen.

Es liegt nahe, dafür Unterschiede im Lebensstil verantwortlich zu machen: In niedergedrückter Stimmung ist es noch schwerer, den ärztlichen Ratschlägen für einen körperlich aktiveren Lebensstil und eine gesündere Ernährung zu folgen. Doch das ist nicht der einzige Grund für den Zusammenhang zwischen Depression und Herzinfarkt.

Inzwischen mehren sich die Hinweise darauf, dass das psychische Leiden zusätzlich auch direkt mit körperlichen Veränderungen einhergeht, die für die Gefäße ungünstig sind. So fand man bei Menschen mit Depressionen eine erhöhte Aktivität der Blutplättchen, jener Elemente im Blut, die entscheidend zu seiner Gerinnung beitragen. Und man entdeckte einen erhöhten Anteil der Eiweiße, die gefäßschädigende Entzündungen fördern. Von Bedeutung scheint außerdem die vermehrte Ausschüttung des Stresshormons Cortisol zu sein.

Als Bindeglied zwischen der Depression und dem Herzinfarkt betrachtet Hohagen das metabolische Syndrom – eine Krankheit, bei der hoher Blutdruck, ungünstige Blutfettwerte, ein von Entgleisung bedrohter Blutzucker und Übergewicht zusammenkommen. Hohagen mahnt seine Zunft: „Wir Psychiater müssen unbedingt auch die körperliche Dimension unserer Patienten sehen.“

Umgekehrt sollten Klinik- und Hausärzte, die Infarktpatienten behandeln, auf depressive Anzeichen achten. Auf keinen Fall sollten sie die Niedergeschlagenheit von Herzpatienten als normal betrachten, nach dem Motto: „Wenn ich so einen schlimmen Infarkt gehabt hätte, wäre ich auch depressiv!“, mahnte Rothemund. „Nach den neuen Erkenntnissen müssen wir die Depression aus zwei Gründen behandeln: Um sie selbst zu bessern, aber auch um die Prognose für das Herz zu verbessern.“

Häufiger als beim Herzinfarkt zeigt sich das Zusammenspiel zwischen körperlichem und seelischem Leid für die Hausärzte an Patienten, die über Schmerzen und andere körperliche Beschwerden klagen, ohne dass eine organische Ursache zu finden ist. 15 Prozent der Patienten, die zum Hausarzt kommen, sollen unter einer „anhaltenden somatoformen Schmerzstörung“ leiden, hieß es auf dem Psychiatriekongress. Häufige Symptome sind Rücken-, Kopf- und Gelenkschmerzen, aber auch Beschwerden des Magen-Darm-Trakts oder des Herzens. Obwohl zahlreiche, oft auch wiederholte Untersuchungen und Tests keine Auffälligkeiten ergaben, bleiben viele Betroffene überzeugt davon, man müsse weiter nach einer organischen Ursache suchen.

„Patienten mit somatoformen Störungen wissen, dass man eine körperliche Ursache nie sicher ausschließen kann und glauben deshalb den eindeutigen Aussagen ihrer Ärzte nicht“, sagte Winfried Rief, Leiter der Psychotherapieambulanz der Uni Marburg. In einer Studie konnte Rief aber kürzlich zeigen, dass geschulte Hausärzte ihren Patienten helfen können, selbst zu „Meistern ihrer Körperbeschwerden“ zu werden. Voraussetzung ist, dass die Ärzte die Klagen ihrer Patienten nicht als „Spinnereien“ abtun, sondern gewissenhaft mögliche organische Ursachen abklären.

In Gruppentherapien wird aber zusätzlich auch darüber gesprochen, wie „sinnvolles Inanspruchnahme-Verhalten gegenüber medizinischen Leistungen“ aussehen könnte. „Die meisten Betroffenen haben dafür gar kein Konzept mehr“, hat Rief beobachtet. Eines hat sich in den letzten Jahren nach seiner Überzeugung zum Positiven gewendet: Patienten mit somatoformen Störungen verschließen sich nicht mehr prinzipiell gegenüber dem Vorschlag, psychotherapeutische Methoden in die Behandlung einzubeziehen. Zwar hört er immer wieder Sätze wie: „Ich hätte nie gedacht, dass dieser Psychoquatsch mir helfen würde!“ Doch sie kommen aus dem Mund von Menschen, die sich darauf eingelassen haben. Und das offensichtlich mit Erfolg.

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