Gesundheit : Kritischer müssten mir die Kritischen sein

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Von Matthias Loerbroks

Er war ein großer Theologe, ein freier und origineller, aber nicht ungebundener Denker, ein mit allen Sinnen wacher Zeitgenosse, intensiver Gesprächspartner, eindrücklicher Prediger und prägender Lehrer. Vor allem: er war unter den Theologen einer der ganz wenigen, die begriffen haben, was für ein Einschnitt die Schoa ist, nicht nur, aber auch für die christliche Theologie.

Friedrich-Wilhelm Marquardt, der am Sonnabend in Berlin gestorben ist, wurde 1928 in Eberswalde geboren, studierte nach dem Krieg evangelische Theologie, war einer der ersten westdeutschen Studenten an der Kirchlichen Hochschule in Zehlendorf, studierte aber vor allem in Marburg bei Rudolf Bultmann, der Heideggers Existenzialphilosophie zur Voraussetzung allen theologischen Verstehens machte. Ob durch Heidegger, Camus oder Sartre - viele Angehörige der später so genannten skeptischen Generation wurden damals Existenzialisten, weil sie das für nüchtern hielten und nach der Katastrophe des Nationalsozialismus und seiner glaubensbereiten Anhänger möglichst gar nichts mehr glauben wollten. Doch Marquardt merkte bald, dass in Marburg von Nüchternheit keine Rede sein konnte. Er wechselte zu dem anderen großen Theologen der 50er Jahre, zu Karl Barth in Basel. Wirklich ernüchternd und befreiend wurde für ihn dort, Theologie im politischen Kontext zu diskutieren - die Religionskritik. Was er bei Karl Barth gelernt hat, drückte er in einem Zitat aus, das er zur Überschrift eines Aufsatzes machte: „Kritischer müssten mir die Historisch-Kritischen sein": gesellschaftskritisch nämlich, politisch gesellschaftlich aufgeklärt selbstkritisch.

Marquardt wurde Pfarrer, zunächst in Bayern, dann im Rheinland, wo er zu jener kirchlichen „Bruderschaft" gehörte, die den Streit um die Atomwaffen zur Bekenntnisfrage erhob und damit die Evangelische Kirche fast zur Spaltung gezwungen hätte.

Ende der 50er Jahre wurde er Studentenpfarrer an der Freien Universität Berlin - gegen den Willen des damaligen Bischofs Dibelius. Helmut Gollwitzer hatte die Berufung erzwungen, indem er sie zur Bedingung für sein eigenes Kommen machte. Bald darauf geriet Marquardt in die Mühlen des kalten Kriegs: ein entsetzter Brief an Kurt Scharf, in dem er von einem Besuch von Studentenpfarrern bei der Bundeswehr berichtete, bei dem ganz unverblümt von der Militärseelsorge als Teil der psychologischen Kriegsführung die Rede war, war nach Ostberlin gelangt und dort veröffentlicht worden. Marquardt wurde daraufhin von westlichen Geheimdiensten in die Zange genommen, wurde dabei krank an Leib und Seele.

Ebenfalls als Studentenpfarrer leitete er eine Reise von Studierenden nach Israel. Kurz darauf gehörte er zu den Gründern der Kirchentagsarbeitsgemeinschaft Juden und Christen - und das Verhältnis zwischen Christen und Juden wurde eins seiner Lebensthemen. Er wurde Assistent bei Gollwitzer und schrieb eine bahnbrechende, Augen öffnende Doktorarbeit über Israel in der Theologie Karl Barths und wurde dafür mit der Buber-Rosenzweig-Medaille ausgezeichnet.

Mit Beginn der Studentenbewegung Ende der 60er Jahre sah er sich vor einer doppelten Aufgabe: zum einen wollte er den Bürgern der Stadt den revolutionären Aufbruch der Studenten verstehbar machen, zum anderen den Studenten zeigen, welches revolutionäre Potenzial in Bibel und Theologie steckt. Letzteres wurde dann 1971 zu seiner Habilitationsschrift: „Theologie und Sozialismus. Das Beispiel Karl Barth“. Marquardt unternahm es zu zeigen, dass Sozialismus nicht nur zu den ethischen Konsequenzen gehörte, die Barth aus seiner Glaubenserkenntnis zog, sondern dass sozialistische und marxistische Denkfiguren auch seine dogmatische Arbeit prägten - und löste damit einen Skandal aus: die Kirchliche Hochschule lehnte die Arbeit als „unwissenschaftlich“ ab, und Gollwitzer legte daraufhin seinen Lehrauftrag dort unter Protest nieder, lehrte nur noch an der FU.

Beide Themen - das Verhältnis der Christen zu den Juden und die gesellschaftliche Bedingtheit wie auch das Aufklärungspotenzial von Theologie - hängen zusammen, denn die gesellschaftliche Situation, in der Theologie entsteht und auf die sie sich bezieht, ist die nach Auschwitz. Es war bewegend, wie beim Nürnberger Kirchentag 1979 eine ganze Messehalle voller Menschen gebannt zuhörte, als Marquardt über „Christsein nach Auschwitz" sprach.

Als Gollwitzers Nachfolger an der FU hat er in den 70er und 80er Jahren seine vor allem im christlich-jüdischen Gespräch gewonnenen Einsichten in einer neuen Glaubenslehre zusammengefasst. Auch durch schwärzeste Einsichten in die Fraglichkeit der Theologie wollte er sich weder die Bedeutung Jesu noch die Hoffnung ausreden lassen. Das wäre ihm wie eine Kapitulation vor dem Erzfeind, dem Tod, vorgekommen.

Der Autor ist evangelischer Pfarrer in Berlin.

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