Gesundheit : Kunststudenten für Entmachtung der Professoren - Asten befürchten weiter Günstlingswirtschaft

Anja Kühne

Die Studentenvertretungen der vier Berliner Kunst- und Musikhochschulen haben sich zusammengetan, um gegen die neue Vergabepraxis bei den künstlerischen Nachwuchsförderungs-Stipendien des Berliner Senats (Nafög) zu protestieren. Den Studierenden geht die Reform der Wissenschaftsverwaltung nicht weit genug. "Was ist das für eine Kulturhauptstadt, deren Senat die nachgewiesene Günstlingswirtschaft der vergangenen Jahre mit anderen Vorzeichen fortsetzen will?" fragen die Asten in einem öffentlichen Brief, den die Vertretungen der HdK, der Kunsthochschule Weißensee, der Hochschule für Schauspiel "Ernst Busch" und der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" unterzeichnet haben.

Denn zwar sollen in Zukunft Berliner Künstler und nicht mehr wie bisher Professoren die Stipendiaten auswählen. Doch dürfen die Hochschulen die Künstler nominieren. Außerdem sollen die Leiter der Hochschulen den Kommissionen angehören. "Rektoren und Präsidenten sind in vielen Fällen nicht fachkompetent, da die Leitung einer Hochschule in erster Linie Organisation und Verwaltung bedeutet", meinen die Asta-Vertreter. Sie wünschen sich, dass die Nominierungsvorschläge aus möglichst vielen Kulturinstitutionen der Stadt kommen, nicht aber aus den Kunsthochschulen. Andernfalls könnten die Hochschullehrer Verabredungen mit ihnen bekannten Künstlern treffen, fürchten die Studierenden.

Hintergrund des Protests ist ein Eklat bei der Stipendienrunde im vergangenen Dezember. Damals hatte eine HdK-Absolventin ihre Nafög-Bewerbung öffentlich zurückgezogen, um auf eine Günstlingswirtschaft bei der Vergabe aufmerksam zu machen. Recherchen des Tagesspiegels hatten gezeigt, dass in den vergangenen Jahren über vierzig Prozent der Stipendien an Schüler von Kommissionsmitgliedern gegangen waren. Die Wissenschaftsverwaltung verhängte eine Stipendiensperre und reformierte das Verfahren.

Die Kritik der Asten zielt inzwischen aber nicht nur auf die Vergabepraxis, sondern reicht noch wesentlich weiter. Nachdem die Wissenschaftsverwaltung im Gespräch mit den Präsidenten der Kunsthochschulen beschlossen hatte, dass die Förderungsdauer bei den Kunststipendien von bisher zwei Jahre auf ein Jahr verkürzt werden kann, stellen die Unterzeichner des offenen Briefes die gesamte bisherige Verteilung der Stipendien-Gelder in Frage: "Man sieht nicht, dass die Produktionskosten einer künstlerischen Tätigkeit in der Regel höher sind als die einer wissenschaftlichen Tätigkeit", schreiben die Unterzeichner. "Bezüglich des gesamten Nafög-Förderungsvolumen sind dem Berliner Senat die Wissenschaften 93 Prozent wert, die Künste hingegen nur sieben Prozent. Wir finden dies unverhältnismäßig und nicht annehmbar." Es gebe keinen Grund, die künstlerischen Stipendien auf ein Jahr zu begrenzen, selbst wenn dann jedes Semester doppelt so viele Stipendiaten neu in das Programm aufgenommen werden könnten als bisher (nämlich zwölf statt bisher sechs): Die Studierenden beklagen schließlich, dass die Verwaltung nur einmal das Gesprächsangebot der Asten wahrgenommen hat.

Aus der Wissenschaftsverwaltung war zu den Klagen der Studierenden zur Zeit keine Reaktion zu bekommen, da der zuständige Beamte verreist ist. Pressesprecherin Kerstin Schneider wies aber darauf hin, dass die Kunsthochschüler bei der Vergabe der Nafög-Stipendien proportional gerecht beteiligt seien: Nur 6,8 Prozent der Berliner Absolventen sind Kunsthochschüler.

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