Gesundheit : Lange Nacht der Wissenschaften: Das Atom in der Schwebe

Hartmut Wewetzer

18 Uhr 15. Meine lange Nacht der Wissenschaften beginnt im Audimax der Humboldt-Universität, wo die Eröffnungsfeier ist. Hier ist die Stimmung ernst, nach Ausgelassenheit und Feiern ist niemand zumute. Natürlich stehen die Ereignisse in New York im Vordergrund der Ansprache von Forschungsministerin Bulmahn.

In der nachfolgenden Podiumsdiskussion sind sie ebenfalls Thema. Aber der Biologe Randolf Menzel spricht auch davon, was den Forscher an seiner Arbeit fasziniert. Der Wissenschaftler konzentriert sich heute auf immer kleinere Dinge, sein Forschungsgebiet wird immer winziger. Manchem gehe es nur noch darum, "das Atom in der Schwebe zu halten", oder um das Verstehen eines einzigen Gens. Spezialwissen eben.

Das Atom in der Schwebe - das ist ein treffendes Bild für den Minimalismus, aber auch die kühle Grazie moderner Naturforschung. Die großen Theorien mögen interessant sein - aber wirklich spannend wird es für viele Forscher erst, wenn es um das Detail geht, um die winzigen Mosaiksteinchen, aus denen sich die Wirklichkeit zusammensetzt. Erst beim Blick auf das einzelne Molekül beginnt für sie das wahre Verstehen, das aufregende Neuland der Erkenntnis.

20 Uhr 15. In den Potsdamer-Platz-Arkaden herrscht um diese Zeit noch reges Treiben. Viele Leute sind wohl sowieso hier und werfen bei dieser Gelegenheit einen Blick in die Wissenschafts-Ausstellung "Forschung für den Menschen" des Forschungsmarkts Berlin: Was wir von der Natur lernen können, wenn es um die Entwicklung von Technik geht. Wie man sich das Entstehen der Rinderseuche BSE erklärt. Und im Untergeschoss eine Art Fusssohlen-Vibrator, für die Fitness.

Ein junger Mann in dunklem Sakko und mit Gel im Haar moderiert ein "Wissensquiz" zum Thema "Lebenswissenschaften" und veranstaltet ein Schneckenrennen. Seine Aufdringlichkeit schreckt die Leute eher ab. Auch Laien wollen ernst genommen werden. Marktschreier braucht die Wissenschaft nicht.

20 Uhr 50. Am östlichen Ende der Stadt, in Adlershof. Wie unser Führer erklärt, steht das Konglomerat aus Instituten, Hochschuleinrichtungen und Firmen mit insgesamt 8000 Mitarbeitern weltweit an 15. Stelle. Ingolf Hertel, Physiker in Adlershof und einer der Initiatoren der Langen Nacht, wirft einen sorgenvollen Blick aus dem Bus in die Berliner Nacht. Sind überhaupt Besucher nach Adlershof gekommen?

Hertels Sorgen sind unbegründet. Im Fraunhofer-Institut für Rechnerarchitektur und Softwaretechnik drängeln sich die Leute. Kinder sitzen an den Computern, ein junger Mann bestaunt eine Bildleinwand, auf der in einer Computersimulation ein kosmisches Meteoritenfeld durchflogen wird. Mit einer 3D-Brille kann man den Flug sogar räumlich erleben - wenn man eine der knappen Brillen ergattert. "Das muss echt geil sein", schwärmt der Mann.

22 Uhr 15. Mein Favorit an diesem Abend ist das Institut für Kristallzüchtung. Hier bekommt man von netten und bescheidenen Forschern erklärt, wie extrem harte Silizium-Kristalle in großen Öfen in Salamiform "gezüchtet" und danach zersägt, poliert und untersucht werden. Man kann einen Blick in die Glut werfen und zusehen, wie eine mit Diamant beschichtete Säge eine millimeterdünne Scheibe von der Silizium-Salami abschneidet. Gebraucht wird das metallisch schimmernde Silizium in der Elektronik und in Computer-Bauteilen. "Wir sind von dem Interesse überwältigt", sagt der Institutsmitarbeiter Bernd Lux über den Publikumsandrang.

Ich jedenfalls habe mir vorgenommen, im nächsten Jahr mit meinem Sohn zu den Adlershofer Kristallzüchtern zu gehen. Natürlich nur, wenn es wieder eine Lange Nacht (oder noch besser: einen Langen Tag) der Wissenschaften geben wird. Ohnehin überrascht, wieviel Kinder, Jugendliche und junge Leute an diesem Abend in Adlershof unterwegs sind. Vielleicht ist die Rede von der "Spaßgesellschaft" doch nur die halbe Wahrheit.

23 Uhr. Im Max-Born-Institut hat man sich mit der Präsentation besondere Mühe gegeben. Ein Film wird gezeigt, es gibt Schautafeln und Lasergeräte zum Betrachten. Ein Laser verwandelt rotes in grünes Licht. "Wie geht das?", will ein Zuschauer wissen. "Da müssen Sie sich zehn Minuten gründlich mit den Schautafeln beschäftigen", sagt der Laser-Experte Hertel. Und erklärt es dann doch ganz schnell in zwei Sätzen. "Danke", sagt der Frager.

23 Uhr 35. Noch ein kurzer Rundgang durch die Halle, in dem der Teilchenbeschleuniger Bessy II aufgebaut ist. An diesem Abend ist der Stecker rausgezogen, man kommt ganz nah an den Speicherring heran. Ein Ungetüm aus Metall, Kabeln, Drähten, Spulen und Apparaturen. "Sieht angeberisch aus", findet eine Besucherin. Aber manchmal ist es eben ein bisschen aufwendiger, ein Atom in der Schwebe zu halten. Oder Elektronen, wie bei Bessy II.

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