Gesundheit : Leiden lindern, wenn das Leben nicht zu retten ist

Palliativ-Stationen, Hospize und Home-Care: Wie Sterbenden heute geholfen werden kann

Rosemarie Stein

Ist eine Krankheit schon weit fortgeschritten und sind Versuche zur Lebensverlängerung sinnlos geworden, dann gab es bis vor kurzem nur zwei Möglichkeiten: Entweder man setzte, nur um etwas zu tun, die oft belastenden Untersuchungen und Behandlungen trotz ihrer Vergeblichkeit fort. Oder der Arzt sagte zum Kranken: „Wir können leider nichts mehr für Sie tun.“

Falsch, denn man kann für Schwerstkranke in ihrer letzten Lebensphase noch sehr viel tun, wenn man das Ziel der Behandlung ändert: An die Stelle der Lebensverlängerung – Aufgabe der kurativen Medizin – tritt die Leidensverminderung. Die ist die Aufgabe der palliativen Medizin – von lateinisch pallium, Mantel, Symbol der schützenden Fürsorge. Immer mehr Krankenhäuser richten Palliativstationen ein. Sie sind darauf spezialisiert, quälende Schmerzen und andere Beschwerden wie Übelkeit oder Atemnot, aber auch Ängste und Depressionen von Patienten mit einem weit fortgeschrittenen, nicht mehr heilbaren Leiden so weit zu lindern, dass sie ihre letzte Lebenszeit nach Möglichkeit zu Hause verbringen können.

Kürzlich fand in Berlin eine Tagung statt, auf der die älteste Berliner Palliativstation ausgezeichnet wurde, sie seit 1991 im heutigen Vivantes-Klinikum Spandau besteht. Ihr Leiter Ernst Späth-Schwalbe mit seinem Team ist der erste Preisträger der neuen Hans Joachim und Käthe Stein-Stiftung. Das Berliner Arztehepaar vermachte sein Vermögen einer Stiftung mit dem Zweck, besondere Verdienste um die Versorgung Kranker vor allem in ihrer letzten Lebenszeit auszuzeichnen.

„Durch die Fachkompetenz, das große Einfühlungsvermögen und den so liebevollen Umgang mit Kranken, Sterbenden und den sie begleitenden Menschen schaffen Sie eine wunderbare Atmosphäre der Ruhe und Würde“, zitierte der Stiftungs-Vorsitzende Michael de Ridder aus dem Dankesbrief einer Familie an das Team der Spandauer Palliativstation. Die Palliativversorgung hat in Deutschland erst mit zwanzigjähriger Verspätung mühsam Fuß zu fassen begonnen. Aber in letzter Zeit hat sie sich – trotz großer noch bestehender Versorgungslücken – quantitativ wie qualitativ gut entwickelt.

Eberhard Klaschik, Präsident der 1993 gegründeten „Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin“, berichtete, diese wissenschaftliche Vereinigung habe jetzt 1400 Mitglieder, es gebe inzwischen drei Lehrstühle für Palliativmedizin – außer seinem eigenen in Bonn je einen in Köln und in Aachen. Zudem richtet das Bundesforschungsministerium derzeit einen neuen Forschungsschwerpunkt „Palliativ- und Hospizversorgung“ ein. „Die Pionierphase geht zu Ende, wir befinden uns in der Phase der Institutionalisierung“, sagte Klaschik.

Die Zahl der Palliativstationen nimmt zu, ebenso die der Hospize, in denen Schwerstkranke mit begrenzter Lebenserwartung, die keine Klinikbehandlung brauchen, bis zum Tode palliativ versorgt werden, falls dies zu Hause nicht möglich ist. Kurative und palliative Medizin gehen mehr und mehr ineinander über.

Leidenslinderung wird als wichtiges Ziel auch dann betrachtet, wenn Lebensverlängerung noch das Hauptbehandlungsziel ist, sagte Klaschik. Er stellte sich hinter die Forderungen der Enquetekommission „Ethik und Recht der modernen Medizin“. Dazu zählen folgende Kernpunkte: Die ambulante Palliativversorgung soll durch professionelle Teams und mit Hilfe von Angehörigen, die von ihrer Arbeit freizustellen wären, ausgebaut werden. Verstärkt werden sollten auch die ehrenamtlichen Hospizdienste. Die palliative Qualifikation von Ärzten, Kranken- und Altenpflegekräften müsse verbessert werden. Und der Anspruch auf diese leidenslindernde Versorgung müsse bundesweit gesetzlich verankert werden. Denn in vielen Regionen Deutschlands liege dies noch sehr im Argen.

Nicht so in Berlin. Hier nutzen Krankenkassen und Land die jetzt schon vorhandenen Möglichkeiten so gut, dass der Berliner AOK-Chef Rolf Müller ein Gesetz für unnötig hält. Sein Vortrag und auch ein Bericht der Berliner Gesundheitsverwaltung an das Abgeordnetenhaus zeigen, was in der Stadt für schwer Leidende und Sterbende erreicht wurde: Die vier bestehenden Palliativstationen mit zusammen 35 Betten sind zwar noch zu wenig, aber drei weitere sind geplant. Mit acht stationären Hospizen, die über insgesamt 113 Betten verfügen, steht Berlin überdurchschnittlich gut da, auch wegen des hohen Qualitätsstandards.

Außerdem fördern die Krankenkassen 14 ambulante Hospizdienste, deren ehrenamtliche, aber gut geschulte Mitglieder Schwerstkranken und Sterbenden zur Seite stehen. Eine Berliner Besonderheit ist das schon seit 1994 bestehende „Home Care“-Modellprojekt: In Verbindung mit 22 onkologischen Schwerpunktpraxen besuchen palliativmedizinisch erfahrene Ärzte schwerstkranke Krebspatienten zu Hause, im Hospiz oder im Heim, um ihre Schmerzen und andere Symptome zu behandeln. Zusammen mit den Angehörigen, den Pflegediensten und den Ehrenamtlichen konnten sie erreichen, dass nicht mehr als zwölf Prozent ihrer Patienten am Ende doch noch ins Krankenhaus mussten.

Auch gibt es in Berlin die „Zentrale Anlaufstelle Hospiz“, getragen vom Unionshilfswerk, gefördert vom Land Berlin. Diese Informations- und Beratungsstelle für Einzelpersonen und Institutionen gab soeben unter dem Titel „Wenn Ihr Arzt nicht mehr helfen kann“ einen Wegweiser heraus. Die Broschüre gibt Auskunft über die Möglichkeiten palliativer Versorgung in Berlin und enthält die Adressen aller Einrichtungen, ambulanten Dienste, Arbeitskreise und Dachorganisationen.

Die Broschüre ist kostenlos erhältlich gegen Zusendung eines adressierten und mit 1,45 Euro frankierten DIA A 5-Umschlags bei der Zentralen Anlaufstelle Hospiz, Kopenhagener Straße 29, 13407 Berlin (Reinickendorf). Ein Beratungstelefon ist unter 030-40711113 zu erreichen.

Informationen im Internet:

www.hospiz-aktuell.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben