Gesundheit : Leseschwäche: Eins zu Null für Dante

Adelheid Müller-Lissner

Die Geliebte des "Vorlesers" von Bernhard Schlink steht nicht allein: Wie viele Menschen in Deutschland leben, die überhaupt nicht lesen können, ist zwar unbekannt, aber 14 Prozent aller Erwachsenen leben nach Aussage von Professor Klaus Ring, Geschäftsführer der "Stiftung Lesen", "an der Grenze zum funktionellen Analphabetismus". Unsicherheiten im Umgang mit Schriftlichem sind für sie ein Hemmschuh im Alltag. Die Stiftung setzt ihre Hoffnung zuallererst auf das Vorlesen: Im Rahmen der Studie "Prävention von Analphabetismus" werden Erzieherinnen geschult und Vorleseprogramme in Kindergärten angeboten. Denn "wenn die Kinder erst einmal neugierig sind auf Bücher, hat man mit seinen Bemühungen schon gewonnen".

Die ersten Lebensjahre, in denen nach Ansicht von Neuropsychologen die "Sprachfenster" besonders weit geöffnet sind, sind für die Organisation der Nervenzellen zu Netzwerken und die Bildung der Knotenpunkte, der Synapsen, entscheidend. Später, in der Schule, ist es vor allem die Lese-Rechtschreib-Schwäche, die einer Gruppe von Kindern das Lesen und das Leben schwer macht. Kinder mit Dyslexie lernen erheblich langsamer buchstabieren und lesen als ihre Altersgenossen, sie gewinnen auch später seltener Spaß am Lesen und behalten zumeist große Schwierigkeiten mit dem (Recht-)Schreiben.

Die Hauptursache für diese Schwierigkeiten sehen Neurologen und Psychologen heute im Gehirn der Betroffenen: Dort scheint der zuständige Bereich im Temporallappen der linken Hirnhälfte weniger aktiv zu sein. Da die Veränderungen gehäuft in bestimmten Familien auftreten, wird inzwischen auch nach genetischen Ursachen gefahndet. Die Suche konzentriert sich derzeit vor allem auf die Chromosome 1, 6 und 15.

Die Fähigkeit zum Lesen ist entwicklungsgeschichtlich noch relativ jung. Eine Theorie besagt, dass dafür einfach eine Hirnregion "umfunktioniert" wurde, die zuvor für das "Lesen" von Spuren zuständig war, eine Fertigkeit, in die etwa die Kinder der australischen Aborigines im besten Leselern-Alter von sechs Jahren eingeführt werden. Die meisten Kinder mit Dyslexie haben in der frühen Kindheit auch Probleme mit dem Sprechen, die aber nicht immer auffallen und leichter kompensiert werden können.

Beim Lesen fehlen hilfreiche Nebeninformationen durch Mimik, Gestik und Heben und Senken der Stimme. Gefordert ist dafür die Fähigkeit, innerhalb von Sekundenbruchteilen von gesehenen Zeichen auf die Vorstellung der zu ihnen gehörigen Laute umzuschalten und Sinnzusammenhänge herzustellen. "Lesen ist vielleicht einfach von sich aus schwieriger, beansprucht mehr Neuronen", sagt der amerikanische Neurobiologe William Calvin. Denkbar scheint ihm deshalb, dass Menschen mit unterdurchschnittlichen Lesefähigkeiten zuvor schon mehr Abschnitte in der Hirnrinde für die Funktion Sprechen besetzt haben, so dass später in der "günstigsten" Sprachregion nicht mehr genug Platz für die Funktion Lesen vorhanden ist.

Dafür sprechen auch Untersuchungen von Forschern der Georgetown University in Washington: Sie "scannten" die Hirnfunktion ihrer Patienten mit funktionellen Kernspinresonanz-Tomographen, während diese Leseaufgaben bearbeiteten. Dabei entdeckten sie, dass eine Region langsamer arbeitete, in der vom Auge und vom Ohr empfangene Informationen in unmittelbarer Nachbarschaft bearbeitet werden. Besonders spannend: Die Unterschiede fanden sich auch, wenn es darum ging, zu erkennen, wohin kleine Spots auf einer Bildschirmoberfläche sich bewegten. Auf diese Weise könnte man also auch kleine Kinder testen, die noch nicht lesen können.

Und: Diese Früherkennung ist wichtig, wie sich ebenfalls in der Studie zeigte. Denn nach Absolvieren eines speziellen Trainingsprogramms zeigten Dyslektiker deutlich höhere Hirnaktivitäten, allerdings an gleicher Stelle in der anderen Hirnhälfte.

Ungleiche Voraussetzungen für das Lesen herrschen nicht nur in den Gehirnen, sondern auch in den Sprachen der Menschen. Schon vor einigen Jahren konnte in einer wissenschaftlichen Studie gezeigt werden, dass italienische Kinder deutlich seltener unter Dyslexie leiden als ihre amerikanischen Altersgenossen. Nun sind Wissenschaftler aus Mailand der Frage nachgegangen, ob die Hirnfunktionen von englischen, französischen und italienischen Erwachsenen mit Dyslexie sich unterscheiden.

Mit dem bildgebenden Verfahren der Positronenemissionstomographie (PET) maßen sie dafür den Blutfluss im Gehirn, also die Aktivität der Nervenzellen der Versuchspersonen, während diese sich mit gedrucktem Material beschäftigten. Die Ergebnisse finden sich in der März-Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Science": Bei allen Versuchspersonen war die Aktivität im Bereich des linken Temporallappens vermindert. Zudem schnitten Mitglieder der verschiedenen Sprachgemeinschaften auch bei Tests zur Verarbeitung gehörter Sprache gleich schlecht ab.

Trotz gleichen Handicaps taten sich aber die Italiener beim Lesen und bei der Orthographie wesentlich leichter. Das haben sie der Umsetzung ihrer Sprache in Schrift zu verdanken, bei der eine bestimmte Buchstabenfolge fast immer für ein und denselben Laut steht. Im Englischen dagegen verweist oft die gleiche Buchstabenkombination auf ganz verschiedene Laute: Man denke nur an mint und pint, clove und love! Im Französischen ist es nicht viel besser, nur meist umgekehrt: Die verschiedensten Buchstabenkombinationen führen oft zum gleichen oder zumindest einem sehr ähnlichen Lautgebilde hin: "au temps" klingt wie "autant". Milde Einschränkungen der Hirnfunktion, die in der Heimat Dantes nicht auffallen, könnten deshalb in der von Shakespeare und Molière schon Schulprobleme nach sich ziehen.

Eigentlich liegt es nahe, dies auch bei der Wahl der ersten Fremdsprache im Auge zu behalten, die ein Kind mit Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten erlernt. Zumal die wahren Herausforderungen der Lektüre erst jenseits des korrekten Entzifferns beginnen. "Die guten Leutchen wissen nicht, was es einem für Zeit und Mühe gekostet, um lesen zu lernen. Ich habe achtzig Jahre dazu gebraucht und kann noch jetzt nicht sagen, dass ich am Ziel wäre", sagte kein Geringerer als Goethe noch kurz vor seinem Tod.

0 Kommentare

Neuester Kommentar