Gesundheit : Liebes Leben

Jenseits der Gefühle: Der Philosoph Harry Frankfurt auf der Suche nach den wirklich wichtigen Dingen

Sibylle Salewski

ZU GAST IN BERLIN

„Liebe“, sagt Harry Frankfurt und guckt dabei leicht verschmitzt „ist kein Gefühl.“ Er scheint es zu genießen, seine Zuhörer zu irritieren. Doch der Philosoph meint es ernst: „Liebe hat nichts mit dem Wert dessen zu tun, was wir lieben“, fährt er fort. „Wir lieben etwas nicht, weil wir seinen einmaligen Wert erkennen. Ganz im Gegenteil: Weil wir etwas lieben, wird es erst wertvoll für uns.“

73 Jahre alt ist Frankfurt, einer der bekanntesten amerikanischen Philosophen. Zur Zeit lebt er zwei Monate als Ehrengast der American Academy in Berlin. Gefühle seien für die Liebe nicht entscheidend, versucht er der skeptischen Journalistin zu erläutern. Es ist warm im Garten der Villa am Wannsee, Frankfurt blickt ab und zu über die Segelboote hinweg aufs Wasser. Fast traut man sich nicht, mit diesem bärbeißigen Charakterkopf über Liebe zu sprechen. Da kommt eine Ente angewatschelt, er beugt sich neugierig zu dem vorwitzigen Vogel hinunter.

Der Mann wirkt gar nicht so gefühllos, im Gegenteil: Wenn Harry Frankfurt spricht, merkt man, wie wichtig ihm seine Gedanken sind. Vorsichtig breitet er seine Ideen aus, versucht Einwände zu entkräften, wirkt fast verletzt, wenn man ihm nicht glaubt. „Liebe, wie ich sie verstehe, ist eine Notwendigkeit des Willens: Wir können nicht anders, als das Objekt unserer Liebe zu lieben.“ Dabei spielt es keine Rolle, ob dieses Objekt eine Person, ein Land oder auch nur eine abstrakte Idee ist. Liebe ist für Frankfurt die selbstlose Sorge für das Wohlergehen dessen, was wir lieben. Damit ist sie für den Liebenden die Quelle aller Gründe zu handeln.

Liebe ist – in der modernen Philosophie kein Thema. Frankfurt zeigt, wie falsch das ist, denn nach seiner Konstruktion gibt Liebe uns die Motivation, unser Leben zu führen. Wenn man das so sieht, dann gehört das Thema Liebe auf einmal doch zu den großen Fragen: Was bringt uns dazu zu handeln? Gibt es so etwas wie letzte Gründe?

Frankfurts Liebe zur Philosophie – seine Leidenschaft zu denken ist für ihn eine der großen Lieben seines Lebens – begann als Jugendlicher. Aufgewachsen in einer religiösen jüdischen Familie fing er mit 15 an, seine Eltern mit Fragen zu löchern: Warum begehen wir diese Feiertage? Warum dürfen wir an Schabbat nicht arbeiten? „Ich glaube, meine Eltern haben mir damals völlig verständliche und plausible Antworten gegeben, aber ich war zu trotzig und dickköpfig“, erzählt Frankfurt, „ich habe mich einfach nicht damit zufrieden gegeben.“ Später dann wollte er Chemiker werden, doch das hat nicht geklappt: „Ich war zu ungeschickt, mir ist es nie gelungen, die richtigen Mengen an Chemikalien für ein Experiment abzuwiegen.“ Stattdessen stürzte er sich in die Philosophie und auch die Warnung eines seiner liebsten Professoren hielt ihn nicht ab. Philosophie, hatte der gesagt, sei eine brotlose Kunst, nur wer wirklich nichts anders könne, solle so sein Leben verbringen. „Also habe ich beschlossen, nichts anderes zu können“, sagt Harry Frankfurt heute und lacht.

„Es war mir damals sehr wichtig, dass es so etwas wie absolute Wahrheit gibt, Dinge, die nicht hinterfragbar sind, die wir beweisen können jenseits allen vernünftigen Zweifels“, erklärt er. Dann hat er entdeckt, dass sogar Descartes, der Philosoph, der sein ganzes System in der unverrückbaren Sicherheit der Wahrheit des „Ich denke“ zu gründen versuchte, nicht an absolute Wahrheiten glaubte. „Für Descartes sind selbst logische Prinzipien und mathematische Wahrheiten Eigenschaften des menschlichen Geistes“, erklärt Frankfurt. „Gott hätte eine Welt erschaffen können, in der 3+5=12 ist.“

Er sieht nachdenklich aus, denn so ganz hat ihn die Suche nach dem Absoluten, nach dem festen Grund, von dem aus sich unser Handeln und unser menschliches Leben erklären lässt, nicht losgelassen. „Alle Arbeit, die ich je in Philosophie gemacht habe, ist ein Versuch, mich selbst zu verstehen. Ich bin ein Mensch, eine Person, also habe ich angefangen mich dafür zu interessieren, wie wir funktionieren.“ Warum handeln wir? Warum sollten wir bestimmte Dinge tun, andere nicht? Immer wieder tauchten diese Fragen auf. Viele denken, wenn uns etwas wichtig ist, dann gibt es dafür vernünftige Gründe. Frankfurt sieht das anders: „Das ist eine Art panrationalistische Hysterie. Es gibt einfach Dinge, die uns wichtig sind. Dieses ,wichtig sein’ ist die viel grundlegendere Kategorie, die unser Handeln antreibt.“

Von Dingen, die uns wichtig sind, zu denen, die wir lieben, ist es ein kleiner Schritt. Liebe zu Personen und Dingen ist einfach die stärkste Form der Wichtigkeit, eine, die wir nicht mehr hinterfragen. Wenn wir jemanden wirklich lieben, dann überlegen wir nicht erst, warum wir jetzt etwas für ihn tun sollten, so Frankfurt. Die Bedürfnisse des Geliebten sind an sich ein ausreichender Grund für uns. So hat Frankfurt in der Liebe zwar nicht die gesuchte absolute Wahrheit, aber immerhin sinnstiftende absolute Notwendigkeiten gefunden.

Frankfurt sagt, er selbst liebe die Wahrheit, seine beiden Kinder und natürlich seine Frau. Die hat ihn überredet, nach Berlin zu kommen an die American Academy. Dabei ist Frankfurts Beziehung zu Berlin und Deutschland alles andere als eine Liebesbeziehung. „Die paar Male, die ich in Deutschland war, habe ich mich immer ein wenig unwohl gefühlt“, erläutert er. „Ich bin jüdisch und stets habe ich mir vorgestellt, was die Menschen, die während der Nazizeit schon erwachsen waren, mit mir gemacht hätten, wenn ich hier gelebt hätte.“

Auch heute ist dieses Gefühl noch nicht ganz vorbei. „Vor kurzem sind wir in Mitte spazieren gegangen. Es war der 20. April, Hitlers Geburtstag, und plötzlich kam uns eine Gruppe in Uniformen entgegen, eine Art Kapelle, die marschierte und Musik machte.“ Frankfurt war entsetzt. „Ich dachte: Wieso dürfen die das, einfach so Hitlers Geburtstag feiern?“ Dann hat er genauer hingesehen: Es war die Heilsarmee, die Unter den Linden entlangzog. Frankfurt lacht erleichtert, aber man sieht ihm den Schrecken des ersten Gedankens noch immer an. „Das zeigt, wie präsent mir dieses Thema ist.“

Dass vor der American Academy seit dem Irak-Krieg ein Polizeiwagen steht, stört Frankfurt hingegen wenig: „Die Feindlichkeit gegenüber Amerikanern ist anders als Antisemitismus. Niemand würde vorschlagen, die Amerikaner zu vernichten. Vielleicht mögen sie die Politik der USA nicht, aber das ist nicht Hass gegen die Amerikaner selbst“, sagt er.

Es ist Mittag, die Sonne scheint, Frankfurts Frau ist hinaus in den Garten gekommen, die beiden wollen einen Spaziergang machen. „Gefühle sind wirklich nicht wichtig, wenn es um Liebe geht?“ fragt die Journalistin noch einmal zweifelnd. „Wissen Sie“, antwortet Harry Frankfurt, „die Liebe ist einfach nicht das Gefühl. Es ist andersherum: Wir entwickeln Gefühle, weil uns die Liebe so wichtig ist. Theoretisch kann man also auch ohne Gefühle lieben. Aber empfehlen würde ich das nicht“, sagt er schmunzelnd, und seine Frau gibt ihm einen Kuss.

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