Gesundheit : Make-up und Maskerade halten die Welt zusammen

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Von Juliane von Mittelstaedt

„Die im Bundesrat geäußerte Empörung entstand nicht spontan. Die Empörung haben wir verabredet. Das war Theater, aber legitimes Theater." Die von Peter Müller (CDU) im Saarbrücker Staatstheater enthüllte Dramaturgie um das Zuwanderungsgesetz offenbart: Politik ist eine gut geprobte Inszenierungsshow. Und nicht nur sie. Von Riten und Ritualen über Wahlkämpfe, Daily Soaps bis hin zu Slangs, Markenwahn und Körperstilisierungen des Alltagslebens – überall wird inszeniert, sich „in Szene gesetzt", die Maske übergestülpt. Kurz: Wo Menschen sind, da ist Theater. So betrachtet gewinnt der Topos vom „Theatrum Mundi", dem Welttheater, neuen Sinn und ungeahnte Popularität.

Während die klassische Bühne ums Überleben kämpft, hat die Theatermetapher Hochkonjunktur. Die Performance, das Gespielte, wird zum neuen Paradigma für die Kulturwissenschaften. Bestimmten bisher Texte und Monumente das Selbstverständnis der europäischen Kultur, so setzt nun ein Umdenken ein: Das Sehen, Hören und Fühlen gewinnt in der neuen „Kultur der Telepräsenz" an Bedeutung. Daher initiierte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) 1995 das Schwerpunktprogramm „Theatralität. Theater als kulturelles Modell in den Kulturwissenschaften". Zwei Millionen Mark stellte die DFG pro Jahr zur Verfügung, mehr als 30 Wissenschaftler an rund 20 deutschen Hochschulen nahmen mit eigenen Projekten daran teil, darunter Sinologen, Psychologen, Philosophen, Ethnologen, Medien-, Musik-, Sozial- und Literaturwissenschaftler.

Bruch mit alten Perspektiven

Im Zentrum stand das – bisherige – Orchideenfach Theaterwissenschaft. In jährlichen Kolloquien wurden die Bereiche Inszenierung, Performance, Korporalität und Wahrnehmung durch die Lupe der Theatralität betrachtet, nun stand bei der Abschlusstagung in Berlin eine endgültige Bilanz an. Nach sechs Jahren Forschungsarbeit stellten sich die Teilnehmer des „kulturwissenschaftlichen Pilotprojektes" die Frage: Was hat es gebracht? Taugt die „Theatralität" als kulturelles Modell? Kann man das, was außereuropäischen, oralen Kulturen zugebilligt wird, nämlich die immense Bedeutung von Zeremonien, Tänzen und Begräbnisritualen, für unsere Zivilisation ebenfalls annehmen?

„Ein Bruch mit alten Perspektiven", resümierte die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte, die an der Freien Universität Berlin lehrt und das Schwerpunktprogramm leitet. Sie hat bereits ein erstes Fazit, einen Sammelband zur „Inszenierung von Authentizität", herausgegeben. „Die neue Fokussierung auf theatrale Prozesse hat die Grundfesten der Kulturwissenschaften erschüttert." Es sei eine neue Entwicklung in den Geisteswissenschaften angestoßen worden. Ihre Beobachtung: „Die einzelnen Fachbereiche haben die Metaphorik des Theaters übernommen, um unerklärliche Phänomene in ihren Disziplin beschreiben zu können. Und das ist ihnen gelungen." Die Anstöße, die das Schwerpunktprogramm geliefert hat, sollen daher in den einzelnen Disziplinen weiter verfolgt werden.

Unter dem Dach der „Theatralität" kristallisierten sich disziplinspezifische Definitionen heraus – im weitesten Sinne begriffen als „Inszenierung von Körpern im Hinblick auf eine bestimmte Art der Wahrnehmung". So kommt es, dass für die einen Theatralität ganz klein ist – „Vielleicht ist jeder Satz schon ein Drama?" – oder riesengroß, quasi „Weltbühne": Als einen „Grundmechanismus von Kultur" bezeichnete es der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme von der Humboldt-Universität; denn die Gesellschaft brauche Inszenierungen, um Wissen, Werte und Orientierungen zu erwerben – als Grundlage für die Weiterentwicklung und „Verstetigung sozialer Organisation". Und zwar nicht erst in den modernen Gesellschaften des 20. Jahrhunderts, sondern bereits seit der Steinzeit. Bestattungsriten, Höhlenmalerei, Tanz und Gesang, symbolische Darstellungen mithin, haben zusammen mit technischen Neuerungen zum Fortschritt des Homo sapiens entscheidend beigetragen. „Die Kulturwissenschaft tritt die Nachfolge des Theaters an."

Überall Selbstdarstellung

Das ganze Leben - eine einzige Bühne? In gewisser Weise schon, meinte Böhme, denn der Mensch sei alles zugleich: Zuschauer und Schauspieler, Dramaturg und Autor. Überall feiere er Feste, zelebriere Glauben, Großspektakel und vor allem sich selbst.

Daher dient die Theatralitätskonzeption auch als Interpretationsmodell für die Persönlichkeitspsychologie: „Selbstdarstellung ist allgegenwärtig", so der Bamberger Psychologe Lothar Laux. Als Gegenstück zu dieser Entwirklichung ist eine fieberhafte Suche nach Authentizität entbrannt. Vor allem die Profis der Darstellung streben nach „Echtheit" - durch mediale Illusion. Sie machen sich Elemente zu Eigen, die ursprünglich für die Bühne des Kunsttheaters reserviert waren, meinte der Medienexperte Christian Schicha. Einen „Inszenierungsboom" erlebe daher der Forschungsbereich „Politische Kommunikation" seit einigen Jahren. Das Wahlvolk wird zur „Unterhaltungsöffentlichkeit“, um deren Gunst Wahlkampfstrategen, so genannte Spin Docs, mit professionellen Werbemethoden buhlen.

Doch auch öffentliche Orte sind in diesem Sinne theatralisch: das Berliner Regierungsviertel als eine „Bühne der Macht“, ebenso wirken auch die heiligen Stätten in Jerusalem und Mekka als Bühne – für den Glauben. Auch Erika Fischer- Lichte hat für die Theaterwissenschaft eine solche Tendenz ausgemacht. „Während sich im 17. Jahrhundert eine spezifische Institution Theater aus der Gesellschaft herausdifferenziert hat, kehrt das Theater nun wieder in sie zurück." Der CDU mag man also gratulieren: Sie liegt voll im Trend.

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