Gesundheit : Manchmal muss es Kaviar sein

Berliner Biologen bereiten die Wiederansiedelung von Stören in Deutschland vor

Roland Knauer

Der europäische Stör Acipenser sturio steht anscheinend unmittelbar vor dem Aussterben. Nur noch der Unterlauf der Gironde beim französischen Bordeaux ist diesem urtümlichen Fisch als letzter Lebensraum geblieben, insgesamt dürften dort weniger als 1000 Tiere leben. Noch am Ende des 19. Jahrhunderts wurden dagegen jedes Jahr allein in der Unterelbe mehr als vier mal so viele Störe gefangen. Trotzdem hoffen Jürgen Ritterhoff vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) auf der Insel Vilm bei Rügen und Frank Kirschbaum vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin die Art retten zu können, deren Fleisch einst sehr beliebt war und deren Kaviar noch immer als Delikatesse gilt.

Die Hoffnung der beiden Biologen beruht allerdings auf einer Verhaltensweise, die jeden Laien verwundert: Sobald weibliche Störe ihre Eier abgelegt haben, kümmern sie sich nicht mehr um den Nachwuchs. Setzt man also Jungfische aus, bestehen reelle Chancen, dass der eine oder andere es bis zur Geschlechtsreife schafft.

Das funktioniert allerdings nur, wenn die Ursachen beseitigt werden, die vor 100 Jahren zum Aussterben der Störe geführt haben. Entscheidend war wohl der intensive Ausbau von Flüssen mit Begradigungen, Dämmen und Wehren. Er hat den Lebensraum des Fisches wegrationalisiert. Zwar wandern ausgewachsene Störe weit im Atlantik umher, an der Gironde markierte Exemplare wurden bei Island wieder gesichtet. Zum Laichen aber schwimmen sie die Flüsse hinauf und suchen sich mit klarem Wasser durchströmte Kiesbänke.

Um den Tieren zu helfen, gibt es in Frankreich und in Berlin seit 1996 Zuchtbestände. „27 Störe schwimmen in den Becken des IGB und sind fast geschlechtsreif“, berichtet Frank Kirschbaum. Bis dahin aber war es ein harter Weg. „Da der Stör aus den meisten Gewässern verschwunden war, wissen wir über seine Biologie fast nichts,“ erklärt er. „Wir wissen nicht einmal genau, wie groß die Tiere normalerweise sind.“ Die Berichte über einst gefangene vier Meter lange und vierhundert Kilo schwere Störe stimmen wohl, sagen aber wenig über die normale Größe des Fisches aus. Denn aufgezeichnet werden meist nur Rekord-Exemplare. Der typische Stör dagegen hat wohl eher zweieinhalb Meter Länge und wiegt zwischen fünfzig und hundert Kilo.

Die Sonderdiät half

Damit erschöpfte sich noch vor zehn Jahren das Wissen über den Stör. Nicht einmal über die Ernährung wusste man Genaueres. Die Zuchtstöre verschmähten das übliche Fischfutter, erst eine Spezialdiät aus Zuckmücken-Larven schmeckte den Tieren. Die zweite Zuchtgruppe an der Gironde dagegen hat sich als Feinschmecker entpuppt und auf frische Garnelen spezialisiert.

Bei der guten Nahrung wuchsen die Berliner Störe auf über einen Meter Länge, und damit nahen Geschlechtsreife und Freisetzung. Die Orte dafür kennt Frank Kirschbaum bereits: „Sowohl der Unterlauf der Elbe wie auch der Rhein bis Iffezheim wären geeignet“, meint der Biologe. An der Elbe versperrt erst bei Geesthacht ein Wehr den weiteren Wanderweg. Und wenn die Holländer die Wehre im Rhein von 2005 an so regeln, dass Fische sich besser an das Flusswasser gewöhnen können, sollten die europäischen Störe auch dort wieder den einen oder anderen Laichplatz für ihre Brut finden.

Ganz anders sieht die Situation dagegen an der Oder aus, in der in enger Zusammenarbeit mit Polen ebenfalls europäische Störe ausgesetzt werden sollten. Erst vor kurzem aber haben IGB-Mitarbeiter in einem „Nature“-Artikel (Band 419, Seite 447) nachgewiesen, dass der europäische Stör bereits vor 800 Jahren in den Zuflüssen der Ostsee ausgestorben war. Aufwändige Analysen des Erbgutes von Museums-Exemplaren zeigen, dass wohl einige der wanderlustigen nordamerikanischen Störe Acipenser oxyrinchus den Atlantik überquerten und sich ebenfalls in der Oder und anderen Ostsee-Flüssen vermehrt haben. 400 Jahre lebten beide Arten nebeneinander in diesem Lebensraum, dann verschwanden die Europäer, die Invasoren blieben übrig.

„Diese Erkenntnis erleichtert uns die Arbeit sehr", berichtet Jürgen Ritterhoff vom BfN. Denn es gibt noch relativ viele amerikanische Störe, also sollte man auch genügend Jungfische züchten können, die später in der Oder ausgesetzt werden. Auch die Fischer bereitet man auf die Wiederkehr des Störs vor. Denn sie sollen zum Beispiel ihre Stellnetze im Mündungsbereich der Oder nicht mehr auf den Grund stellen, sondern einen halben Meter über dem Boden installieren. Die Störe passen leicht unter dieser Falle durch.

Wenn die Wiederansiedlung gelingt, können die Fischer in einigen Jahrzehnten wohl auch wieder den schmackhaften Stör aus dem Wasser holen.

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