Gesundheit : Manchmal reicht es notorische Störfaktoren auszuschalten, um ein gutes Seminar zustande zu bringen

Tom Heithoff

Seminarbeginn 11 Uhr. So steht es im Vorlesungsverzeichnis. Der Zusatz "cum tempore" verschiebt den Beginn um 15 Minuten - in der Theorie. In der Praxis trudeln verspätete Studenten nach und nach ein und grüßen die bereits Anwesenden, indem sie die Tür ins Schloss schmettern. "Das kann ein Seminar schon kaputtmachen, bevor es angefangen hat", findet Ulla S., die bereits ein Germanistik-Studium hinter sich hat und nun an der FU BWL studiert.

Was ein gutes Seminar ist, ist schwer zu bestimmen. Da ist es leichter, ein schlechtes Seminar zu charakterisieren. "Am schlimmsten ist die Passivität der Studenten", sagt Ulla. In ihren Seminaren finden überwiegend Zwiegespräche statt - zwischen dem Dozenten und einem Studenten, der seine Hausarbeit vorstellt. "Kaum jemand ist vorbereitet. Man hört nur zu und lässt die anderen reden", kritisiert sie. Glaubt man Ulla, ist bei den Wirtschaftlern die Gesprächskultur nicht sehr ausgeprägt. "Bei uns geht es ja vor allem darum, Lösungen zu finden. Diskussionen erscheinen vielen als zu wenig ergebnisorientiert." Ulla gibt den Dozenten die Schuld an langweiligen Seminaren: "Sie reden nicht. Sie können auch nicht reden. Die meisten legen eine Folie auf den Projektor und machen Bemerkungen dazu."

Für Ulla hängt alles vom Dozenten ab: "Er hat die Macht, ein Seminar so zu gestalten, dass alle sich beteiligen. Er muss die Regeln aufstellen und darauf achten, dass sich alle an die Regeln halten." Das heißt vor allem: Er muss konsequent sein. "Wer unvorbereitet kommt, kann gleich wieder gehen." Und ist sie selber die perfekte Studentin? "Natürlich nicht", sagt sie, "aber wenn ich mal unvorbereitet war, habe ich mich wirklich geschämt und mir gesagt, dass ich hier eigentlich nichts zu suchen habe."

Gerhard Bauer, Professor für Germanistik an der FU, widerspricht Ulla: Verantwortlich für das Gelingen eines Seminars ist nicht nur der Dozent, sondern "das Kollektiv, das aus Studenten und Dozenten besteht; entscheidend ist das Spiel, das sich zwischen beiden in den ersten Sitzungen herausstellt". Das berüchtigte Schweigen, unter dem sowohl die Kommilitonen als auch die Profs leiden, ist ein relativ neues Phänomen. Vor 30 Jahren ging es lebhafter zu. "In den 60er Jahren entschieden die Studenten darüber, ob ein Seminar in Gang kommt oder nicht." Dass die Heutigen weniger selbstständig sind und weniger Forderungen stellen, macht Bauer ihnen aber nicht zum Vorwurf, schließlich haben zur Zeit der 68er-Generation nur fünf Prozent eines Jahrgangs studiert. Die Motivation war damals viel höher, denn nicht nur "Zorn trieb die Studenten an", sie hatten zudem die "Sicherheit, dass aus ihnen etwas wird".

Einen Trick zur Überwindung der Schweige-Barriere hat Bauer "den Schullehrern abgeguckt: die Still-Arbeit". Er wartet nicht darauf, dass sich einer der Experten meldet, sondern ermutigt die Studenten, in Kleingruppen zu diskutieren oder ihren Gedankenstrom aufzuschreiben. "Wenigstens zum Anregen ist das ganz nützlich." Das alles bringt nichts, wenn nicht die grundlegenden Voraussetzungen erfüllt sind: Ein Seminar muss eine logisch aufeinanderfolgende Struktur aufweisen. "Man muss von Stunde zu Stunde tiefer kommen und entdecken, wie das eine ans andere anknüpft", sagt Bauer. Jede Stunde braucht einen Schwerpunkt. "Die Kommilitonen dürfen nicht das Gefühl kriegen, man würde auf der Stelle treten." Zudem muss was fürs Herz dabei sein, und in jeder Stunde sollte es etwas zu lachen geben. Dass das Thema verständlich abgehandelt wird, sollte sich von selbst verstehen. "Die Kommilitonen müssen frühzeitig dazu gebracht werden, die Hemmschwelle zu überwinden und selber den Mund aufzumachen. Sie müssen das Thema als ihre Frage begreifen, denn nur dann haben sie Lust, auch selber etwas dazu zu sagen."

Wenn die Verspäteten lärmend ins Seminar stolpern, könnte auch einem Professor mal der Kragen platzen. Bauer hat jedoch längst resigniert. "Unpünktlichkeit ist in den geisteswissenschaftlichen Fächern ein großes Problem. Es ist aber nicht heilbar", meint er, "wenn die Studierenden den Eindruck haben, die erste Viertelstunde versäumen zu können, dann haben sie sich dieses Urteil über meine Lehrveranstaltung gebildet, und dann muss ich damit leben. Faulheit ist schlimmer. Wenn sie die Texte nicht gelesen haben, kann ich schon eher ein bisschen sarkastisch werden."

Wer sich nicht vorbereitet, kann dem Seminar nichts geben - und das Seminar ihm nichts. Doch viele sind vorbereitet - und schweigen dennoch. Denn manche Anfänger glauben, dass der Dozent nur kluge Antworten und glanzvolle Ideen erwartet. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Frager sind den Profs in der Regel lieber als die, die sich den Anschein geben, auf alles eine Antwort zu haben. "Wenn die Studenten von sich aus fragen, ist das nahezu das Optimum", so Bauer, "denn unsere gesamte Gesprächsführung hat ja diese eine Perversion in sich, die Sokrates in den Gang von Diskussionen eingebaut hat: dass wir permanent fragen, was wir wissen, und die Studierenden dazu bringen wollen, dass sie überhaupt erst einmal die Frage als Frage sehen und dann von sich aus die Antwort entwickeln. Wenn sie nun aber selber darauf kommen und Fragen stellen, dann sind wir schon beinahe im pädagogischen Himmelreich."

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