Gesundheit : Mann hatte sie sich unterwürfiger vorgestellt

Deutsche Männer, thailändische Frauen: Ethnologie-Studenten erforschten den Preußenpark als Treffpunkt der Berliner Thai-Community

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Von Karolin Steinke

Der Berliner Marcus F. ist mit einer Thailänderin verheiratet. So oft es geht, ist er mit seiner Frau im Wilmersdorfer Preußenpark. Denn hier, im „Klein-Bangkok" Berlins, wird er garantiert nicht schräg angeguckt. Anderswo spürt er nicht selten abfällige Blicke von Passanten, die in ihm wohl den Sextouristen sehen, der seine Frau aus einem Bordell in Pattaya mitgebracht hat. Die Vorurteile gegenüber deutsch-thailändischen Ehen sind groß.

Seit 1993 trifft sich in dem kleinen Park die Berliner Thai-Community, an schönen Tagen bis zu 500 Menschen. Auf dem Rasen ist an diesem Wochenende kaum ein Fleckchen frei. Eine Gruppe Thailänderinnen sitzt lachend auf ihrer Decke unter einem großen Sonnenschirm. Sie zerstampfen exotische Früchte und Gewürze in einem kochtopfgroßen Holzmörser zum thailändischen Nationalgericht „Som Tam". Andere braten in mitgebrachten Pfannen Meerestiere und Hühnerfleisch.

Feldforscher erwecken Misstrauen

Den Berliner Ethnologen Karl Braun, bis vor kurzem selbst Anwohner des Preußenparks, faszinierte dieser Treffpunkt so sehr, dass er ein Seminar am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Uni anbot: „Eine Ethnographie des Thai-Treffs im Preußenpark.“ Braun und seine zehn Studenten hatten viele Fragen: Warum treffen sich die Thai überhaupt in diesem Park? Wie reagieren Anwohner und Bezirksamt auf das bunte Treiben? Wie funktioniert das Zusammenleben von Partnern aus derart verschiedenen Kulturen?

Als Feldforscher mit einem Notizblock voller Fragen in einem Park aufzutauchen, wo regelmäßig Behördenmitarbeiter kontrollieren, ist schwierig. Die von Ethnologen befragten Personen sehen in den Forschern oft Spione oder Polizisten. Mehrmals gingen die Studenten in den Park und sprachen mit den Besuchern. Die deutschen Männer gaben erstaunlich offen über ihre Ehe Auskunft, ihre Frauen aber waren zurückhaltend. Fast immer hörten die Studenten von den Thailänderinnen „Ich spreche kein Deutsch", wohl um unangenehmen Fragen zu entgehen.

Immer wieder hat es Aufregung wegen der intensiven Parknutzung gegeben. Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU) dazu: Die Grünanlage habe ein Müllproblem und obendrein findet eine „illegale Gewerbetätigkeit" statt - verkaufen nicht die Asiaten ihr Essen an andere Parkbesucher und zocken bei ihren Glücksspielen um Bares? Dabei macht der Park einen sehr gepflegten Eindruck, die Thailänder sammeln jeden Abend ihren Müll wieder ein.

Streng schaut die steinerne, meterhohe Borussia von ihrem Sockel auf den englischen Rasen, der so gar nicht zum Multikulti-Flair passen will. Eines fällt sofort auf: Deutsche Ehemänner und ihre thailändischen Frauen sitzen in getrennten Grüppchen auf dem Gras. Diese Trennung spiegelt die Schwierigkeiten eines Ehealltags, in dem die Verständigung jenseits einfacher Sätze oft kaum möglich ist, wie die Studenten herausfanden. Die braungebrannten, meist arbeitslosen Männer thronen mit Bierdosen in der Hand auf Campingstühlen, ihre Frauen fühlen sich auf dem Boden unter großen Sonnenschirmen wohler. In Asien ist europäische Blässe schick, braun sind dort nur die Armen.

Der Park ist für die Männer und ihre Frauen in erster Linie eine Informationsbörse, die den Austausch über Wunderlichkeiten des anderen Geschlechts und der anderen Kultur ermöglicht.

Einige Männer im Park erzählten, sie hätten genug von deutschen Frauen, die ja so emanzipiert seien. Eine Thaifrau dagegen stellten sich viele als freundlich, gehorsam, häuslich und sexuell freizügig vor. Bei einem Thailandbesuch lernten die meisten - längst nicht immer im Bordell - ihre spätere Frau kennen. Thailänderinnen, die in den Touristenzentren arbeiten, kommen häufig aus Isaan, dem armen Norden des Landes. Einen Ausländer zu heiraten, ist für sie nahezu die einzige Chance, der Armut zu entfliehen. Die Männer glauben, die Frau ihres Lebens gefunden zu haben. Doch zurück im deutschen Alltag, folgt die Ernüchterung: „Dass in Thailand eigentlich die Frau das Familienleben bestimmt, vergessen die meisten", meint D., einer der befragten Ehemänner. Ein anderer stimmt zu, dass die Klischees, „die man über Thaifrauen so hat", nicht stimmen. Seine Frau sei nicht unterwürfig, bringe ihm nicht seine Sachen und habe auch keine Lust, ihn zu massieren.

Nach den Erfahrungen der befragten Ehemänner trennt sich ein Großteil der Paare nach zwei Jahren, wenn die Ehefrau das Bleiberecht erlangt hat. Nivedita Prasad, Koordinatorin des Berliner Projekts „Ban-Ying", das Thailänderinnen Beratung und eine Zufluchtswohnung anbietet, kritisiert das deutsche Recht: Die Paare müssten viel zu schnell heiraten, um der Ehefrau einen Aufenthalt in Deutschland zu sichern - ein intensives Kennenlernen ist so kaum möglich.

Sie wissen, was sie tun

Überrascht mussten die Studenten feststellen, dass das Klischee von der hilflosen, ausgenutzten Thailänderin in den meisten Fällen nicht stimmt. Die Frauen wissen sehr wohl, was sie tun, wenn sie einen Ausländer heiraten. Von ihrem deutschen Mann erwarten sie, dass er ihre Familie in Thailand finanziell unterstützt. Die Thai-Community in Berlin ist gut organisiert, bei Problemen finden die Frauen hier Hilfe. Da so manche Thailänderin das eine oder andere Geheimnis vor ihrem Mann hat, ist sie ganz froh, wenn ihr Gatte kein thailändisch spricht und sie im Park mit ihren Freundinnen plaudern kann.

Manche Ehemänner sagten den Studenten, sie fühlten sich von ihren Frauen ausgenutzt („Die sind doch nur geil aufs Geld"). Aber auch einigen Frauen ging es so, von denen wie selbstverständlich erwartet wurde, für ihren Partner deutsch zu kochen. Gleichwohl fanden sich im Park auch andere mit einer Thailänderin Verheiratete, die sich bewusst von jenen Männern mit Bierdose und Goldkette absetzen wollen. Sie saßen mit den Frauen auf einer Decke, sprachen selbst thailändisch, interessierten sich für thailändische Kultur und den Buddhismus. Einige wenige der befragten Thailänderinnen gaben an, glücklich verheiratet zu sein - mit ihrem zweiten deutschen Mann fanden sie schließlich doch die Liebe.

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