Gesundheit : Margherita-von-Brentano-Preis: Tausend wispernde Frauenstimmen

Dorothee Nolte

Bis vor kurzem war das Berliner Zimmer noch eine "bücherfreie Zone". "Damit ist es jetzt vorbei", lacht Gudrun Wedel - Bücher sind auch dorthin eingedrungen. In der Charlottenburger Altbauwohnung der Wedels gibt es auch kein Schlafzimmer, nur ein Bett mit vielen Regalen drumherum. Kein Wunder: Wer seit Jahrzehnten ohne institutionelle Anbindung Autobiographien von Frauen aus dem deutschsprachigen Raum sammelt, 1700 Texte von 1000 Autorinnen sind es bereits, braucht Stellfläche. Für die Autobiographien selbst, für Sekundärliteratur, für Karteikästen, in denen jede Autobiographin mit Lebensdaten und Bibliographie verzeichnet ist. Wie ein kleines Forschungszentrum wirkt das Arbeits- oder Schlafzimmer der Wedels, in dem auch Besucher gerne mal stöbern würden. Sie müssten sich allerdings für die Lektüre aufs Bett setzen.

Künftig soll zumindest ein Teil dieses Schatzes öffentlich zugänglich sein. Gudrun Wedel ist gestern mit dem Margherita-von-Brentano-Preis der Freien Universität ausgezeichnet worden, der für besondere Leistungen in der Frauenforschung vergeben wird. Mit dem Preisgeld von 20 000 Mark möchte die quirlige 51-Jährige weitere Autobiographien von Frauen kaufen, die dann - neben den Büchern, die sie doppelt hat - an der FU einsehbar sein werden. "Ich möchte, dass diese Texte wahrgenommen werden und dass die Studentinnen damit arbeiten können." Über den Preis freut sie sich auch deswegen, "weil ich jetzt teurere Bücher kaufen kann": Bisher musste sie sich da stark zurückhalten. Denn weder sie selbst noch ihr Ehemann seit 26 Jahren, der Orientalist Gerhard Wedel, sind mit gut dotierten wissenschaftlichen Stellen gesegnet. "Wir schlagen uns so durchs Leben", und wieder lacht sie, obwohl das Durchschlagen erkennbar nicht immer leicht ist. Im Moment sind sie beide in Projekte der Deutschen Forschungsgemeinschaft eingebunden.

Wie sammelt man Autobiographien von Frauen, die ja nirgendwo verzeichnet sind und auch in Bibliotheken nicht nebeneinander stehen? Zum Beispiel in Antiquariaten oder auf dem Trödel. "Ich habe einen Blick für Titel, die auf autobiographische Texte hindeuten", erzählt Gudrun Wedel: Titel wie "Mein Garten", "Wie ich ..." oder "Erinnerungen einer ...". Die fischt sie aus den Bücherkisten, für zwei oder drei Mark. In Wedels Sammlung sind berühmte Sängerinnen und Tänzerinnen ebenso vertreten wie Lehrerinnen und Pfarrfrauen, Krankenschwestern und Hausfrauen; Texte, die hohe Auflagen hatten, genauso wie Privatdrucke, die für Bekannte geschrieben wurden. Einziges Kriterium: Die Autorinnen müssen vor 1900 geboren sein.

Die Lektüre findet sie "manchmal mühsam"; einige Frauen reihen nur Familienereignisse aneinander, andere verbreiten ein sehr konservatives Frauenbild oder ergehen sich in langen Bibel-Zitaten. Wedel betrachtet die Texte als Historikerin, nicht als Literaturwissenschaftlerin, die sich Gedanken über Erzählstrukturen oder fiktionale Anteile würde. "Ich nehme sie als präsentierte Wahrheit", sagt sie. Wie und aus welchem Anlass beschreiben die Frauen ihr Leben, ihren Alltag, wie bewerten sie ihre Arbeit, welche Themen - Sexualität, Geld - tabuisieren sie? Die Fragen und Beispiele sprudeln nur so aus ihr heraus.

Autobiographien von Frauen haben Gudrun Wedel schon im Studium interessiert; 1971 besuchte sie "das erste Seminar zur Frauen-Emanzipation" an der FU und begann nach dem Examen in Geschichte und Germanistik und dem Schulreferendariat eine Doktorarbeit. Der plötzliche Tod ihres Doktorvaters Rolf Engelsing brachte die Promotions-Pläne durcheinander; über Jahre war die Verbindung zur Universität nur locker, aber gesammelt und gelesen hat sie immer. Aus der Dissertation, die sie 1997 abgeschlossen hat, ist nun ein Buch entstanden, dem ein Nachschlagewerk folgen soll: "Lehren zwischen Arbeit und Beruf. Einblicke in das Leben von Autobiographinnen aus dem 19. Jahrhundert" (Böhlau Verlag, Wien 2000).

Eine Biographie voller "Schlangenlinien" also, wie sie selbst sagt - und insofern nicht unähnlich den Lebenswegen, die sie erforscht. Aber das hat auch Vorteile. Gudrun Wedel hat sich eine Frische und Munterkeit bewahrt, wie man sie bei etablierten Wissenschaftlern nur selten findet. Man verlässt das Wedelsche Forschungszentrum daher nur ungern. Tausend wispernde und eine lachende Frauenstimme bleiben zurück.

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