Gesundheit : Mars-Bazillen: Mit Kompass Richtung Erde

Thomas de Padova

Auf dem Mars regt sich nichts. Dessen konnten sich Fernsehzuschauer in aller Welt vor wenigen Jahren vergewissern. Keine Marsmenschen, keine Mikroorganismen, kein Wässerchen, sondern Wüste, so weit die Kameraaugen des Mars-Roboters reichten. Der von der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa entsandte Rover fand auf unserem kalten Nachbarplaneten lediglich altes Gestein. Steine allerdings, die eine Geschichte zu erzählen hatten: vielleicht die Geschichte eines vor vielen Milliarden Jahren warmen und auch belebten Planeten. Aber der Mars-Roboter konnte ihre Sprache leider nicht verstehen.

Doch Urgestein vom Mars liegt auch vor unsrer Haustür. Forscher haben in den vergangenen Jahren 16 Meteoriten in der Antarktis gefunden, die zweifelsfrei vom Mars stammen. Und einer enthält das bislang stärkste Indiz für früheres Leben auf dem Mars. Das bekräftigen Forscher in einer am Dienstag vorgestellten Analyse. Die Kristallstrukturen, die man in dem Stein entdeckt habe, seien "organischen Ursprungs", sagt Imre Friedmann vom Ames-Forschungszentrum der Nasa in Kalifornien. Die magnetischen Mineralien könnten den Mikroorganismen auf dem Mars einst als eine Art Kompass gedient haben.

Der zwei Kilogramm schwere Stein sorgt nicht zum ersten Mal für Aufsehen. Schon 1996 war die Nasa mit der These an die Öffentlichkeit getreten, Spuren früheren Lebens auf dem Mars darin gefunden zu haben. Wissenschaftler waren damals auf kleine Karbonatkügelchen in dem Meteoriten gestoßen. An ihrer Rändern saßen Einschlüsse, die an die Überreste von Bakterien erinnerten. Sie waren kleiner als alle auf der Erde bekannten Bakterien.

Unter Wissenschaftlern löste der Fund eine lange Kontroverse aus. Unter anderem galt es, die Milliarden Jahre alte Geschichte des Brockens mit Namen ALH 84001 nachzuzeichnen. Forscher hatten ihn in den antarktischen Blaueisfeldern in Allen Hills im Jahre 1984 aufgelesen, allerdings zunächst wenig beachtet. Die chemische Zusammensetzung von ALH84001 verriet dann seinen marsianischen Ursprung.

13 000 Jahre im Eis

Im Laufe der Zeit waren etliche, verräterische radioaktive Substanzen des Steins zerfallen. Seine Geschichte begann wohl vor rund 4,5 Milliarden Jahren auf unserem Nachbarplaneten, als der Mars der Erde noch sehr viel ähnlicher war als heute. Vor etwa 15 Millionen Jahren wurde der Stein ins All geschleudert. Der Aufprall eines anderen Himmelskörpers auf dem Mars könnte die Ursache dafür gewesen sein. Er irrte anschließend durchs Sonnensystem und fiel vor 13 000 Jahren auf die Erde.

Das antarktische Eis könnte im Stein eingeschlossene Mikroorganismen oder deren Überreste geborgen haben. Selbst in den heißen Phasen seines Fluges, etwa beim Eintritt in die Erdatmosphäre, kletterte die Temperatur im Inneren des Steins nie höher als 40 Grad, wie Geobiologen Ende vergangenen Jahres feststellten. Sie erzielten auch weitgehend Einigkeit darüber, dass die entdeckten bakterienähnlichen Strukturen nicht auf irdische Verunreinigungen zurückzuführen sind. Aber woher kommen sie?

Etliche Wissenschaftler bemängelten, die Relikte könnten nicht allein anhand ihrer Umrisse als einstige Bakterien identifiziert werden. Sie ließen sich genauso durch nicht-biologische Prozesse erklären. Man musste genauere Studien abwarten.

Die wurden von Forschern nun vorgelegt und am Dienstag in der amerikanischen Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences" veröffentlicht. Die bereits erwähnten Karbonatkügelchen in dem Marsgestein enthalten auch magnetische Mineralien: Eisenoxid oder Eisensulfid. Forscher haben diese Mineralien herausgelöst und unter dem Elektronenmikroskop genau analysiert. Die Kristalle sind nur Bruchteile eines tausendstel Millimeters groß und bilden unterschiedlich lange Ketten.

In den Kristall geblickt

"Die Form, die Chemie und andere Charakteristika dieser Kristalle legen nahe, dass sie in einem biologischen Prozess entstanden sind", betont Dennis Bazylinski, Wissenschaftler der Iowa State University. Es sei keine Methode bekannt, diese Partikel künstlich herzustellen. Sie seien daher ausgezeichnete Indizien für Leben.

Auf der Erde entstehen magnetische Mineralien sowohl in anorganischen als auch in organischen Prozessen. Bestimmte Bakterien produzieren diese Kristalle in ihren Zellen. Die Zellen verhalten sich wie kleine Kompassnadeln, die sich nach dem Erdmagnetfeld ausrichten, um die besten Wachstums- und Lebensbedingungen in Wasser oder Sedimenten zu finden.

Den Aussagen der Forscher zufolge sind die in "magnetotaktischen" Bakterien entstandenen Kristalle einzigartig und gut von denen nicht biologischen Ursprungs zu unterscheiden. Die im Marsgestein vorhandenen Kristalle ließen daher den Schluss zu, dass es einst Bakterien auf dem Mars gab. Die magnetischen Kristalle sind rund 3,9 Milliarden Jahre alt und möglicherweise durch feine Ritzen in das noch ältere Gestein geschwemmt worden.

Heute lebt der Stein erneut. Zumindest in den Augen einiger Forscher. Sie werden in den kommenden Wochen hitzige Gefechte mit ihren Kollegen austragen. Dabei könnte etwa die Frage aufgeworfen werden, was die Mars-Bakterien wohl mit ihrem Kompass angestellt haben, da doch das Magnetfeld unseres Nachbarplaneten sehr schwach ist. Skeptischere Kollegen werden sich auf die Suche nach chemischen Pfaden machen, mit denen die Existenz der Kristalle auch ohne baktierelle Starthilfe zu erklären ist.

Der Nasa kann indessen kaum neues Geld für Marsmissionen erwarten. Man wird die Forscher nun erst einmal in die ein wenig wärmere und nähere Antarktis schicken, um nach neuen Marskartoffeln zu suchen.

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