Gesundheit : Medizin aus der Mikrowelle

Neuer Therapieansatz gegen Sodbrennen, Schmerzen und Krebs

Peter Spork

Eigentlich sieht der Stretta-Katheter harmlos aus. Doch mit wenigen Griffen zeigt Peter Meier wie das Gerät seine Krallen ausfährt. Per Knopfdruck bläst der Endoskopie-Experte von der Medizinischen Hochschule Hannover einen Ballon kurz vor dem Ende des Schlauches auf und lässt daraus vier gekrümmte Nadeln hervorstechen.

Dies geschieht normalerweise erst, wenn der Katheter in der Speiseröhre eines betäubten Patienten mit chronischem Sodbrennen sitzt. Dann hält der Ballon das Gerät fest und die Nadeln pieksen in das Gewebe an der Grenze zwischen Speiseröhre und Magen. Anschließend setzt Meier die Nadeln für anderthalb Minuten unter Strom. Sie senden elektromagnetische Wellen aus und erhitzen die umliegenden Zellen. Im Idealfall erlöst die Prozedur den Leidenden von seinem Sodbrennen, hervorgerufen durch ständig aus dem Magen hoch schwappende Säure.

Das Verfahren ist schonend, wenig aufwendig und kann ambulant erfolgen – Vorteile, die Ärzte, Krankenkassen und Patienten gleichermaßen schätzen. Kein Wunder also, dass Radiowellen in der Medizin insgesamt in Mode kommen. Die Strahlen erhitzen ihre Umgebung, wie es ein Mikrowellenherd mit Tiefkühlgerichten macht. Je nach Art und Intensität können sie den unterschiedlichsten Auftrag erfüllen. Ärzte verkochen damit Krebsherde oder Prostata-Wucherungen, straffen das Gaumensegel von Schnarchern oder verengen Krampfadern.

Die eigentliche Idee der Radiofrequenztherapie ist zwar nicht neu: Seit sieben Jahrzehnten benutzen Chirurgen elektromagnetische Energie, um Blutungen zu stillen und Gewebe abzuschnüren. Doch eine verfeinerte Technik, die eine bessere Temperaturkontrolle erlaubt, und Fortschritte in der Schlüssellochchirurgie haben den Wellen neue Anwendungen eröffnet.

Die Behandlung des Sodbrennens ist noch ganz neu. „Der thermische Effekt der Radiowellentherapie bewirkt, dass sich das Bindegewebe neu organisiert“, erklärt Meier. Auch in der Krampfadertherapie ermöglichen die Radiowellen neue Wege: Durch einen kleinen Schnitt schieben Ärzte einen Katheter in die ausufernde Beinvene und erhitzen das Gewebe mit einer Radiosonde auf 85 Grad. Die Krampfadern schrumpfen und „gehen zu wie ein Reißverschluss“, sagt Ulrich Schultz-Ehrenburg vom Berliner Klinikum Buch.

Schon seit Jahrzehnten benutzen Mediziner die Radiofrequenztherapie im Kampf gegen chronische Schmerzen. Spezialisten führen eine Radiosonde mit einer Kanüle direkt an den gereizten Nerv. Etwa eine Minute Hitze reicht aus, um den Schmerz für ein bis zwei Jahre zu mildern. Zuverlässige Studien belegen, dass dieses Verfahren effektiv gegen die Trigeminusneuralgie und Wirbelgelenkschmerzen hilft, sagt Bruno Kniesel, Schmerztherapeut in Hamburg. Riskantere Operationen würden vermieden: „Besonders erfolgreich ist die Methode bei chronischen Nackenschmerzen nach Schleudertrauma.“

Auch in der Urologie hat sich die heiße Strahlung etabliert. „Seit etwa 40 Jahren wird mit hochfrequentem Strom über eine elektrische Schlinge Prostata-Gewebe durch die Harnröhre entfernt“, sagt Urs Studer, Urologe am Inselspital in Bern.

Der Eingriff gegen eine vergrößerte Prostata sei aber schwer zu erlernen und führe leicht zu Blutungen. Moderner ist es, mit einer Nadel aus der Harnröhre direkt in die erkrankte Prostata zu stechen und dort mit erhitzenden Radiowellen Gewebe zu zerstören. „Eine eigentliche Operation fällt weg und Blutungen gibt es auch keine“, sagt Studer.

Erst seit sieben Jahren arbeiten Urologen mit der Mikrowellentechnik, bei der nur noch eine lokale Betäubung der Harnröhre nötig ist, weil die Nadel nicht in die Prostata eingestochen werden muss. Wegen ihrer kürzeren Wellenlänge dringen die Strahlen durch die Harnröhrenwand und schmelzen erst dann das Gewebe der Vorsteherdrüse. Die Kunst der Therapeuten ist, das kranke Gewebe komplett zu zerstören, ohne benachbarten Organen zu schaden, sagt Thomas Pfammatter vom Züricher Universitätsspital. „Kleine Nierentumoren lassen sich gut mit Radiowellen vernichten.“

Der große Vorteil der Therapie sei, dass sie wenig belaste. Weil die Radiofrequenznadel nur durch ein Loch eingeführt wird, während der Arzt von außen per Computertomographie oder mit Ultraschall ihre Lage überwacht, kann der Eingriff ambulant durchgeführt werden. „In der Krebsmedizin sind die Patienten oft sehr schwach“, sagt Pfammatter. Kommt eine Operation nicht in Frage, ist die Radiofrequenztherapie mittlerweile eine ernst zu nehmende Alternative.

Bewährt hat sich das Verfahren auch bei der Behandlung von Lebertumoren. So hilft die Therapie nicht zuletzt unheilbar an Krebs Erkrankten. „Ein sehr gutes Einsatzgebiet ist die Schmerzlinderung durch das Verkochen ungünstig liegender schmerzhafter Skelettmetastasen“, sagt Pfammatter. Dieser Eingriff belaste die Patienten kaum.

Weltweit bekämpfen Ärzte Krebsherde mit Radiowellen inzwischen in „fast allen Organregionen“, sagt Thomas Vogl, Direktor des Instituts für interventionelle Radiologie an der Universitätsklinik in Frankfurt am Main. Doch sowohl Laser- als auch Radiofrequenztherapie „sind noch immer nur eine Ergänzung zu den herkömmlichen Verfahren“, urteilt Vogl.

Ähnlich steht es auch um die „Somnoplastik“, wie Experten die 1997 in den USA entwickelte Straffung des Gaumensegels mit Radiowellen zur Bekämpfung des Schnarchens nennen. Der Operateur steckt eine Radiofrequenznadel für fünf Minuten an fünf verschiedene Stellen in Gaumensegel und Zäpfchen. „Der Effekt ist für präzise Aussagen noch zu wenig gut untersucht“, urteilt Konrad Bloch, vom Züricher Universitätsspital.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben