Medizin : Krebszellen unter Beschuss

Tagung in Berlin: Mit winzigen Partikeln wollen Ärzte Tumoren treffsicherer bestrahlen. Erste Therapiezentren sind schon im Bau.

Adelheid Müller-Lissner

Im Kopf des kleinen Mädchens wuchs ein seltener Tumor. Dass er sich ausbreitete und ihm die Sehkraft eines Auges nahm, konnte auch eine Operation nicht verhindern. Rund uns Auge liegen so viele wichtige Dinge dicht nebeneinander, dass eine Bestrahlung zu riskant erschien.

Vor einigen Jahren wurde die Berlinerin schließlich doch bestrahlt – in den USA, am „Proton Radiation Therapy Center“ der Harvard Medical School in Boston. Dort beherrschen Ärzte eine Methode, bei der gefährliche Tumorzellen – wie sie hier in Rot, Grün und Blau dargestellt sind – mit Strahlung aus Partikeln zielgenau beschossen werden. Und das half auch der kleinen Berlinerin: „Mit der Protonentherapie konnten wir die Sehkraft ihres verbliebenen Auges erhalten“, sagte der Radiologe Norbert Liebsch letzte Woche beim 1. Nationalen Innovationsforum Medizin im Berliner Hotel de Rome, wo er seine heute zehnjährige Patientin begrüßen konnte.

Dort tauschten sich Mediziner, Politiker und Kostenträger über die Strahlentherapie mit Protonen oder anderen schweren Teilchen (siehe Kasten) aus.

Weltweit wurde diese Partikeltherapie schon bei mehr als 50 000 Patienten angewandt, meist kamen dabei Protonen zum Einsatz. In Deutschland entstehen gerade fünf Anlagen für diese Therapie, in Heidelberg, Marburg/Gießen, Essen, Kiel und München. In Berlin gibt es erste Pläne.

Die Partikeltherapie schont das Gewebe um den Tumor herum

Die Strahlentherapie mit Partikeln hat gegenüber anderen Verfahren den Vorteil, dass das Gewebe um den Tumor herum geschont wird, obwohl die Strahlung tief in das Tumorgewebe eindringt, wo es wirken soll. Eingesetzt wird sie bei Menschen, die ein Melanom in der Aderhaut des Auges oder einen Tumor an der Schädelbasis haben. Denn gerade an so empfindlichen Stellen im Kopf oder am Auge ist es heikel, wenn das umliegende Gewebe Strahlung abbekommt. Augentumoren werden in Berlin schon seit 1998 im Ionenstrahllabor des ehemaligen Hahn-Meitner-Instituts in Wannsee, jetzt Helmholtz-Zentrum für Materialien und Energie, behandelt.

So überzeugend und logisch das Konzept auch wirkt: Noch ist nicht streng wissenschaftlich belegt, dass die Partikeltherapie anderen Bestrahlungsformen überlegen ist. Die Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie spricht sich deshalb dafür aus, die neue Therapie nur in Studien anzuwenden. Die Therapiezentren sollten zudem an Universitäten angebunden sein und von vornherein ein nationales Register führen.

Einige Fäden dürften schon bald am Heidelberg Ion Therapy Center (HIT) zusammenlaufen, wo bereits im Frühjahr 2009 mit den ersten Bestrahlungen mit den Elementarteilchen begonnen werden soll. Beim Innovationsforum bekräftigte Jürgen Debus, Direktor der Radioonkologie und Strahlentherapie an der dortigen Uniklinik, das HIT habe vor allem eine wissenschaftliche Zielsetzung. „Es ist kein Projekt, das durch hohe Patientenzahlen getrieben ist.“ Ergebnisse der ersten Studien seien zwar frühestens in acht Jahren zu erwarten. „Aber wir können nicht erst dann ins Wasser gehen, wenn wir schwimmen können.“ Die Heidelberger können damit punkten, dass sie mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum zusammenarbeiten und baulich in das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen eingebunden sein werden. Außerdem besteht eine enge Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Schwerionenforschung in Darmstadt. „Nur wenn das Umfeld stimmt, macht es Sinn, eine derart avantgardistische Therapieform anzubieten“, sagte Rüdiger Siewert vom Universitätsklinikum Heidelberg.

Noch ist die neue Therapie aber nicht ausreichend erforscht

Er ist dennoch überzeugt, dass die Entwicklung nicht mehr aufzuhalten ist. So sei das bei der Schlüssellochchirurgie auch gewesen, meinte der Chirurg: Das Konzept, bei Operationen mit kleinen Skalpellschnitten eine schnellere Heilung und unauffälligere Narben zu erreichen, überzeugte auf Anhieb. „Im Handumdrehen musste das jeder machen, um auf dem Markt Erfolg zu haben.“ Die Studien wurden erst nachgeliefert.

In der physikalisch-technischen Entwicklung der Partikeltherapie sei man deutlich weiter als in der Erforschung ihrer biologischen Wirkung, meinte auch Rita Engenhart-Cabillic, Radiologin am Uniklinikum Gießen und Marburg. Auf dem Gelände in Marburg, das von den Rhön-Kliniken privat betrieben wird, entsteht derzeit eine kombinierte Protonen-Schwerionen-Anlage. Außerdem soll ein Stiftungslehrstuhl für Strahlenbiologie eingerichtet werden.

Im Schweizer Center für Proton Radiation Therapy in Zürich werden seit Jahren Patienten mit Protonen bestrahlt, unter anderem 100 Kinder mit seltenen Tumoren im Kopf. „Jede Behandlung ist aufwendig, und es gehen ihr monatelange Diskussionen voraus“, sagte Radiologin Beate Timmermann. Sie warnt die neuen Zentren davor, sich aus wirtschaftlichen Erwägungen dazu verleiten zu lassen, möglichst viele Patienten zu behandeln.

Etwas anders sieht man das in Japan. Dort werden auch Patienten mit Lungen- oder Prostatakrebs mit Partikeln bestrahlt, berichtete der Radiologe Tadashi Kamada aus Chiba. Gerade bei Prostatakrebs gebe es heute aber auch immense Fortschritte mit der konventionellen Strahlentherapie, wenn man sie entsprechend verfeinert, sagte Volker Budach von der Charité. „Wenn wir hier die Partikeltherapie einsetzen, ohne das durch Studien abzusichern, handeln wir unseriös.“

Auch in Berlin könnte bald ein neues Zentrum für Partikeltherapie entstehen

Was die Hauptstadt betrifft, so konnte beim Innovationsforum noch kein konkretes Projekt zur Partikeltherapie vorgestellt werden. Pläne gibt es dabei gleich für zwei Projekte: Eines möchten Charité und Vivantes realisieren, ein zweites plant die Zentrum für Partikelbestrahlung Entwicklungs- und Betriebsgesellschaft Berlin Brandenburg in Adlershof. In diesem Fall dürfte Konkurrenz das Geschäft nicht unbedingt beleben: Aufgrund der Bedarfsschätzungen gehe man davon aus, dass in der Region nur eine Anlage erfolgreich betrieben werden könne, hieß es kürzlich in einer Antwort der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung auf eine Kleine Anfrage des CDU-Abgeordneten Mario Czaja. Eine Einigung sei wünschenswert, sagte auch Volker Budach im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Er hat seine Hoffnung auf eine Anlage direkt neben dem Campus Virchow noch nicht aufgegeben. „Ich bin Feuer und Flamme für die neue Methode, auch wenn sie die konventionelle Strahlentherapie nicht einfach ersetzen wird.“

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