MEDIZIN Männer : Der Krieg war sein Arbeitgeber

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CHRISTIAN LUDWIG MURSINNA 

Je mehr Blut auf den Schlachtfeldern floss, desto sicherer war der Arbeitsplatz des Feldchirurgen. Der Siebenjährige Krieg ist für Christian Ludwig Mursinna (1744–1823) eigentlich ein Segen. Von Breslau bis Kolberg – wo Mursinna auftaucht, ist das Blutvergießen nicht weit. In seinen Memoiren erinnert er sich mit Schrecken an die Lazarette, an eiternde Wunden und Sterbende. Er mag den Krieg nicht, doch der Frieden kostet ihn den Job. 1763 hat Friedrich II. sein Ziel erreicht und Preußen als Großmacht etabliert. Die Wundärzte werden entlassen. Auch Mursinna sitzt auf der Straße: „Ich erhielt meinen Abschied und irrte in dem prächtigen Berlin umher, ohne zu wissen, wovon ich leben sollte.“

Obwohl er ein guter Schüler ist und sich für die Wissenschaften interessiert, besteht der Vater auf einem Handwerk: Mursinna kommt als 13-Jähriger zu einem Bader in die Lehre, wo er Rasur und Aderlassen lernt. Sein zweiter Lehrer, ein „dummer, aber gutartiger“ Stadtchirurgus in Kolberg, stirbt durch eine Kanonenkugel der russischen Truppen. Mursinna wird in die Feldlazarette abkommandiert. Dort erlernt er das chirurgische Handwerk praxisnah. Die neuesten Anatomielehrhefte liefern ihm das Grundlagenwissen. Nach dem Krieg kommt er nach Berlin. Weil im Frieden keine Anstellung als Chirurg in Sicht ist, kehrt er widerstrebend in den Barbierberuf zurück, besucht aber in jeder freien Minute Vorlesungen an der Universität. Neben Chirurgie auch in Physik und Logik.

Der Wissenseifer zahlt sich aus: Mursinnas Karriere nimmt steil an Fahrt auf, als er wieder als Kompaniechirurgus angestellt wird. Aus dem Autodidakten wird ein studierter Arzt, der bald den Wundärzten an der Charité vorsteht und zum Professor ernannt wird. Indes wird das preußische Säbelrasseln gegen Österreich lauter: 1790 muss Mursinna wieder in den Krieg. Er wird in ein schlesisches Lazarett beordert. „So klein dieser Krieg anfangs schien, so wichtig und verheerend für diese Länder und Völker ward er in der Folge“, schreibt Mursinna und wundert sich, dass er jeden seiner Fronteinsätze überlebte.

Aus dem praktischen Wissen macht er gefeierte Veröffentlichungen wie die „Abhandlung über die Durchbohrung des Schädels“. Doch seine ganze Hingabe gilt der zivilen Chirurgie. Und dort der Grauen-Star-Operation, bei der die Linse entnommen wird und die laut Mursinna „weder sehr schmerzhaft, noch blutig, noch mit Verstümmelungen verbunden“ ist. 908 Operationen hatte er durchgeführt, nur 41 Mal waren sie „völlig verunglückt“. Ein Spitzenwert, der den Selfmade-Chirurgen „in Entzückung“ versetzt. 1823 stirbt Christian Ludwig Mursinna mit 89 Jahren in Berlin. Gerade herrscht Frieden.Markus Langenstraß

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