MEDIZIN Männer : Der vergessene Rechtsmediziner

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FRITZ STRASSMANN

Der große Schwurgerichtssaal des Moabiter Gerichtsgebäudes platzt aus allen Nähten. Gut gekleidete Juristen teilen sich die Bänke mit zwielichtigen Gestalten aus den Mietskasernen. Alle wollen dabei sein, als dem mutmaßlichen Mörder der kleinen Lucie Berlin, Tochter des Zigarrenmachers aus der Ackerstraße, der Prozess gemacht wird. Im Sommer des Jahres 1904 war der Rumpf der Achtjährigen eingewickelt in Zeitungspapier aus der Spree gefischt worden. Ein 35-jähriger Zuhälter, auf den der Verdacht fällt, beteuert seine Unschuld. Auch dann noch, als auf einem Korb Wollreste von Lucys Kleidung und Blutspuren gefunden werden. Ein neues chemisches Verfahren kommt zum Einsatz, das zeigt: Es handelt sich um menschliches Blut. Der Zuhälter wird schuldig gesprochen.

Es ist ein weiterer Erfolg für die Berliner Gerichtsmedizin unter Leitung von Fritz Strassmann. „Nichts wird mehr dazu dienen, unser Ansehen zu heben, als die Steigerung unserer wissenschaftlichen Leistungen“, ist der Leitspruch, mit dem Strassmann eine geschmähte und chronisch unterfinanzierte Disziplin nach vorne bringen möchte. Dazu soll sie möglichst viele Bereiche vereinen: Chemie, Psychiatrie und Medizin.

Als sich Strassmann für Themen wie „Die Totenstarre am Herzen“ zu interessieren beginnt, arbeitet er am Pathologischen Institut in Leipzig. Er stammt aus einer angesehenen jüdischen Ärztefamilie und bringt angeborenes Renommee mit, was seine schnelle Rückkehr in die Stadt erklären könnte – auch wenn die Arbeitsbedingungen an der Unterrichtsanstalt für Staatsarzneikunde, an der er ab 1884 Assistent wird, miserabel sind. Es gibt zwei Zimmer und einen Keller, in dem Strassmann forscht. Mit dem Umzug 1886 ins neu gebaute polizeiliche Leichenschauhaus auf dem Charité-Friedhof wächst auch das öffentliche Interesse: Die Berliner sollen unbekannte Leichen identifizieren, die im Gebäude aufgebahrt werden. Strassmann hat dort außerdem eine beeindruckende Schädelsammlung untergebracht. Nach seiner Habilitation 1889 unterrichtet er Mediziner und Juristen, wird Direktor des Instituts und gründet die Berliner gerichtsärztliche Vereinigung. Bei der preußischen Strafrechtsreform setzt er sich für eine umsichtige Behandlung von 18- bis 21-Jährigen ein. Kurz darauf wird er erster Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gerichtliche Medizin. Sein Urteil als Gutachter ist international gefragt.

Ab 1933 löst sich dieses Netz aus Anerkennung in kürzester Zeit in Luft auf. Strassmann und seine Frau distanzieren sich schriftlich vom Judentum, es hilft nicht gegen die entwürdigende Behandlung durch die NS-Ärzteschaft. 1934 stirbt Strassmanns Frau, ein Jahr später wird ihm die Lehrerlaubnis entzogen. Strassmanns Tod 1940 bleibt in Fachkreisen unerwähnt.Markus Langenstraß

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