MEDIZIN Männer : Von den Grenzen des Erkennens

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Foto: Wikipedia
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EMIL DU BOIS-REYMOND

Emil du Bois-Reymond im Yogakurs – es würde ihn das kalte Grausen packen. Nicht, weil er unsportlich gewesen ist, sondern weil er die naturphilosophische „Einheit von Körper und Geist“ beinahe lebenslang bekämpfte. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hat sich naturphilosophisch-romantisches Denken auch an den Berliner medizinischen Fakultäten festgesetzt. Die „Lebenskraft“ als unerklärlich waltendes Prinzip dient als Antwort auf knifflige Fragen, und man schaut lieber nicht so genau hin, wie radikal der Fortschritt die Welt verwandelt.

1818 wird Emil in Berlin geboren, im selben Jahr warnt Mary Shelley mit „Frankenstein“ vor der entgrenzten Vernunftmaschine, die da in Gang gekommen sei. Der junge Bois-Reymond hat aber nur den Faust gelesen: „Das unerbitterliche Heute duldet kein friedseliges Traumleben mehr“, haut er auf den Tisch. „Wir brauchen keinen Mephisto mehr, um uns ins wirkliche Leben zu locken … und statt des Zaubermantels ist uns das Dampfross genug.“ Du Bois ist klug und wütend: Auf die alte Wissenschaft und den hypochondrisch-frömmelnden Vater, dem er wohl auch das ironische Credo entleiht, dass „alle Pfuscherei wie Sünde“ ist. Bei Johannes Müller lernt Bois-Reymond naturwissenschaftliches Arbeiten, erfährt, dass Anatomie nicht ohne Physiologie, also ohne Chemie und Physik zu betreiben und Arroganz für einen großen Mediziner kein Makel ist.

Zuerst forscht Bois-Reymond am „Froschstrom“ und an „Zitterfischen“. Luigi Galvani hatte 60 Jahre zuvor geglaubt, dass im lebenden Gewebe eines Froschschenkels Strom fließt. Bis Alessandro Volta herausfand, dass nicht der Frosch den Strom erzeugte, sondern die metallischen Teile, an denen Galvani ihn befestigt hatte. Es war die Geburtstunde der Batterie und des Galvanometers. Du Bois-Reymond verbessert es und misst damit die Spannung an elektrischen Fischen. Dann unterstellt er dem berühmten Physiker Carlo Matteucci, er habe in seinen Experimenten geschlampt und plagiiert. Der Eklat ist vorprogrammiert, und er ist die Trägerrakete für Bois-Reymonds Karriere. Er weist tatsächlich elektrische Erscheinungen an Muskeln und Nerven nach. Dabei bleibt es aber nicht: Bois-Reymond schließt von den gewonnenen Details aufs Allgemeine, das Große, um am Ende wie viele vor ihm vor der Frage zu stehen: Wie kann der Mensch überhaupt erkennen? Der Naturwissenschaftler Bois- Reymond antwortet: Das Gehirn ist auch nur Mechanik. Aber: „Durch keine zu ersinnende Anordnung oder Bewegung materieller Teilchen lässt sich eine Brücke ins Reich des Bewusstseins schlagen.“ Bei allem Vernunftglauben steckt er hier eine Grenze. Was Materie und Kraft und Willensfreiheit bewegt: „Ignorabimus – wir werden es nicht wissen.“ Ein Vorbehalt, der der aufziehenden Industrialisierung fremd ist. Markus Langenstraß

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