Medizinische Therapieprojekte : Charité punktet in der Forschung

Die Fusion der Hochschulmedizin erleichtert das Arbeiten in Netzwerken

Uwe Schlicht

Wenn die Charité eine eigenständige medizinische Universität wäre, dann stünde sie unter allen vier Berliner Universitäten unangefochten auf dem ersten Platz. Bei den Kriterien, die im Ranking eine ausschlaggebende Rolle spielen, erreicht die Charité Spitzenplätze: zehn Sonderforschungsbereiche, acht Graduiertenkollegs für den wissenschaftlichen Nachwuchs, fünf mit Sondermitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte klinische Forschergruppen und 107 Millionen an eingeworbenen Drittmitteln. Dieses Niveau fällt auch in Deutschland ins Gewicht. Das neueste Forschungsranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) stellt die Charité in der deutschen Hochschulmedizin auf den ersten Platz, das etwas ältere Ranking der Deutschen Forschungsgemeinschaft hatte noch die Hochschulmedizin in Würzburg, München, Tübingen und Mainz vor die Charité gesetzt. Dieses Ranking ist aber insofern veraltet, als damals noch die Hochschulmedizin der Humboldt-Universität getrennt von der Hochschulmedizin der Freien Universität Berlin gerechnet wurde.

Jetzt zahlt es sich aus, dass Berlin an der so umstrittenen Fusion der Hochschulmedizin festgehalten hat. Die Charité ist heute eine gemeinsame Gliedkörperschaft der Humboldt-Universität und der Freien Universität Berlin und in dieser Eigenschaft kann sie Brücken schlagen. Der Dekan der Charité Martin Paul sagt: „Die Stärke Berlins liegt in der Forschungslandschaft von Universitäten und Forschungsinstituten der großen Wissenschaftsorganisationen. Jahrelang hat sich in dieser Forschungslandschaft kein Netzwerk bilden können, weil die Einrichtungen gegeneinander gearbeitet haben. Die Charité nutzt jetzt ihre Brückenfunktion durch die Zuordnung zu zwei Universitäten, um in diesem Netzwerk die Zusammenarbeit zu fördern.“

Die Charité nennt ihre Schwerpunkte in der Forschung „Leuchttürme“. Solche Leuchttürme gibt es in den Neurowissenschaften (Hirnforschung), in der Tumormedizin, in der Immunologie, der Transplantationsmedizin, bei Erkrankungen der Skelettmuskulatur und in der Herz-Kreislauf-Chirurgie. Solche Leuchttürme bestehen nicht nur virtuell, sondern werden so organisiert, dass junge Wissenschaftler mit ihren erfahrenen Kollegen nah zusammenarbeiten können. Überhaupt setzt die Charité radikal auf Verjüngung, weil in den nächsten fünf Jahren über ein Drittel ihrer Professoren in den Ruhestand geht. Jeder Juniorprofessor hat nach drei Jahren die Chance, entweder eine Verlängerung zu erhalten oder nach einer überragenden Evaluation Aussicht auf eine Dauerstellung zu bekommen. Dieser tenure track macht die Charité für junge Wissenschaftler so attraktiv.

Zwei weitere Neuerungen fördern die Dynamik der Charité, sagt Paul: Die Gelder aus dem Landeszuschuss werden den Professoren nicht ungeprüft überwiesen – sondern 34 Prozent des Landeszuschusses werden bereits nach Leistungskriterien vergeben. Zum Zweiten hat die Charité ihren Stellenplan nicht auf klar definierte Gebiete festgelegt. Das erlaubt ihr eine schnelle Reaktion bei der Personalausstattung, sobald die Charité neue Sonderforschungsbereiche oder Projekte aus dem bundesweiten Exzellenzwettbewerb zugesprochen bekommt.

In der ersten Runde des Exzellenzwettbewerbs war die Charité mit einer Graduiertenschule zum Thema „Mind and Brain“ (siehe weiteren Beitrag auf dieser Seite) erfolgreich. Nachwuchswissenschaftler können sich hier dem Zusammenhang von Geist- und Hirnforschung widmen. In der zweiten Runde könnte das gerade eröffnete Zentrum für regenerative Medizin (siehe weiteren Beitrag auf dieser Seite) durch eine Graduiertenschule zum gleichen Thema ergänzt werden, sofern die Charité den Zuschlag erhalten sollte. Das ehrgeizigste Projekt der Charité in dieser zweiten Runde des Exzellenzwettbewerbs ist ein Forschungscluster zum Thema NeuroCure. Voraussetzung für ein Cluster ist die Vernetzung mit großen Forschungsinstituten und Forschungseinrichtungen der Wirtschaft, wie sie die Region Berlin-Brandenburg bieten kann.

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