Gesundheit : Mehr Spielräume für die Mediziner

Universitätsklinika fordern mehr Freiheit von den Hochschulen

Heiko Schwarzburger

Die deutsche Hochschulmedizin muss auf eigene Füße gestellt werden und sich privaten Geldquellen öffnen. Dies ist das Fazit des ersten Innovationskongresses der Universitätskliniken, der Ende vergangener Woche in Berlin stattfand. „Man muss die Tätigkeit der Hochschulmediziner vor allem entbürokratisieren“, forderte Gebhard von Jagow, Medizin-Dekan und ärztlicher Direktor des Frankfurter Uniklinikums. „Die Kliniken künftig als Stiftungen, GmbH oder unter dem Dach eines privaten Trägers zu führen, das beunruhigt die Rektoren, aber das ist die Richtung.“

An den Hochschulen gelten die Universitätskliniken als teure und obendrein widerborstige Zwitter. Formal unterliegen sie zwar dem Fakultätenproporz, pochen jedoch meist auf ihre Unabhängigkeit. Obwohl die Unikliniken und medizinischen Fakultäten ungefähr ein Drittel des Budgets der Hochschulen schlucken, weisen sie bundesweit ein jährliches Defizit von rund einer Milliarde Euro aus.

Um die Kosten zu bändigen, greifen einige Bundesländer nach Berliner Vorbild zu Fusionen. Die Charité vereint drei Standorte im gesamten Stadtgebiet. Auch die hessische Landesregierung hat unlängst die Fusion der beiden Unikliniken in Gießen und Marburg beschlossen, sie kommen zum ersten Juli unter einen Hut. Hessen geht jedoch einen Schritt weiter: Von Anfang 2006 an soll das neue Großklinikum privatisiert werden. Der Medizinische Fakultätentag hat diese Absicht vor wenigen Tagen abgelehnt. „Die Dekane befürchten, dass Forschung und Lehre an den Rand gedrängt werden“, erläuterte Gebhard von Jagow, Präsident des Fakultätentages.

Die Hochschulmedizin ist vor allem deshalb teuer, weil künstliche Gelenke oder Knochen, Implantate oder Herzschrittmacher nicht zum Schleuderpreis zu kriegen sind, auch nicht aus Billiglohnländern in Asien. So kostet ein Unterkiefer aus Titan rund 7000 Euro. Ein elektronisches Gehör schlägt mit 11000 Euro zu Buche, ein Herzschrittmacher mit 5000 Euro und ein einsetzbarer Defibrillator mit 25000 Euro.

In die Erforschung medizinischer Innovationen investieren Bund und Länder immense Summen. Die Krankenkassen beteiligen sich in der Regel nicht an den Forschungen und lehnen es hinterher oft ab, die Neuerungen im täglichen Klinikeinsatz zu bezahlen. Auf diese Weise entstehen keine wirtschaftlichen Anreize für neue Therapien. „Unser Problem ist es, dass die Krankenkassen neue Ideen zu wenig unterstützen“, kritisierte Roland Hetzer, Chef des Deutschen Herzzentrums Berlin: „Gewebeimplantate werden beispielsweise von den Kassen nicht bezahlt. Wenn wir sie nicht einsetzen können, werden sie auch im Ausland als möglicher Exportmarkt nicht angenommen.“ Hetzer hat die Entwicklung von künstlichen Herzen und Unterstützungssystemen in der Firma Berlin Heart gebündelt: „Wir standen einige Male kurz vor dem Bankrott“, bekannte er. „Nur durch Venture Capital wurden wir gerettet.“

Venture Capital steht für Risikokapital von Banken oder Privatiers. Auch Rüdiger Strehl, kaufmännischer Vorstand der Tübinger Uniklinik und Vorstandssprecher des Verbandes der Universitätsklinika in Deutschland, sieht darin eine Chance: „Die moderne Hochleistungsmedizin wird behandelt wie jedes beliebige Krankenhaus, mit gleichen Fallpauschalen“, monierte er. „Wir brauchen Sonderspielräume, damit sich unsere international anerkannten Koryphäen in den Ausschüssen von den Kassenvertretern nicht erklären lassen müssen, was für die Patienten richtig ist.“

Tatsache ist, dass die Ideen und Erfindungen aus den Unikliniken das wirtschaftliche Potenzial Deutschlands erheblich stärken. So wurden die implantierbaren Defibrillatoren um 1980 entwickelt. Heute liegt der jährliche Umsatz weltweit bei immerhin 3,5 Milliarden US-Dollar. Die Unikliniken erweisen sich zunehmend als die Zugpferde der Medizintechnik. Bundesweit 1100 Unternehmen dieser Branche geben rund 108000 Menschen Lohn und Brot. Der Jahresumsatz der deutschen Medizintechnik erreichte 2003 rund 20 Milliarden Euro. Global wird das Marktvolumen auf 184 Milliarden Euro geschätzt.

„Ganz gleich, auf welche Weise die Hochschulmedizin künftig organisiert wird: Man muss die Leistungsträger halten“, mahnte Jörg Rüdiger Siewert, ärztlicher Direktor des Klinikums Rechts der Isar in München. „Sonst wandern die fähigsten Köpfe ab.“ Siewert stellte in Aussicht, dass die Interessenverbände der Hochschulmedizin künftig in der Politik mitmischen wollen. Zwar vertrete die Deutsche Krankenhausgesellschaft alle Krankenhäuser. „Aber da fallen die besonderen Belange der Universitätskliniken zu oft unter den Tisch.“

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