Gesundheit : Mit „Ramba Zamba“ gegen „Rosstäuscherei“ „Ein Impuls für die Hochbegabtenförderung“

Universitäten und Wirtschaft wollen drastische Einsparungen verhindern Minister Zehetmair zu Bayerns Vorhaben, als erstes Bundesland eigene Studiengänge für herausragende Studenten einzurichten

Anja Kühne/Uwe Schlicht

Die Berliner Universitäten wollen zusammen mit den Studentenvertretungen gegen die Sparpolitik des Berliner Senats demonstrieren, etwa vor dem Landesparteitag der Berliner SPD am 17. Mai. „Unsere einzige Chance ist öffentlicher Ramba Zamba“, sagte FU-Präsident Peter Gaehtgens am Mittwoch nachmittag vor den Wissenschaftlern der Uni. Finanzsenator Thilo Sarrazin warf er vor, mit falschen Zahlen „Volksverdummung“ und „Rosstäuscherei“ zu betreiben. Weil sich der Regierende Bürgermeister weigere, ein Machtwort zu sprechen, würden die Hochschulen „gegen eine Gummiwand rennen“, sagte Gaehtgens, „dieser Zustand muss beendet werden.“

An der TU hatten sich bereits am Morgen 1300 Mitarbeiter versammelt. Dabei wurde der Schulterschluss der Hochschulen mit der Wirtschaft und dem DGB verkündet. Der Präsident der Industrie- und Handelskammer, Werner Gegenbauer, bezeichnete die „täglichen Irritationen, für die der Finanzsenator sorgt”, als unerträglich. Die Zahlen über immer neue Sparauflagen verletzten nicht nur die Fürsorgepflicht des Senats gegenüber den Universitäten, sondern vernachlässigten auch Verlässlichkeit und Planungssicherheit. Gegenbauer betonte, neue Arbeitsplätze, die auch zu mehr Einnahmen führen, könnten vor allem durch die Kooperation von Wirtschaft und Wissenschaft geschaffen werden.

TU-Präsident Kurt Kutzler warf Sarrazin vor, die Substanz aller drei Universitäten zu ruinieren. Binnen kurzem müssten „die meisten Studiengänge wegen Personalmangels schließen”. Der wissenschaftliche Nachwuchs würde die TU meiden, und die Drittmittelforschung, der die TU 1600 zusätzliche Arbeitsplätze verdankt, „wäre nicht mehr möglich”. Kutzler will wie Gaehtgens keine Hochschulverträge unterzeichnen, wenn er damit das Sparziel von 200 bis 600 Millionen Euro akzeptieren muss. Dann werde man auf bessere Verhandlungsbedingungen vor den nächsten Wahlen hoffen, sagte Gaehtgens. Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Klaus Landfried, sagte, die Bundesrepublik könne es sich nicht leisten, dass die wissenschaftlichen Einrichtungen in Berlin vor die Hunde gingen. Die Unis bemühen sich auch um den Kontakt zu den Eltern jener künftigen Studenten, die von den Kürzungen betroffen sein könnten. Gaehtgens sagte, er sei gegen Studiengebühren, wenn sie ins Haushaltsloch gestopft werden sollten.

Herr Zehetmair, wollen Sie mit Ihrem Netzwerk die Studenten-Elite aus ganz Deutschland nach Bayern locken?

Mit dem Elite-Netzwerk will ich durchaus Pionierarbeit leisten und einen Impuls für die Hochbegabtenförderung geben. Bayern hat jetzt eine Vorgabe gemacht, mit der sich die anderen Länder gerne auseinandersetzen können. Wir müssen für diese hervorragenden jungen Leute etwas in Bewegung setzen und dürfen nicht nur in Larmoyanz verharren.

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) hat bereits eine Initiative gestartet, um junge Wissenschaftler im Land zu halten oder aus dem Ausland zurückzuholen. Können Sie darauf aufbauen?

Das ist ja alles erfreulich, besonders wenn Synergieeffekte mit den Ländern erzielt werden. Aber wenn der Bund gleichzeitig eine Besoldungsreform startet, die die Bedingungen an den Hochschulen deutlich verschlechtert und die Nachwuchsausbildung mit dem Juniorprofessor vereinheitlicht, wird das Ganze kontraproduktiv. Darauf kann ich nicht aufbauen. Aber wir sind ein großes Land und trauen uns eigene Initiativen zu.

Welche Fächer haben Elite-Studiengänge und Internationale Doktorandenkollegs denn besonders verdient?

Das ergibt sich aus unseren Schwerpunkten: sicherlich die Biowissenschaften, die Informations- und die Umweltwissenschaften. Die Geisteswissenschaften werden aber auch keinesfalls außen vor bleiben. Und es wird keine automatische Präferenz für München geben. Eine ausgezeichnete internationale Juristenausbildung wie beispielsweise in Passau kann dabei auch zum Zuge kommen.

Die Begabten sind ja nach einem geflügelten Wort immer die Begabten und das eigene Kind. Wie wollen Sie verhindern, dass diese Elite-Angebote Professorenkindern und Reichen vorbehalten werden?

Wenn die mithalten können, werden sie nicht ausgeschlossen – ebenso wenig wie Arbeiterkinder. Aber es gibt keinen Zugang zu den Studiengängen und dem Internationalen Doktorandenkolleg ohne Leistungstests. Zwischenprüfungen sind in Bayern schon obligatorisch. Nur wer dabei exzellente Ergebnisse zeigt, wird in die Elite-Studiengänge aufgenommen – unabhängig von seiner familiären Herkunft. Im Übrigen geht es auch um den Qualitätsnachweis der Dozenten, die nach Forschungsleistungen wie Drittmitteleinwerbung und ihren Erfolgen in der Lehre ausgewählt werden.

Sie haben in Ihrer Regierungserklärung heute versprochen, dass das Geld für die Elite zusätzlich bereitgestellt und nicht der „normalen“ Ausbildung entzogen wird. Wie viel ist Ihnen das Elite-Netzwerk wert?

Der Schwerpunkt liegt bei zusätzlichen Stellen. 315 Stellen in den Besoldungsstufen C1 bis C3 wollen wir für das Netzwerk in den nächsten fünf Jahren schaffen; denn es geht bei dieser Initiative nicht um neue Forschungsprojekte, sondern um die Förderung der jungen Wissenschaftler und Studenten. Über die Mittel dafür wird beim Nachtragshaushalt 2004 mitverhandelt. Außerdem werden erhebliche Sachmittel gebraucht. 14 Millionen Euro sind vorgesehen. Dafür werden wir die Wirtschaft, die zumindest im gleichen Maße von der Eliteausbildung profitiert wie der Staat, um Beteiligung bitten.

Was zeichnet die neuen Angebote aus?

Die Förderung durch Stellen wird den Doktoranden das selbstständige Arbeiten sichern. Die Auswahl der Studienangebote aus den guten Hochschulen wird aber auch die Hochschulen zur Qualität mahnen. Niemand wird automatisch den Adelstitel bekommen – und auch nicht für immer, sondern für fünf Jahre. Die Stellen werden nicht automatisch zugewiesen, sondern gegen den Profilnachweis. Das erhält Bewegung und Motivation.

Wann fällt der Startschuss für das Elite-Netzwerk?

Noch in diesem Sommersemester. Im kommenden Jahr sollen die Studiengänge und Kollegs schon eingerichtet werden. Wir wollen mit jährlich 2000 leistungswilligen Studenten starten und mit rund 120 herausragenden Nachwuchswissenschaftlern, von denen mindestens 20 Prozent aus dem Ausland kommen sollen. Diesen Austausch halten gerade Spitzenwissenschaftler für unverzichtbar.

Ist der Entschluss, auf die Eliteförderung zu setzen, die Quintessenz aus Ihren langjährigen Erfahrungen als Kultusminister?

Ich bin immer dafür eingetreten, dass der Staat sich nicht aus der allgemeinen Ausbildung zurückzieht. Wir brauchen auch in der Breite eine gute Qualifikation. Aber gleichzeitig müssen wir zeigen, dass Anstrengung belohnt wird und die Perspektiven für besonders Begabte verbessern.

Das Interview führte Bärbel Schubert.

Die Elite-Studiengänge sollen in drei- bis vier Semestern zum Master oder Diplom führen.

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