Gesundheit : Mit rollenden Regalen in die Zukunft

Platz sparende Magazine und verkabelte Leseplätze: Mit der neuen Bibliothek von Technischer Universität und Universität der Künste entsteht eine der modernsten Einrichtungen in Deutschland

Anne Strodtmann/Uwe Schlicht

Noch ist die neue Bibliothek der Technischen Universität und der Universität der Künste in Berlin-Charlottenburg nur ein unscheinbarer Rohbau. Doch schon bald wird sie zu den modernsten Bibliotheken in Deutschland gehören und auf einer Gesamtfläche von 30 000 Quadratmetern Raum für insgesamt drei Millionen Medieneinheiten bieten. Was macht eine moderne Bibliothek aus?

Ganz neuartig sind die Buchförderanlagen und das System der Selbstverbuchung bei der Ausleihe. Die bisher vorwiegend aus der Industrie bekannte Transpondertechnik ist für die Bedürfnisse der Bibliothek weiterentwickelt worden. So musste bisher an den Transportkisten der Bücher ein Zahlencode für die Zielorte eingestellt werden, der bei der Beförderung von einer Lichtschranke abgetastet wurde. Bei dem neuen Transpondersystem muss auf einem Bedienungsfeld nur noch der Zielort angetippt werden – dadurch wird die Transportkiste „beschrieben“ und jede Zielangabe überschreibt automatisch die vorherige. Der Vorteil des neuen Systems: schnellere Buchtransporte im Hause und eine leichtere Lokalisierung der Bücherkisten innerhalb der Förderanlage.

Modernste Technik auch bei den 650 Arbeitsplätzen in den Lesesälen: Jeder Platz ist voll verkabelt, was durchaus noch nicht allgemein üblich ist. Darüber hinaus gibt es in den Etagen zwei und drei jeweils zehn Kabinen, in denen nicht nur ungestörtes Arbeiten möglich ist, sondern auch die Voraussetzungen für Benutzer mit Handicaps geschaffen werden. So können etwa blinde oder stark sehbehinderte Studenten sich die Texte vorlesen lassen. Und schließlich gibt es auf jeder Etage zwei Gruppenarbeitsräume für vier bis acht Personen.

Die TU wird mit etwa 1,6 Millionen Büchern, Zeitschriften und anderen Materialien in den Neubau einziehen. Etwa die Hälfte davon wird in den Etagen eins bis drei frei zugänglich sein. Die vierte Etage ist für die Bibliothek der Universität der Künste vorgesehen. Eine integrierte Bibliothek wird es also nicht geben. Lediglich die Ausleihe erfolgt für beide Bibliotheken zentral im Erdgeschoss.

Das Untergeschoss wird das geschlossene, für die Benutzer nicht zugängliche Magazin aufnehmen. Eine Reserve für rund 600000 Bände ist eingeplant. Die entsteht dadurch, dass aus den Standregalen mit festen Zwischenräumen ohne aufwendige Umbauten ein Kompaktmagazin mit variablen Zwischenräumen entstehen kann. Das heißt, die Regale können auf Rollen so bewegt werden, dass nur dort ein Gang geschaffen wird, wo Bücher entnommen oder eingestellt werden. Das schafft enormen Platz.

Der Rohbau an der Hardenbergstraße stellt das vorläufige Ergebnis einer unendlichen Geschichte dar: Erst über 100 Jahre nach ihrer Gründung kann die Technische Universität Berlin ein eigenes Bibliotheksgebäude beziehen. Möglich war das nur durch ein neues Finanzierungsmodell und ein in Deutschland ungewöhnliches Zusammengehen zweier Universitäten – einer technischen und einer Universität der Künste. Vor allen Dingen konnte diese Bibliothek überhaupt nur aus der Baugrube herauswachsen, weil sich ein Industrieunternehmen – Volkswagen – engagiert hat. Nicht ganz uneigennützig, aber erfolgreich.

Die Bauhistoriker streiten, ob 1958 oder 1988 der Beginn der unendlichen Baugeschichte war. Es lässt sich jedoch ein noch früheres Datum belegen: Die Deutsche Bauzeitung meldete bereits 1931, dass die damalige Technische Hochschule Charlottenburg eine „neuzeitliche Bibliothek der Technik in einem Bücherturm“ erhalten sollte. Im Jahre 1958, erschien die Bauplanung dann so eilig, dass der Bibliotheksdirektor nicht in den Urlaub gehen durfte.

Wurde im Februar 1989 noch gemeldet, dass es „keine Verzögerung“ beim Bau der TU-Bibliothek gebe, fiel sie bereits wenige Tage nach der festlichen Wiedervereinigung Deutschlands dem Aufbau Ost zum Opfer. Dem Berliner Senat war die Bibliothek zu teuer, die schon reduzierten Kosten von etwa 135 Millionen Mark sollten weiter abgespeckt werden. Damals ging man davon aus, dass die Grundsteinlegung frühestens 1992 stattfinden würde. Aber erst im Jahr 1996 durfte sich die TU darüber freuen, dass nun endlich die Baugrube ausgehoben wurde. Ein knappes Jahr später war der Bibliotheksneubau in der mittelfristigen Investitionsplanung auf der Prioritätenliste ganz nach hinten gerutscht. Die Baugrube wehte langsam zu. Erst im Juli 1999 wurde das Projekt mit Phantasie und Sponsorengeld neu belebt. Aber es sollten nochmal drei Jahre vergehen, bis die Baufahrzeuge im August 2002 anrückten.

Den inzwischen verstorbenen TU-Präsidenten Hans-Jürgen Ewers hatte das ständige Hin und Her beim Bibliotheksbau nicht ruhen lassen. Umtriebig fand er die rettende Lösung: Für den jetzt mit 55 Millionen Euro veranschlagten Neubau zahlt der Bund 25 Millionen, die Technische Universität springt mit einem Darlehen in gleicher Höhe für das zahlungsunwillige Land Berlin ein und den Rest von fünf Millionen Euro bringt die Volkswagen AG auf. Die wird dafür mit dem Namen belohnt: „Volkswagen, Universitätsbibliothek Technische Universität und Universität der Künste Berlin“.

Zu Beginn des Wintersemesters 2004/2005 soll die neue Bibliothek feierlich eröffnet werden – wenn nicht wieder etwas dazwischen kommt.

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