Gesundheit : Mobile Gefahr: Sprechen Tumoren auf Handys an?

Bas Kast

Im Lauf des Jahres 1992 machte die bange Frage endgültig die Runde: Stellen Handys eine Gefahr für die Gesundheit dar? Vor einem US-Gericht klagte damals ein Mann, es sei der Handygebrauch gewesen, der den Hirntumor seiner verstorbenen Frau verursacht habe. Die Klage wurde abgewiesen - aus Mangel an Beweisen.

Woran es damals fehlte, waren wissenschaftliche Belege. Es folgten weitere Klagen - alle wurden sie abgelehnt. Die Untersuchungen indes haben seit dieser Zeit dramatisch zugenommen; mehrere Tausend gibt es mittlerweile. Wer sie studiert, sieht sich mit einem Durcheinander von widersprüchlichen Ergebnissen konfrontiert. Der überwiegende Tenor dieser Forschung jedoch läuft auf folgenden vorläufigen Schluss hinaus: Normaler Handygebrauch verursacht keinen Krebs.

Bestätigt wird das jetzt auch von einer der umfangreichsten Studien, die je zu dem Thema erschienen sind. Sie stammt vom Nationalen Krebsinstitut der USA und erscheint am Donnerstag im Fachblatt "New England Journal of Medicine" (vorab im Internet unter: www.nejm.org/content/inskip/1.asp). 782 Hirntumor-Patienten wurden mit 799 Kontrollpersonen verglichen. Das Fazit des Versuchsleiters, Peter Inskip: "Wir können keinen Beleg dafür finden, dass Handys Hirntumoren verursachen."

Anhand von Interviews hatten die Wissenschaftler sowohl die Patienten als auch die Kontrollgruppe danach befragt, wann sie zum ersten Mal ein Handy benutzt und wie oft und lange sie seitdem mobil telefoniert hatten. Auch wurde gefragt, an welches Ohr sie das Handy hielten. Das Resultat: Weder die Dauer des Telefonierens hatte einen Einfluss auf das Krebsrisiko, noch zeigte sich ein Zusammenhang zwischen dem Ohr, an das man das Handy gehalten hatte, und der Hirnhälfte, in der sich der Tumor befand.

Damit konnte eine Aufsehen erregende Studie aus Schweden im "International Journal of Oncology" nicht bestätigt werden. Sie hatte über 200 Hirntumorpatienten untersucht und kam zum Ergebnis, dass sich im Wesentlichen keine schädliche Wirkung durch Handygebrauch nachweisen lässt. Dennoch geisterte ein Befund der Untersuchung eine Zeit lang durch die Medien: Eine Gruppe mit einer bestimmten Tumorart hatte auffallend häufig berichtet, das Mobiltelefon an das Ohr gehalten zu haben, an dessen Hirnseite sich das Geschwulst auch befand. Der Zusammenhang war aber schwach und statistisch nicht bedeutsam. Vielleicht hatte man es sogar mit einem psychologischen Phänomen zu tun. Mit der "gut etablierten Tendenz" nämlich, dass sich "Versuchspersonen an ein mögliches Risiko besser erinnern, wenn sie eine Krankheit entwickelt haben", wie die US-Forscher Kenneth Foster und John Moulder in Bezug auf die schwedische Studie berichten.

Und dennoch kann die gegenwärtige Forschung nicht abschließend behaupten, dass Handys vollkommen harmlos sind. Erstens gibt es die Geräte erst seit weniger als 20 Jahren. Über Langzeiteffekte lässt sich deshalb nichts Gesichertes sagen. Hinzu kommt, dass sich die Mobilfunktechnik ununterbrochen ändert. Und auch die Studie vom Nationalen Krebsinstitut erfasst nur eine Handybenutzung von insgesamt fünf Jahren. "Wenn ein erhöhtes Hirntumor-Risiko erst bei mehr als fünf Jahren Benutzung oder nur bei extrem starken Telefonierern auftritt, dann wird das von dieser Studie nicht aufgedeckt", sagt Versuchsleiter Inskip.

Neben den statistischen Humanstudien gibt es deshalb zusätzlich Tierexperimente, um zu untersuchen, ob sich elektomagnetische Strahlen im Frequenzbereich von Handys negativ auf biologisches Gewebe auswirken. Die Frequenz der Handywellen liegt bei rund 1000 Megahertz (MHz). Dieser Frequenzbereich, so viel ist sicher, ist nicht-ionisierend: Die Strahlung ist, im Gegensatz zu Röntgenstrahlung, zu schwach, um Elektronen aus den Atomen des Gewebes zu schießen und damit einen ähnlichen Schaden wie den von Röntgenstrahlen anzurichten. Trotzdem könnten theoretisch auch die energetisch schwächeren Radiowellen eine Gefahr für das Gewebe darstellen - etwa, indem es erwärmt wird.

Aus diesem Grund hat man in mehreren Studien Ratten einer Strahlung mit der Handy-Frequenz ausgesetzt - der Nachweis, dass diese Strahlung Krebs auslöst, konnte nicht erbracht werden. Eine Gruppe an der Universität Lund in Schweden hatte Ratten bis zu 16 Stunden bestrahlt und anschließend ihre Hirne seziert. Im Nervengewebe wurde dabei häufiger als sonst das Transportprotein Albumin nachgewiesen. Ob dies für die Ratten schädlich ist, weiß allerdings keiner. Die Forscher selbst hielten eine klinische Bedeutung für "sehr zweifelhaft". Andere Institute konnten das Ergebnis der Schweden nicht replizieren. Die Krebs- und Radiologie-Experten Foster und Moulder bilanzieren: "Tierversuche zeigen keinen Zusammenhang zwischen Handys und Krebs."

Einen Beleg allerdings gibt es, der demonstriert, dass Handys der Gesundheit erheblichen Schaden anrichten können. Er ist wissenschaftlich gut untermauert. Eine Studie im "New England Journal of Medicine" hatte schon 1997 nachgewiesen, dass die Gefahr einer Kollision um das Vierfache erhöht ist, wenn ein Autofahrer beim Fahren durch sein Funkgerät murmelt - egal, ob fest angebracht oder mobil. Und eine neuere Untersuchung hat gezeigt, dass die fleißigsten Telefonierer mehr als zweimal so oft im Auto sterben, wie solche, die vom Telefon im Wagen nur wenig Gebrauch machen.

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