Gesundheit : Mobilität der Studenten: Kleinstaatliche Politik unerwünscht

Bärbel Schubert

Deutschlands Studenten zieht es nicht in die Ferne. Zwei Drittel von ihnen bleiben zum Studieren in dem Bundesland, in dem sie auch zur Schule gegangen sind. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie "zum Wanderungsverhalten", die für die aktuellen Beratungen der Kultusminister in Hamburg erstellt worden ist. Sogar knapp 90 Prozent der Studenten sind ihrer Heimat verbunden, wenn man Studienorte im benachbarten Bundesland einbezieht.

Die Kultusminister wollen bei ihrer Plenartagung in Hamburg über Folgerungen aus diesen Untersuchungen beraten. Dazu gehört auch eine bessere gegenseitige Anerkennung von Abschlusszeugnissen aus anderen Bundesländern. Die geringe Mobilität der Studenten ist schon deshalb problematisch, weil auf dem Arbeitsmarkt von Akademikern erwartet wird, dass sie sich gut und schnell auf neue Bedingungen einstellen können. Ja, dass sie Erfahrungen in der Mobilität besitzen und Auslandserfahrungen mitbringen. Wer sich während des Studiums nicht einmal aus dem 100-Kilometer-Umkreis seines Elternhauses heraus bewegt hat, dürfte es da bei der Suche nach einem Arbeitsplatz künftig schwer haben.

Die Stadtstaaten Berlin und Hamburg kommen bei der Untersuchung am besten weg. So bleiben zwar viele Landeskinder auch zum Studium in Berlin. Es zieht aber auch viel mehr junge Leute aus anderen Bundesländern in die Hauptstadt. Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen und Sachsen als die bevölkerungsreichsten Länder und mit einer großen Mehrheit an Abiturienten bilden dagegen hauptsächlich ihre Landeskinder aus. Die grundsätzlich erwünschte Mobilität der Studenten wird sogar durch die viel gescholtene Zentrale Vergabestelle für Studienplätze in Dortmund (ZVS) angekurbelt, heißt es in dem Papier. Und anders als erwartet, sind Studentinnen mobiler als ihre männlichen Kommilitonen.

Die Arbeitsgruppe rät den Kultusministern von "planwirtschaftlichen" Maßnahmen ab, um die Studenten zur Mobilität und zu neuen Erfahrungen zu zwingen. Abgelehnt wird allerdings auch, die Hochschulplanung auf die Ausbildung der eigenen Abiturienten zu begrenzen. "Ein Ausbau der Hochschulen ausschließlich orientiert an der Anzahl der Landeskinder würde zu einer kleinstaatlichen Inselpolitik führen und wäre eine schlechte Grundlage für den geforderten verstärkten nationalen und internationalen Wettbewerb unter den Hochschulen", heißt es in dem Papier.

Behler gegen Zulassungsprüfungen

Nordrhein-Westfalens Bildungsministerin Gabriele Behler (SPD) hat Hochschuleingangsprüfungen und Studiengebühren als neue Barrieren vor dem Studium strikt abgelehnt. Sie werde all diesen wieder neu aufgegriffenen Überlegungen in "konservativen Kreisen" eine klare Absage erteilen, versicherte Behler vor den Plenarberatungen der Kultusminister in Hamburg.

"Deutschland hat nicht zu viele, sondern im internationalen Vergleich viel zu wenig Akademiker", sagte Behler der Deutschen Presseagentur. "Wir dürfen daher im Bemühen, die Bildungsbeteiligung aller Schichten zu erhöhen, nicht nachlassen." Andernfalls drohe nicht nur in der Computerbranche, sondern auch in anderen Wirtschaftszweigen ein Mangel an Fachkräften.

Mit Sorge betrachtet die Ministerin die zurückgehende Studierneigung unter Abiturienten. Das Studium müsse attraktiver werden. Trotz der Sparzwänge des Staates gebe es an den Hochschulen "Gestaltungsspielräume", sagte die Ministerin.

Bayerns Kultusminister Hans Zehetmair (CSU) empfiehlt ein anderes Rezept: den schnellen Ausbau der Fachhochschulen in allen Bundesländern. Mit dieser praxisnahen und relativ kurzen Ausbildung könne die Bundesrepublik am besten auf den drohenden Fachkräftemangel in vielen Berufen reagieren, sagte Zehetmair in Hamburg. Zehetmair ist derzeit Bildungssprecher der unionsgeführten Bundesländer. Nach einer neuen Umfrage wollen nur noch 68 Prozent der jungen Menschen mit Hochschulreife überhaupt studieren. Gleichzeitig sagen aber alle Arbeitsmarktprognosen für Deutschland einen Akademikermangel voraus. Zehetmair: Die jungen Menschen sollten wissen "je höher die formale Qualifikation, desto besser sind ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt". Um die Studierneigung zu verbessern, sei ein flexibles und breites Studienangebot auch in ländlichen Regionen erforderlich.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben