Gesundheit : Mörderisches Opfer

Stammen Selbstmordattentäter aus armen und ungebildeten Familien? Soziologen kommen zu erstaunlichen Ergebnissen

Bas Kast

Haifa, Israel, am vergangenen Mittwoch. Der vollbesetzte Bus der Linie 37 hat gerade eine Haltestelle passiert und fährt weiter in Richtung Universität, als die Bombe explodiert. Das Dach des Busses wird schlagartig weggerissen. Glas, Metallteile schleudern durch die Luft. Die Detonation ist so stark, dass die Fenster der umliegenden Häuser zerspringen. In einem Friseursalon zersplittern die Spiegel. Die Bilanz: mindestens 15 Menschen sterben, darunter der Selbstmordattentäter; Dutzende werden verletzt.

Zwei Tage später, am Freitag, veröffentlicht das US-Fachmagazin „Science“ eine Studie über „Die Genesis des Selbstmordterrorismus“. Dabei nähert sich der Autor der Übersichtsstudie, der Psychologe Scott Atran von der Universität von Michigan in Ann Arbor, dem Suizid-Terroristen eher vom Rand, fragt nach dem Milieu, dem dieser Menschenschlag entspringt – und widerlegt dabei so manches Vorurteil. Fazit Nummer 1: Es ist nicht Armut, die Selbstmordattentäter hervorbringt. So hat der Psychologe Ariel Merari von der Universität Tel Aviv Täter, die überlebt haben, sowie die Familien von Selbstmordattentätern interviewt. Das Ergebnis: Selbstmordattentäter stammen aus jeder sozialen Schicht. Ihr Durchschnittsalter liegt bei Anfang 20, fast alle sind unverheiratet, die meisten religiös – aber auch das nicht in häufigerem Maße als der Rest der Bevölkerung.

Fazit Nummer 2. Selbstmordattentäter sind nicht weniger gebildet als ihre friedlicheren Zeitgenossen. Das hat nicht nur Merari bei seinen Interviews festgestellt. Weitere Untersuchungen legen nahe: Eine höhere Ausbildung führt eher zu einer Einstellung, die den Terrorismus befürwortet. So empfanden in einer Studie an 1357 Palästinensern diejenigen, die zwölf oder noch mehr Jahre Schule hinter sich hatten, am meisten Sympathie für bewaffnete Attacken; auf einer Skala, die ihre Terrorismus-Befürwortung erfasste, erreichten sie den Höchstwert – 68 Punkte. Betrug die Ausbildung nur elf Jahre, sank diese Zahl auf 63. Bei Analphabeten war die Zustimmung am geringsten: 46 Punkte.

Fazit Nummer 3. Wer den Selbstmordattentäter schlicht für verrückt erklärt, geht in die Irre. Die lebenden Bomben sind auch keine Menschen, die vom Gefühl bestimmt sind, sie hätten nichts mehr zu verlieren. „Im Vergleich zur Normalbevölkerung fehlt es ihnen nicht an Möglichkeiten.“ Selbstmordattentäter sind aber „zutiefst loyal gegenüber ihren ,Familien’ – anderen Terroristen, die die Rolle fiktiver Verwandten übernehmen“. Diesen Drahtziehern gelingt es, die Psyche der Attentäter so zu polen, dass sie sie für ihre Zwecke einspannen.

Doch wenn der Selbstmordattentäter ein „Allerweltstyp“ ist, wie lässt er sich dann bekämpfen? Hier kommt der Psychologe Atran zu pikanten Schlussfolgerungen: „Die Bildung zu erhöhen könnte kontraproduktiv sein, wenn eine bessere Lesefähigkeit etwa dazu führt, dass man in erhöhtem Maße terroristischer Propaganda ausgesetzt ist.“

Der Experte schlägt einen anderen Ansatz vor. Studien zeigen, dass die meisten Menschen ihre eigene Einstellung für weniger radikal halten als die Durchschnittseinstellung der Bevölkerung. Ein Beispiel: Wir halten uns selbst für freundlicher unseren Feinden gegenüber und glauben, unser Nachbar sei da strenger, radikaler. Es entwickelt sich ein Anpassungsdruck, selbst eine radikalere Haltung einzunehmen – aus unserer Einbildung wird Realität.

An dieser Stelle könnte sich ein Weg eröffnen, potenzielle Attentäter vom Pfad zum Terror abzubringen. Zwar lassen sich die Menschen, die die Einstellung Jugendlicher radikalisieren, von außen nur bedingt schwächen. Die USA und ihre Verbündeten sollten aber versuchen, die Gruppen innerhalb der Bevölkerung zu unterstützen, die eine gemäßigte Einstellung vertreten – mehr Macht den moderaten Mittlern.

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