Gesundheit : Nachäffen ist menschlich

Unsere haarigen Vettern sind vermutlich unfähig, durch Imitation zu lernen

Rolf Degen

Dass Affen mit großer Bereitschaft Verhaltensweisen „nachäffen“, die sie bei anderen gesehen haben, ist eine liebgewordene Vorsellung. „Die Tiere ahmen aus reiner Lust an der Nachahmung nach“, brachte es der Naturkundler George Romanes, ein junger Freund von Charles Darwin, auf den Punkt. Ein Blick auf die Forschung zeigt aber, dass die Fähigkeit zum Imitationslernen geistige Anforderungen stellt, die kaum ein Primat außer dem Menschen erfüllen kann.

Beim echten Imitationslernen eignet sich ein „Schüler“ auf einen Schlag ein komplexes, von einem „Lehrer“ vorgeführtes Verhaltensmuster an. Der Schüler kopiert nicht nur blind eine Abfolge von Bewegungen, er begreift auch, dass die Verhaltenskette den Schlüssel zum Lösen des Problems enthält. Imitationslernen steht weit über den einfachen Formen des Lernens, wie etwa Lernen mit Hilfe von Versuch und Irrtum, bei dem man dem Ziel nur Schritt für Schritt näherkommt.

Höher stehende Menschenaffen wie die Schimpansen eignen sich ausgefeilte „Traditionen“ wie das Knacken von Nüssen oder das Angeln von Termiten an. Viele Forscher glauben, dass solche komplexen Verhaltensmuster auf die Fähigkeit zum Lernen am Modell schließen lassen.

Dabei ist noch nicht einmal sicher, dass sich die Kinder unserer Spezies Problemlösungen wie das Zubinden eines Schuhes durch Nachahmungslernen und nicht durch das mühsame Prinzip Versuch und Irrtum zu eigen machen, schränken die beiden Psychologinnen Elisabetta Visalberghi aus Rom und Dorothy Fragaszy aus Atlanta ein. Nach ausgedehnten Versuchsreihen und Literaturstudien kommen sie zum Schluss, dass das „Nachäffen“ aber auf jeden Fall den Horizont der meisten Affen übersteigt.

In ihren Studien stellten die Psychologinnen vor allem die Fähigkeiten von Kapuzineraffen auf die Probe. Das sind gesellig lebende Baumbewohner aus Südamerika, geschickte und aufmerksame Tiere, die großes Interesse an ihren Artgenossen haben und in freier Wildbahn beim Umgang mit Werkzeugen beobachtet wurden. Obwohl sie die besten Voraussetzungen mitbrachten, fielen sie beim Test des Modell-Lernens völlig durch.

Bei einem der Versuche konnten die Affen zusehen, wie ein erfahrener „Lehrer“ aus ihren eigenen Reihen mit einem Stock ein begehrtes Nahrungsmittel aus einer durchsichtigen Röhre schob. „Obwohl die Kapuzineraffen reichlich Gelegenheit bekamen, dem Vorbild beim Lösen des Problems zuzuschauen, griff kein einziger das vorgeführte Verhalten auf.“ Sie trafen nicht einmal Anstalten, mit einem Stock in Richtung der Röhre zu hantieren. Tatsächlich bewiesen die Filmaufnahmen, dass die Tiere ihre visuelle Aufmerksamkeit überhaupt nicht auf die entscheidenden Handgriffe richteten.

Bereits neugeborene Menschenkinder ahmen manchmal die Mimik eines Gegenübers nach: Sie öffnen den Mund oder strecken die Zunge heraus. Auch kleine Schimpansenkinder guckten Menschen im Experiment solche mimischen Aktionen ab. Das ist allerdings kein Modell-Lernen im strengen Sinne, weil die Betreffenden nur ein Verhalten reproduzieren, das bereits zu ihrem Repertoire gehört – sie eignen sich kein neues Muster an. Kapuzineraffen sind trotzdem von dieser Aufgabe überfordert. In keinem Fall ahmten sie auch nur ansatzweise einen vorgeführten Gesichtsaudruck nach. Und das, obwohl sie aufmerksam das menschliche Gesicht und die Stimme verfolgten.

Kapuzineraffen haben auch wenig Hang, beim Menschen die Manipulation von Gegenständen nachzumachen. In einer Versuchsreihe wurden die Affen gewahr, wie ein Trainer mit den Gegenständen den Tieren entweder bereits bekannte oder für sie neue Tätigkeiten verrichtete. Er steckte zum Beispiel einen Stock in eine Röhre oder klappte ein hölzernes „Buch“ auf. Als man die Tiere dann mit den Objekten allein ließ, zeigten sie nur in fünf bis zehn Prozent der Fälle ein Verhalten, das in Richtung der vorgeführten Muster ging. Aber nicht einmal diese kleine Zahl ähnlicher Aktivitäten ging auf Imitationslernen zurück: Auch die Affen, die keinem Vorbild beigewohnt hatten, kamen genauso häufig von allein auf den Trichter und führten die betreffende Handlung auf.

Es könnte für Tiere nützlich sein, bei Vorbildern zu lernen, dass bestimmte Nahrungsmittel (un)genießbar sind. In Anwesenheit futternder Artgenossen stopften Kapuzineraffen tatsächlich größere Mengen Nahrung in sich hinein. Bei genauerer Betrachtung zeigte sich jedoch, dass sie einfach nur größere Mengen verdrückten. Sie ahmten nie die spezielle Nahrungsauswahl ihrer „Vorkoster“ nach. Möglicherweise war das Fressverhalten durch Konkurrenzdruck und Futterneid motiviert.

„Da Kapuzineraffen nicht imitieren, haben wir wenig Anlass zu glauben, dass andere Tieraffen dazu fähig sind“, folgern die Psychologinnen. „Obwohl große Anstrengungen unternommen wurden, Modellernen bei anderen Affen nachzuweisen, finden sie in den neueren Daten keinen Rückhalt.“

Michael Tomasello vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, bezweifelt sogar, dass Menschenaffen die erwähnten Traditionen durch Modell–Lernen erwerben. Seiner Ansicht nach besteht die Gefahr, einfachere Formen der Übermittlung mit Imitation zu verwechseln. Ein Tier, das eine neue Methode zum Bewältigen einer Aufgabe austüftelt, gibt nicht nur ein Vorbild ab, sondern schafft Bedingungen, die seinen Artgenossen das Lernen erleichtern können. Der erste Schimpanse, der mit Steinen Nüsse knackte, hat seine Horde vermutlich mit einer ganzen Reihe von „Lehrmaterialien“ bedient: Mit geöffneten Nüssen oder mit Steinen, die ein „didaktisches Arrangement“ erzeugten. Die Tiere schaffen günstige Lernumstände für ihre Artgenossen, eine „Anregung“, sagt Tomasello. Mit Imitationslernen habe das allerdings nichts zu tun.

Auch bei einer Gruppe von Schimpansen hat man vor kurzem studiert, wie die Innovation des Nüsseknackens um sich greift – die meisten von ihnen gingen dabei nach ihrer eigenen Methode vor. Es war offensichtlich, dass sie dem Muster Versuch und Irrtum folgten, und dass ihr „Vorbild“ ihnen nur mit kleinen, ungewollten Anregungen half.

Nur beim Menschen aufgezogene und abgerichtete Menschenaffen legen einen Hang zum „Nachäffen“ an den Tag. Die Tiere kupfern vermutlich nur ganz blind und ohne Verständnis motorische Vorgaben ab, um ihrem Halter zu gefallen. Beim Überlebenskampf in der freien Wildbahn bringt das aber kaum einen Vorteil ein.

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