Gesundheit : Nagelpilzerkrankung: Was uns unter den Nägeln wuchert

Walter Schmidt

Dem Kinderlied-Vers "Zeigt her eure Füße" konnte Volker Senger lange Zeit herzlich wenig abgewinnen. Fast zehn Jahre lang hat sich der 34-Jährige mit einem Leiden herumgeschlagen, das viele kennen und gerne totschweigen. Senger litt bis vor wenigen Monaten an einem Nagelpilz. Seine Fußnägel vergilbten, waren schrumplig und brüchig. "Die haben sich buchstäblich verkrümelt", sagt der Leidgeprüfte.

Immer wieder schnitt und feilte er sich die Nägel herunter, soweit es nur ging, raspelte sie papierdünn, um die Pilzherde in der Hornschicht auszumerzen, doch es war vergebens. Denn irgendwann schmerzte die Feilerei zu sehr, der Pilz blieb in Resten erhalten und griff erneut um sich, wenn der Nagel wieder wuchs.

Dummerweise war Senger oft nachlässig, hat die Behandlung mit Salben und Tinkturen unterbrochen, wenn der Erfolg auch nach Wochen scheinbar ausblieb. Einmal zog ihm ein letztlich ebenfalls ratloser Hautarzt sogar einen extrem befallenen großen Zehennagel heraus. Das war nach Abklingen der lokalen Betäubung nicht nur sehr schmerzhaft, sondern auch sinnlos, schon weil fünf andere Nägel befallen blieben.

Das Pilzopfer schämte sich, verbarg seine Füße vor fremden Blicken und mied Situationen, die ihn gezwungen hätten, barfuß zu gehen. Beim Masseur behielt er die Strümpfe an und in der Sauna bedeckte er die Zehen mit dem Handtuch. Sein Versteckspiel fiel anderen nicht auf, "weil ich das immer sehr beiläufig aussehen lassen konnte und gute Ausreden erfand", wie er sagt. Noch heute ist ihm seine Leidensgeschichte so peinlich, dass er seinen richtigen Namen nicht gedruckt sehen möchte.

Hautärzten ist dieser schamhafte Umgang mit einer Nagelpilzerkrankung (Onychomykose) gut bekannt. Denn das Leiden plagt Millionen: Nach einer im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichten Schätzung ist jeder achte Bundesbürger von Nagelpilzen befallen, zu etwa 80 Prozent an den Zehennägeln. Frauen leiden öfter als Männer an Fingernagel-Pilzen, weil ihre Hände häufiger mit Spül- und Reinigungsmitteln in Kontakt kommen. Und von Wasser und Haushaltschemikalien aufgeweichte und vorgeschädigte Nägel lassen Pilze viel eher eindringen als gesunde.

Behandeln lässt sich verschiedenen Schätzungen zufolge nur jeder dritte oder gar sechste der Erkrankten. Auf dem Vormarsch sind Nagelpilze offenbar auch in Nordamerika: Wie eine Studie im Fachblatt "Journal of the American Academy of Dermatology" berichtet, waren in einer Testgruppe von 2000 Menschen knapp 14 Prozent infiziert. Bei einer ähnlichen Studie vor 20 Jahren waren es etwa zwei Prozent.

Die Hemmschwelle, einen Fachmann aufzusuchen ist nicht nur wegen unappetitlich aussehender Nägel hoch. Manche Betroffene tauschen heiße Tipps deshalb lieber im Internet aus - etwa ein gewisser "Kermit", der kürzlich wissen wollte, ob er die kranken Nägel ziehen lassen oder die "Füße in Domestos einlegen" sollte. "Zwei Drittel der Betroffenen gehen nicht zum Arzt, weil sie glauben, ihnen werde unweigerlich der befallene Nagel gezogen oder die Behandlung sei ohnehin zwecklos", sagt Hans-Jürgen Tietz, Mikrobiologe an der Hautklinik der Berliner Charité. Beide Sorgen sind unbegründet: Einen Nagel zu ziehen, sei "eine Foltermethode" und "das Schlimmste", was ein Arzt tun könne. Die Krankheit lasse sich wirksamer und viel schonender behandeln.

Entscheidend ist es, so Tietz, möglichst rasch den Hautarzt aufzusuchen. Dieser sollte abklären, ob Krankheiten wie Diabetes, Erkrankungen des Blutes oder der Nerven den Pilzbefall fördern. Auch wiederkehrende Nagelverletzungen, etwa bei Nägelkauern und Fußballspielern, oder ein besonders ungesundes Fußklima, durch Schweiß treibende Turnschuhe beispielsweise, können eine Rolle spielen. Nicht umsonst heißt Fußpilz im Englischen "Athletenfuß", und auch dieser kann die Nägel infizieren. Anstecken kann man sich überall, wo es feucht und warm ist: in Schwimmbädern und Saunen, aber auch in geliehenen Schuhen und der Matte im Badezimmer.

Nagelpilze sind nach Ansicht von Tietz "nicht nur ein kosmetisches Problem"; zerstörte Nägel können Eintrittspforten für andere Infektions-Erreger sein. Die Zahl der Pilze wird auf 100 000 bis 250 000 geschätzt, doch nach allem, was man weiß, können nur etwa 180 Arten Mensch oder Tier infizieren. Beim Menschen werden die Nägel häufiger als die Haut befallen, wofür einer der Gründe das fast pausenlose Tragen von geschlossenen Schuhen ist. Schon deshalb haben Pilzerreger im Winter Konjunktur.

Hautärzte unterscheiden zwischen Dermatophyten, Hefen und Schimmelpilzen. Sie ermitteln die jeweils beteiligten Lästlinge über einen schmerzlosen Nagelabstrich mit dem Skalpell: Einige Hornraspel werden auf Nährböden kultiviert, beim Weiterwachsen beobachtet und dann bestimmt. Ein sehr häufiger Hefepilz ist etwa "Candida albicans"; gemeinsam mit Schimmelpilzen hat er auch Volker Senger das Leben schwer gemacht.

Doch Resignation ist fehl am Platz: Denn einen Nagelpilz wird man in der Regel wieder los. Meist versuchen Hautärzte den Pilz lokal mit einem Nagellack zu attackieren. Dessen Wirkstoffe durchdringen die Nagelplatte und hemmen den Pilzwuchs, indem sie die Zellmembran der Pilze schädigen. Weit fortgeschrittene und tief in den Nagel vorgedrungene Pilzinfektionen müssen nicht selten zusätzlich mit einer mehrwöchigen Tablettenkur bekämpft werden. Nach der von Tietz gesammelten Erfahrung "ist nur die Kombinationstherapie aus Tabletten und Lack erfolgversprechend". In jedem Fall müssen Patienten die Therapie sehr gewissenhaft ausführen. Das kann wegen des langsamen Nachwachsens gesunder Nagelsubstanz Monate dauern, manchmal über ein Jahr. Auch Volker Senger wurde seine Pilze erst wieder los, als er sie kombiniert mit Tabletten und Lack angriff.

Selbst das führte erst zum Erfolg, als ein Hautarzt ihn zusätzlich zur Apotheke auch noch in die Drogerie schickte. "Ich musste dort nicht nur ein Desinfektionsspray kaufen und all meine Schuhe in gewissen Abständen damit aussprühen, sondern auch ein desinfizierendes Waschmittel für meine Socken", berichtet der inzwischen Geheilte. Die Pilzsporen und Hefen sind nämlich hartnäckig und werden erst bei hohen Waschtemperaturen abgetötet. Und Socken wäscht bekanntlich nur bei 90 Grad, wer sie nie mehr tragen möchte.

Mehr zum Thema unter: www.g-netz.de , in die Suchmaske "Nagelpilz" eingeben. Oder über die Startseite der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft www.derma.de .

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