Gesundheit : Neues Denken unter Palmen

Global statt kolonial: Wie die Amerika-Reise Humboldts Weltbild änderte

Oliver Lubrich

Als er im Sommer des Jahres 1800 in den unerforschten Teil des Orinoco einfährt, denkt Alexander von Humboldt, er sei am Ende der Welt angekommen. In seinem Reisebericht schreibt er, er habe dort die „Säulen des Herakles“ hinter sich gelassen, die in der Antike den Ausgang des Mittelmeers anzeigten.

Der Forscher gestaltet seine Expedition nach Amerika als eine Reise durch die Zeit. Ihm dabei zum Ende dieses Humboldt-Jahres zu folgen, bedeutet eine kulturhistorische Entdeckungsreise aus der Zeit des Kolonialismus in die aktuelle Globalisierungsdebatte. 2004 erschien außer dem „Kosmos“, der eine wahre Alexander-von-Humboldt-Euphorie auslöste, auch eine Neuausgabe der „Ansichten der Kordilleren“, ein Reise-Bildband über die indianischen Kulturen. Bei dieser Reise revidierte der junge Forscher sein Weltbild.

Humboldt nimmt die Kolonien zunächst indirekt wahr: indem er sie mit Griechenland und Italien vergleicht. Der Klassizismus, wie ihn Johann Joachim Winckelmann ausgeprägt hatte, dient Humboldt als Denkmodell. Die Griechen hatten, schrieb Winckelmann 1755, „vollkommene“ Werke geschaffen, unübertreffliche Vorbilder.

Mit der Antike konnte Humboldt die Kulturen der Welt verstehen. An ihr als Maßstab ließen sie sich bewerten und auf Europa als Zentrum der Zivilisation beziehen. Humboldts erster Blick ist ein kolonialer. Seine Antikisierung Amerikas scheint dem zu entsprechen, was man in postkolonialer Kritik heutzutage ein eurozentrisches Weltbild nennt. In den „Ansichten der Kordilleren“ zeichnet Humboldt die nackten Indios in der Tat wie antike Bronzefiguren. Ihre Kunstwerke vergleicht er mit denen der Griechen. Aber allein letztere, behauptet er im Vorwort, könnten einen Anspruch auf ästhetische Betrachtung erheben, während die Arbeiten der Azteken oder Inka „nur als historische Dokumente Beachtung finden“.

Humboldts Größe besteht aber in seiner Bereitschaft, eigene Irrtümer zu überprüfen. „Niemand wandelt ungestraft unter Palmen“, schrieb Goethe. Die Reise verändert den Reisenden. An Humboldts Schriften lässt sich beobachten, wie europäische Wahrnehmungsmuster seiner Zeit bei der Begegnung mit fremden Kulturen ihre Autorität verlieren. Ein Beispiel für diese Dynamik ist der Klassizismus. In gleicher Weise werden die Aufklärung oder der Orientalismus herausgefordert.

Viele der Bezüge auf die Antike sind alles andere als reiner Zitatschmuck. Wenn Alexander von Humboldt zum Beispiel über den Orinoco schreibt, dieser sei kein „sanft plätscherndes Bächlein“; aber auch kein „in trägem Lauf irrender Kokytos“, dann ist das nur auf den ersten Blick dekorativ. Das erste Zitat spielt an auf Vergils bukolisches Italien; das zweite stammt von Horaz und bezieht sich auf den Fluss der Unterwelt. Südamerika, sagt Humboldt, ist weder das eine noch das andere: kein Paradies und keine Hölle. In antiker Verkleidung widerspricht er den europäischen Phantasien von der Neuen Welt.

Im Verlauf der Reise geschieht mit Humboldts Klassizismus, der ihm anfangs als imperiales Modell diente, etwas Merkwürdiges. Das Konzept der Antike verliert allmählich seine Eindeutigkeit. Bald ist sich Humboldt nicht mehr sicher, ob die Indianer den antiken „Barbaren“ entsprechen, etwa den asiatischen Skythen, oder aber den Griechen selbst. Er weiß, dass die Griechen ihre Einflüsse von wesentlich älteren Zivilisationen aus Afrika und Asien empfangen hatten. Ihre Antike taugt nicht mehr, um europäische Herrschaftsansprüche zu rechtfertigen.

Schließlich scheinen Humboldt seine eigenen rhetorischen Verfahren fragwürdig vorzukommen. Er warnt vor der „Neigung der Reiseschriftsteller“, bei neu entdeckten Völkern „all das wieder zu finden, was uns die Griechen über das erste Zeitalter der Welt gelehrt haben“. Er beginnt den Automatismus seiner Erzählung zu durchschauen. Und er zieht daraus die Konsequenzen. Dass sich ausgerechnet kubanische Sklavenhalter auf das alte Griechenland und die Zivilisation der Römer berufen, macht den Autor der Klassik nachdenklich. Fortschritt und Aufklärung scheinen Gewalt und Barbarei damals wie heute nicht auszuschließen.

Humboldt sieht keine absoluten Unterschiede zwischen den Menschen, schon gar keine ethnisch begründeten, sondern allenfalls kulturelle Nuancen. Die Ähnlichkeiten sind zahlreich. Hier wie dort wurden Höhlen, in denen Vögel lebten, für Eingänge der Unterwelt gehalten. „Primitive“ Völker auf beiden Kontinenten vergötterten die gleichen Steine: die „Wilden“ in Amerika wie die Bewohner Thrakiens. Deren „altehrwürdige“ Einrichtungen „verbieten es uns“ jedoch, sie als Wilde anzusehen. Humboldt scheint zu zögern. Dass ihn die Instrumente der Ureinwohner an Panflöten erinnerten, war kein Zufall. Überall verwendeten „Völker im Naturzustand“ solche Flöten.

Die alten Griechen „ein Volk im Naturzustand“? Wie die Wilden am Orinoco? In der Beschäftigung mit den Kulturen Amerikas gelangt Humboldt zu einer Einsicht mit weitreichenden Folgen: Wenn mich die Indianer, so scheint er sich zu sagen, dauernd an die alten Griechen erinnern, dann wären umgekehrt die Griechen auch nichts weiter als ein vergleichsweise primitiver Stamm, den wir historisch verstehen und von seinem Sockel herunterholen müssen. Der Klassizismus hat als Muster der Wahrnehmung ausgedient. Er ist dem Reisenden abhanden gekommen. Eine derart „neue Conception der Griechen“ bringen wir erst mit Friedrich Nietzsche in Verbindung. Dieser hat ein dreiviertel Jahrhundert nach Humboldts Reise in seiner „Geburt der Tragödie“ die „dionysischen“, gewalttätigen Aspekte der griechischen Kultur aufgedeckt. Das Griechische bezeichnete er als „unsere neue Welt“. Als ob er dabei an Alexander von Humboldt gedacht hätte.

Der Autor ist Literaturwissenschaftler an der Freien Universität Berlin. Zusammen mit Ottmar Ette gab er Alexander von Humboldts „Ansichten der Kordilleren“ und „Kosmos“ in der „Anderen Bibliothek“ im Eichborn-Verlag heraus.

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