Gesundheit : Neues vom Zebrafisch

Adelheid Müller-Lissner

Ausgewachsen ist der Held des Entwicklungsromans knapp daumenlang. Zum Filmstar prädestiniert ihn aber schon früh seine Durchsichtigkeit: Von Anfang an kann man das Wachstum des Embryos im Ei gut verfolgen. Entwicklungsbiologen schätzen das am Zebrafisch. Als weitere Annehmlichkeit kommt hinzu, dass sich bei ihm problemlos Gene ausschalten und daraus folgende Veränderungen untersuchen lassen. Ganz abgesehen davon, dass der Zebrafisch wie der Mensch zu den Wirbeltieren zählt.

„Klein ist der Zebrafisch, doch groß sind die Geheimnisse des Lebens, die ihm zu entlocken sind“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit am Dienstag in der Urania. Er sprach die Laudatio für die Entwicklungsbiologin und Medizin-Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard, der die Urania-Medaille für „hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Volksbildung“ verliehen wurde. „Eine Medaille für Betätigungen, die ich gern habe“, versicherte die Geehrte.

Sie bewies das sogleich mit der Präsentation noch unveröffentlichter Forschungsergebnisse ihrer Arbeitsgruppe am Tübinger Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie zum Modellorganismus Zebrafisch. Obwohl erwachsene Wirbeltiere ziemlich verschieden aussehen, hat ihr Körperbau Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel einen Ansatz von Rückgrat: Die Körperachse ist schon beim Embryo mit einem Stützorgan versteift, das die Biologen Chorda nennen. Darüber entwickelt sich dann der Ausgangspunkt des Zentralnervensystems, das Neuralrohr, an dessen Kopfende sich das Gehirn entwickelt.

An der Oberseite des Neuralrohrs legen dafür während der embryonalen Entwicklung Zellen weite Weg zurück. Bei Mensch, Maus und Fisch. Im Film ist deutlich zu erkennen, wie sie im Inneren des Zebrafisch-Embryos wandern: Plakoden, Bündel von Zellen, aus denen später Sinnesorgane werden. Axone, Stränge von Nervenzellen. Und Gliazellen, die um Nervenzellen einen schützenden Mantel bilden. Wer zeigt hier wem den Weg? Nüsslein-Volhards Arbeitsgruppe hat herausgefunden, dass die Plakoden die Pfadfinder sind. „Sie ziehen das Axon hinter sich her, die Gliazellen folgen.“

Winzige Details, möchte man meinen. Doch für die Entwicklung von Organismen sind sie entscheidend. „Embryologie ist viel komplizierter als Genetik“, gab Nüsslein-Volhard zu bedenken. Ihr Verdienst besteht darin, beide Bereiche verbunden zu haben. Schon bei der Fruchtfliege Drosophila interessierten sie nicht die Gene allein, sondern die Produkte, deren Herstellung sie im Embryo veranlassen. In den letzten Jahren hat sie in der öffentlichen Debatte über das Klonen immer wieder darauf hingewiesen, wie komplex, subtil und störanfällig die Embryonalentwicklung abläuft. Hier einzugreifen, ist alles andere als ein Kinderspiel.

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